Als ich mit dem Tram in Richtung Chemiemuseum fahre, bin ich mir nicht ganz sicher was mich erwarten wird. Bei der Haltestelle «Ciba» auf der gegenüberliegenden Rheinseite des Novartis Campus steige ich aus. Mir wird bewusst, dass ich dieses Quartier nie in seinen Hochzeiten erlebt habe. Für mich war es schon immer ein eher ruhiger Ort in der Stadt. Ich suche konzentriert die vereinbarte Adresse, und stelle mich vor das Gitter, das den Zugang zum Gelände versperrt. Es wirkt wie eine Erinnerung daran, dass dies früher eine «geheime Stadt» war, zu der nur die Mitarbeitenden Zutritt hatten. Anderen blieb dieser Ort verschlossen. Lachend kommt mir Nicholas Schaffner entgegen. Er schliesst das Tor auf und lässt mich auf das Areal – ein beinahe symbolischer Moment, als würde er mir die Türen zur Vergangenheit öffnen.
Nicolas Schaffner auf dem Klybeck-Areal. Mit dem Chemie-Museum hält er die Erinnerung an die industrielle Zeit in Basel wach.
Bereits 2012 gründete er mit Kollegen den Verein Industrie- und Migrationsgeschichte Basel, um die Erinnerung an die ehemals grösste Industrie lebendig zu halten. Heute ist Schaffner wissenschaftlicher Leiter des Chemiemuseums. An diesem Tag wird er mich auf eine Reise in die Geschichte einer Industrie mitnehmen, die Basel wie kaum eine andere geprägt hat. Zwischen Industriezweig und Alltag Als wir das Museum betreten, eröffnet sich uns ein Raum mitten im Industriegebiet, der mit schwer einzuordnenden Gegenständen gefüllt ist, die auf die eine oder andere Weise mit der Chemieindustrie des 20. Jahrhunderts verbunden sind. Ohne Schaffners Erklärungen wäre vieles davon kaum einzuordnen: ein oranges Fahrrad, ein überdimensionierter Erlenmeyerkolben, zahlreiche Schwarz-Weiss-Fotografien und allerlei Zubehör, dessen Zweck sich mir nicht sofort erschliesst. Während ich mich umsehe, frage ich mich, woher sein Interesse an dieser Welt rührt. «Früher spürte man die Chemiebranche überall. Es war nicht nur eine Industrie, es war beinahe ein Gefühl, das die ganze Stadt durchdrang“, antwortet Nicholas Schaffner auf meine Frage. Während seiner Jugend liefen die Fabriken auf dem Klybeck-Areal noch auf Hochtouren, dichter Rauch stieg aus den Schornsteinen, und fast jede Baslerin oder jeder Basler kannte jemanden, der in der Chemiebranche arbeitete – oder war selbst Teil davon.
Viele der grossen Basler Chemiefirmen, darunter Sandoz, Ciba und Geigy, erweiterten im 20. Jahrhundert zunehmend ihr Geschäft um Pharma-Produkte. Chemie und Pharma verschmolzen so Schritt für Schritt in der Stadt und prägten Basel wie kaum eine andere Branche. Auch Schaffner hatte direkte Berührungspunkte mit dieser Welt: Sein Vater begann 1969 in der Pharmaabteilung von Geigy, wo er mit Vitaminen und Schmerzmitteln arbeitete. Sein Onkel wiederum war Laborant bei Ciba und experimentierte mit Klebe- und Kunststoffen. So nahm Schaffner schon als Kind die Präsenz der Branche in der Stadt wahr, nicht zuletzt, weil die Chemie- und Pharmaindustrie immer wieder Gesprächsthema am Familientisch war. «Nimm das Mal» Ich frage mich, wie sich Basel wohl in der Blütezeit der Chemie angefühlt haben musste: laut, voller Bewegung oder vielleicht gar nicht so anders als heute? Mich interessiert, wie sehr die Industrie den Alltag bei Schaffner zuhause prägte. Daraufhin schmunzelt er verlegen: «Einmal kam ich mit einer Fieberblase nach Hause, die ziemlich schmerzte. Anstatt mir eine normale Creme zu geben und zu sagen, das gehe bald vorbei, holte mein Vater ein kleines nummeriertes Fläschchen aus dem Kühlschrank und drückte es mir in die Hand: ‚Nimm das‘, meinte er nur», grinst Schaffner. Erst später erfuhr er auf Nachfrage, dass es sich um ein Präparat handelte, das noch in der Forschung war.
Das Chemiemuseum: Stolz und Wehmut in einem.
