Poetische Augenblicke
Fokus auf Medizin
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Menschen
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Den Augenblick festhalten

Martin Vogt ist fasziniert von Medizin und Fotografie. Beides kombiniert er auf kunstvolle Weise.

Publiziert am 01/06/2020

Von Goran Mijuk

Fotos von Martin Vogt

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«Ungestellte Schwarz-Weiss-Porträts. Das bringt bei Fotos ein Element hervor, das mir persönlich besonders gefällt. Die Wirkung einer Aufnahme stützt sich dann ganz auf das Motiv und die Komposition.»

«Ungestellte Schwarz-Weiss-Porträts. Das bringt bei Fotos ein Element hervor, das mir persönlich besonders gefällt. Die Wirkung einer Aufnahme stützt sich dann ganz auf das Motiv und die Komposition.»

London, 2016.

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Martin Vogt ist eher ein ruhiger Typ. Als erfahrener Wissenschaftler bei den Novartis Institutes for BioMedical Research tauchte er auf der Suche nach neuen Wirkstoffen tief in die Geheimnisse der Biologie und der Chemie ein. Als diplomierter Chemielaborant weiss er, dass geringste Veränderungen an der Struktur eines Moleküls wesentliche Auswirkungen auf dessen Funktion haben können. Gleichzeitig ist ihm auch schmerzhaft bewusst, dass das grosse Ziel, ein neues Medikament zu entwickeln, allen Bemühungen zum Trotz stets scheitern kann.

«In der pharmazeutischen Forschung liegt das Ziel oft Jahre entfernt oder wird in manchen Fällen nie erreicht. Durch diese ständige Herausforderung habe ich gelernt, dass der Weg zum angestrebten Ziel ebenso wichtig ist wie das Ziel selbst», erklärt mir Martin Vogt bei unserem Treffen in Basel.

Diese Zen-artige Einstellung scheint Vogts ganzes Wesen zu prägen. Gleich bei unserer ersten Begegnung fiel mir auf, dass er sich auf unsere kurze Unterredung sehr gut vorbereitet hatte. Er kam mit zwei schwarzen Kartons unter dem Arm, die ordentlich mit weissen Gummibändern verschnürt waren, und wirkte wach und mitteilsam. Er wollte über seine Leidenschaft für die Fotografie sprechen und mir seine besten Arbeiten der vergangenen Jahre zeigen.

Erstmals hatte ich 2014 ein Bild von Vogt gesehen, als Novartis im Rahmen der Kampagne «Long Live Life» einen Fotowettbewerb veranstaltete. Die Bilder, die er dafür ausgewählt hatte, hoben sich sofort von der Flut an Fotos ab, die Tausende andere Mitarbeitende von Novartis eingereicht hatten.

Vogts Serie bestand aus mehreren Schwarz-Weiss-Fotos, die er 2013 während einer Indienreise aufgenommen hatte. Keines seiner Fotos entsprach den gängigen Klischees, wie sie von den meisten Amateuren (mich selbst eingeschlossen) zu erwarten wären, die auf Reisen in exotische Urlaubsländer unvergessliche Momente festhalten wollen. Kein Taj Mahal, keine überfüllten Bahnhöfe, keine Verkehrsstaus.

Vogt meidet das Offensichtliche, Einfache. Sein Blick konzentriert sich darauf, intensive persönliche Augenblicke festzuhalten, etwa wie ein Mann aus dem Zugfenster heraus Ausschau nach einem Freund hält oder ein Junge mit seiner Schultasche durch eine heruntergekommene Seitenstrasse geht.

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Varanasi, Indien, 2013.

Poe­ti­sche Au­gen­bli­cke

Diese beiden Schwarz-Weiss-Fotografien stecken voller Poesie: In ihnen ist ein flüchtiger, fast schmerzhaft persönlicher Augenblick eingefangen. Der Mann, der aus dem Zugfenster schaut und offenbar nicht bemerkt, dass er durch ein Kameraobjektiv beobachtet wird, zeigt einen dramatischen, aber dennoch natürlichen Gesichtsausdruck. Man hat das Gefühl, diesen Mann genau zu kennen, und kann seinen sorgenvollen Blick gut nachempfinden. 

Die aufrechte Haltung des Schuljungen, der von hinten fotografiert wurde, vermittelt Stolz und Zielstrebigkeit. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass er durch eine Gasse geht, in der sich mehrere ältere Männer auf den Weg zur Arbeit machen. Der Junge erscheint voller Hoffnung und Entschlossenheit, die Welt zu verändern. Und wir spüren, ohne dass er sich dessen bewusst wäre, die unendliche Weite seiner jungen, ehrgeizigen Seele.

«Im Jahr 2010, nach meinem MBA-Abschluss, entschloss ich mich, längere Zeit zu verreisen. Ich wollte eine Kamera mitnehmen», so schildert mir Martin Vogt die Anfänge seiner Fotografiebegeisterung. «Ich kaufte mir eine gebrauchte Profi-Kamera. Damit gelangen mir von Anfang an gleich sehr eindrucksvolle Aufnahmen.»

