

Publiziert am 29/06/2020
Arsenvergiftungen, Anilindämpfe und Explosionen der Reagenztöpfe stellten bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die grössten Schrecken für die Mitarbeitenden der chemischen Industrie dar. Allzu oft verursachten diese Unfälle bleibende Schäden oder führten gar zum Tod. Auch die Nachbarschaft war damals wenig begeistert über die Emissionen der Produktionsbetriebe – nicht umsonst wurden die ersten chemischen Fabriken im Basler «Gesetz über das Sanitätswesen und die Gesundheitspolizei» von 1864 zu den gesundheitswidrigen Gewerben gezählt, die in den eng gebauten Quartieren der Stadt nicht gestattet waren.
Doch die Unternehmer arbeiteten intensiv an der Verbesserung der Situation sowohl für die eigenen Angestellten als auch für die Bevölkerung. Schon einige Jahre später machte ein externer Inspektor die Feststellung, dass weniger giftige Stoffe gebraucht und die gefährlichen Reaktionen nun «unter gutem Verschluss» vorgenommen würden.
In den gleichen Zeitraum fällt auch die Einführung der ärztlichen Dienste für die Mitarbeitenden. 1872 wurde Albert Hugelshofer als erster Fabrikarzt der Gesellschaft für Chemische Industrie Basel erwähnt. Die Firma Bindschedler und Busch hielt dazu 1874 in ihrer «Beschreibung der Fabricationsmethoden» fest: «Einige Male pro Jahr werden sämtliche Mitarbeitenden ärztlich untersucht und namentlich die Arbeiter strenge angehalten, sich der grössten Reinlichkeit zu befleissen und ihnen zu diesem Behufe Seife und Badegelegenheiten geboten.» Zu den Funktionen der frühen Fabrikärzte, die meist im Nebenamt tätig waren, gehörten vor allem Eintrittsuntersuchungen, periodische Überprüfungen der Gesundheit und die Behandlung der Verunfallten und Erkrankten.


Vom Firmensport zum Früchteteller
Die Arbeitsbedingungen in der chemischen Industrie Basel verbesserten sich in den folgenden Jahren stetig. Neben den Unfallrisiken wurden auch die wöchentlichen Arbeitsstunden reduziert und die Mittagspause verlängert. Den Mitarbeitenden stand also in zunehmendem Masse «freie Zeit» zur Verfügung – eine gute Ausgangslage für verschiedene Sportarten, allen voran Turnen und Fussball, die nun ihren Einzug in den Firmen hielten. So entstanden kurz aufeinander die ersten Firmensportclubs der chemischen Industrie: Geigy (1920), Sandoz (1921) und CIBA (1925).
Betriebskantinen und Personalrestaurants spielen eine wichtige Rolle in Sachen «richtiger» Ernährung. Anfangs ging es vor allem um die möglichst effiziente Verköstigung der Mitarbeitenden, deren Zahl stetig wuchs, erst später rückte auch das Thema Gesundheit ins Blickfeld. «Es gab noch nie so viel Wissen über richtige Ernährung und gesunde Lebensführung», heisst es zum Beispiel 1973 in der Sandoz Hauszeitung. Und weiter: «Jeder Mensch sollte sich bei der Zusammenstellung seiner Kost an die folgenden Regeln halten: geizig mit Fett, sparsam mit Kohlenhydraten, reichlich Eiweiss, viel Obst und Frischkost.» Doch trotz der 365 Früchteteller, die während einer Sommerwoche im Personalrestaurant 501 konsumiert wurden, mussten die Redaktoren damals resigniert feststellen: «Es gibt aber ein Gericht, das sommers wie winters bei jeweils weit über 90 Prozent der Gäste in der Gunst steht. Dieser Menü-Hit heisst: Panierte Schnitzel und Spaghetti.»