Ausgerüstet mit seiner Canon 5D Mark IV machte sich Vogt auf die erste von zahlreichen Reisen zu fernen Zielen. Sein Interesse an der Fotografie, an den Menschen und Landschaften wuchs mit jedem Kilometer, den er zurücklegte.

Nach der Rückkehr von seiner ersten Reise belegte er Fotokurse an der Central Saint Martins School of Design, einer Akademie der Londoner University of the Arts. «Da ich mir diesen ‹Ferrari› unter den Kameras gekauft hatte, wollte ich unbedingt lernen, wie man fotografiert und die Kamera richtig einsetzt. Ich wollte nicht einfach nur knipsen, sondern anspruchsvoll arbeiten.»

Inspiriert von weltbekannten Fotografen wie Helmut Newton begann Vogt mit der Porträt- und Landschaftsfotografie, meist in Schwarz-Weiss und bei Tageslicht. «Ich wollte Augenblicke festhalten, die in der Zeit gefangen sind. Meine Fotos sollten eine scheinbar ewige Qualität besitzen. So wie man die Fotografien von Helmut Newton betrachten und eine gewisse Universalität empfinden kann, so wollte ich Bilder schaffen, die nicht von einer bestimmten Modeströmung beeinflusst sind, die in ein paar Jahren niemanden mehr interessiert.»

Die Reisen mit der Kamera haben Vogt offenbar geholfen, seinen Blick weit zu öffnen und unverfälschte, erfüllende Momente festzuhalten. Nach seiner Rückkehr von der Indienreise im Jahr 2013 berichtete er im live Magazin ein Jahr später Folgendes: 

«Während meiner Reise in Indien per Rikscha, Auto, Bus, Bahn und Flugzeug war mir, als erlebte ich jeden Augenblick besonders intensiv. Ich fühlte mich so lebendig. Ich glaube, dieses Gefühl ist in der heutigen Welt sehr wertvoll, in der viele für das Morgen, für ihre Karriere oder für den Tag leben, an dem ihre Hypothek endlich abbezahlt ist. Dabei achten sie nicht mehr auf die kleinen schönen Dinge, die direkt vor uns liegen.»

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Porträt von Shohan, einem kasachischen Adlerjäger. Porträtaufnahme bei Tageslicht. — Mongolei, 2017.

Fo­kus auf Me­di­zin

Das Gespür für das Detail und für flüchtige Kleinigkeiten hat Martin Vogt niemals verloren. Bei späteren Reisen perfektionierte er seinen Stil, erweiterte sein Blickfeld und vertiefte sein Interesse an den Menschen. In seiner Frühphase hatte Vogt sich noch auf Porträtaufnahmen und reine Landschaftsfotografie konzentriert. Später unternahm er dann wochenlange Reportagereisen. Beispielsweise durch Sambia, wo er für Novartis auf Dienstreise war, oder in der Wildnis der Mongolei und in Georgien, wo er auf eigene Faust unterwegs war und Menschen und ihre Familien in ihrem Alltag beobachtete.

Sein grosses Interesse an Medizin und Naturwissenschaften zeigt sich auch in seiner Arbeit als Fotograf. Auf seiner Sambiareise nahm er eine Fotoserie von Menschen auf, die in ländlichen Regionen im Gesundheitswesen tätig sind. Er zeigte sie bei ihrer Arbeit in einfachen Krankenstationen. Auf gewisse Weise wurde so ein Traum für ihn wahr: Vogt sagte 2014 gegenüber dem live Magazin: «Ich würde gerne mehr Fotoreportagen machen. Ich habe da schon verschiedene Ideen. Ein Projekt wären Aufnahmen für eine NGO oder ähnliche Organisationen, die Menschen in Not helfen.» Er ist seinen Vorsätzen treu geblieben. Doch damit gibt er sich nicht zufrieden. 

Selbst nachdem Vogt für seine Fotoreportagen internationale Anerkennung erhalten hat, z.B. den Silver Award von One Eyeland Photography für eine Reportage über Adlerjäger in der westlichen Mongolei, strebt er immer noch nach mehr. «Ich spüre so etwas wie eine innere Berufung zur Fotografie. Mit ihr kann ich Menschen eine Stimme geben, die sich nicht selbst ausdrücken können. In vielerlei Hinsicht lässt sich das mit meiner Arbeit als Wissenschaftler vergleichen, bei der ich mich bemühe, Patientinnen und Patienten zu helfen.»

Diesem inneren Ruf folgend, ist Vogt auch bereit, seine Komfortzone zu verlassen. Ob er sich bei seiner täglichen Arbeit für ein Projekt einsetzt oder sich bei einer seiner Reisen durch die mongolische Steppe bei eisigen Temperaturen auf die Suche nach bemerkenswerten Motiven macht: Vogt ist stets bemüht, den Augenblick festzuhalten, um Wahrhaftigkeit und Schönheit zu finden. Dabei achtet er auf kleinste Details, die einen grossen Unterschied ausmachen können. «Natürlich ist dies manchmal eine ziemliche Herausforderung. Doch nur so kann ich mich weiterentwickeln.»

Alle Fotos sind in limitierter Auflage als Kunstdrucke hier erhältlich: martinvogt.ch

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