Vorsorgeuntersuchungen und Suchtbekämpfung
Präventionskampagnen waren seit den 1940er-Jahren wichtiger Bestandteil der Gesundheitsfürsorge. Dazu ein Beispiel aus der CIBA: 1945 fand eine Schirmbilduntersuchung von 1200 technischen und kaufmännischen Angestellten statt; dabei konnte bei 61 Mitarbeitenden eine tuberkulöse Lungenaffektion festgestellt werden, die behandelt werden musste. Solche Schirmbilduntersuchungen, mit denen man nicht nur Tuberkulose (Tbc) diagnostizieren konnte, wurden bis in die 1970er-Jahre fortgesetzt – mit gutem Grund, wenn man bedenkt, dass noch 1970 in der Bundesrepublik Deutschland rund 5000 Menschen an Lungentuberkulose starben.
Auch der Prävention von Alkohol-, Drogen- und weiteren Süchten wurde grosse Bedeutung beigemessen. Sandoz führte 1956 eine grosse Studie zum Thema Rauchen durch, an der 99,7 Prozent der total 3266 Mitarbeitenden teilnahmen. Der Abschlussbericht beginnt behutsam: «Ist Rauchen schädlich? Ganz im Geheimen fürchtet dies fast jedermann.» Bei 68 Prozent Gewohnheitsrauchern unter den Männern war diese schonende Einführung verständlich; nur 32 Prozent bezeichneten sich als Nichtraucher. Gerade umgekehrt verhielt es sich bei den Frauen: 68 Prozent waren Nichtraucherinnen, 32 Prozent rauchten gewohnheitsmässig. Und Raucher stiessen damals durchaus auf Verständnis: «Wer einige Zigaretten im Tag, nach der Tagesarbeit eine Pfeife oder einen Stumpen, nach dem festlichen Essen gern eine Zigarre raucht und dies wieder lassen kann, wenn er ungünstige Folgen verspürt, der darf dies ruhig tun. Wer aber merkt, dass er vom Zwang des Rauchens abhängig wird, wer mit unter 12–15 Zigaretten oder drei Stumpen nicht auskommt, dem ist Abstoppen sehr anzuraten», lautete die Empfehlung. Es dauerte dann noch einige Jahrzehnte, bis das Rauchen in den Unternehmen auf speziell gekennzeichnete Zonen beschränkt wurde. Gegen den Alkoholkonsum in den Betrieben wurden ebenfalls strenge Massnahmen ergriffen; Sandoz etwa beschloss 1979 das «Alkoholverbot für alle während der Arbeitszeit».
Als besonders wirkungsvolle Präventi-onsmethode wurden den Mitarbeitenden Impfungen empfohlen. So ruft der werksärztliche Dienst der CIBA 1961 alle Mitarbeitenden unter 50 Jahren zur Schutzimpfung gegen Kinderlähmung auf, und Sandoz offeriert 1971 erst-mals die freiwillige Grippeimpfung für alle Mitarbeitenden.


Behinderte gehören zum Unternehmen
Am Beispiel von Sandoz sehen wir auch, dass die Integration von Kranken und Behinderten ein wichtiges Anliegen der Unternehmen war. Die Sandoz Gazette berichtet 1973 unter dem Titel «Invalide bei Sandoz», dass zwei blinde Mitarbeitende in der Telefonzentrale beschäftigt werden, «aber auch in andern Abteilungen und Gruppen sind blinde, gelähmte oder sonstwie behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, so im Portierdienst, im Personalwesen, im technischen Einkauf, bei Musterversand und beim PPBS-Verpackungsbetrieb». Im Anstellungswesen «werden auch Bewerbungen bereits invalider Personen um eine Stelle bei Sandoz sehr sorgfältig geprüft». Sandoz stellte übrigens auch spezielle Wohnungen für Invalide zur Verfügung.
Es war also ein weiter Weg von den Vergiftungen und schweren Unfällen des 19. Jahrhunderts über die ersten Aufklärungs- und Präventionskampagnen im frühen 20. Jahrhundert bis zum umfassenden Gesundheitsver-ständnis, wie wir es heute bei Novartis leben. Be Healthy und weitere Initiativen, wie sie etwa von den Bereichen Health, Safety & Environment, Diversity & Inclusion und Human Resources organisiert werden, unterstreichen die ausserordentliche Bedeutung der Gesundheitsförderung für Mitarbeitende und Unternehmen.
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