Dieses Erlebnis spiegelte nur einen kleinen Teil der allgegenwärtigen Präsenz der Branche in Schaffners Kindheit wider und machte ihm früh bewusst, wie stark diese den Alltag prägte. Und diese Verbindung zur Industrie spürten viele zu dieser Zeit, so Schaffner. Für sich selbst wählte Schaffner jedoch einen anderen Weg und studierte Kulturwissenschaften, da ihn die direkte Arbeit mit Menschen mehr zusagte als die Arbeit im Labor. Dieses Wissen und seine Perspektive als Kulturwissenschaftler kamen ihm 2012 zugute, als er gemeinsam mit Kollegen den Verein Industrie- und Migrationsgeschichte der Region Basel gründete. Auslöser waren die politischen Diskussionen rund um den Abriss und später tatsächlich der Abriss des Hochkamins im Klybeck. Obwohl dies nur die Spitze des Eisbergs war, hatten Schaffner und seine Kollegen das Gefühl, dass die Geschichte der Schweizerischen Chemie allmählich in Vergessenheit geriet. Deshalb legte der Verein den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung von Novartis im Jahr 1996. Ein Herzensprojekt Seit 2012 arbeitet der Verein daran, Geschichten mit Hilfe von Oral History zu bewahren. Dabei werden persönliche Erinnerungen und Erfahrungen mündlich festgehalten, um Einblicke in vergangene Lebens- und Arbeitswelten zu gewinnen. Im Mittelpunkt steht stets die individuelle Perspektive, ergänzt durch Dokumente und andere Quellen.
Auch Geschichten aus dem Alltag werden im Museum dokumentiert.
Der Fokus liegt auf der chemischen Industrie, genauer gesagt auf dem Alltag der Beschäftigten von 1945 bis 1996. Bis heute hat Schaffner rund 80 Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt, wobei manche Interviews bis zu acht Stunden dauerten. Hinzu kommen zahlreiche Dokumente, Objekte, Materialien und Archivalien. Die Arbeit mit den Zeitzeuginnen ist für Schaffner bereichernd: «Die Leute waren meist offenherzig und dankbar, ihre Geschichte erzählen zu können» sagt er im Interview. Viele der Befragten waren schon über 90 und berichteten frei aus ihrem Leben. Eine Frau jedoch blieb zurückhaltender: Sie hatte früher die Löhne der Direktoren ausgezahlt. Einmal im Monat wurde sie dafür in einen abgeschlossenen Raum gebracht, vor der Tür wachten zwei kräftige Männer, während sie die geheimen Summen vorbereitete. «Auch Jahrzehnte später spürte ich noch ihre Ehrfurcht. Die Verantwortung und die hohen Summen hatten sie geprägt», erinnert sich Schaffner. Über Details schwieg sie beharrlich. Ihre Loyalität und ihr Respekt gegenüber dieser Aufgabe waren unverkennbar. Abgesehen davon spürte Schaffner vor allem zweierlei: Dankbarkeit und Interesse. Dankbarkeit, die eigene Geschichte erzählen zu können, und Interesse, mehr über die Geschichte anderer zu erfahren. Der Verein stiess zudem auf grosses öffentliches Interesse: Viele Menschen wollen mehr über die Basler Chemie und ihre Bedeutung für das heutige Basel erfahren. Seit der Gründung haben über 1'500 Personen an Führungen über das Klybeck- Areal teilgenommen. Gleichzeitig bietet das Museum einen Ort der Erinnerung für all jene, die Teil der Chemieindustrie waren. Geschichten erzählen Nachdem Schaffner 2018 an der Universität Basel einen Kurs zu Oral History gehalten hatte, versprach er den Studierenden, dass aus dem gesammelten Material eines Tages eine Ausstellung entstehen würde. Die Geschichten waren zu wertvoll, um ungehört zu bleiben. Unterstützung fand der Verein bei Swiss Life, die ein passendes Gebäude zur Verfügung stellte. So wurde das Gebäude 314, eine ehemalige Fabrikhalle, im Jahr 2020 zum ersten Ausstellungsraum und damit zum Ort, an dem eine lange vergessene Geschichte wieder sichtbar wurde. Um diese Vergangenheit sichtbar zu machen, entstand die Ausstellung «Arbeitswelt Chemie». Sie zeigt, wie stark die Branche einst den Alltag prägte.
Einen grossen Teil seiner Arbeit widmet Schaffner dem Aufspüren von Objekten, die die verschwundene Industrie greifbar machen. Oft meldet sich jemand bei ihm mit einem Fund aus dem Keller oder Estrich: «Man kann sich als Aussenstehender kaum vorstellen, was da alles zum Vorschein kommt», sagt er lachend. Wichtig sei ihm dabei, dass die Stücke eine Geschichte erzählen und Einblicke in die Zeit geben. Und genau das tun sie: Dokumente, Fotos, Filme, Interviews und Gegenstände lassen das industrielle Erbe lebendig werden. Die Ausstellung gibt Einblicke in die Produktion von Farbstoffen, Agrochemikalien, Kunststoffen, Additiven und Pharmaprodukten und zeigt auf, wie es war, Teil dieser einst florierenden Industrie zu sein. Als ich durch die Ausstellung gehe, fällt mir sofort auf, wie sehr jedes Objekt und jeder Text eine Geschichte erzählt. Schaffner geht neben mir, zeigt auf Fotos, erklärt kleine Details bei Dokumenten oder erinnert sich an eine Anekdote aus einem Interview. Es wird deutlich, wie viele verschiedene Personen nötig waren, um diese pulsierende Industrie am Leben zu erhalten: Chemiker, Fabrikanten, Techniker und viele weitere. Manche Geschichten sind nüchtern, andere sehr persönlich, doch alle machen die Zeit greifbar.
Der ehemalige Industriestandort wird umgebaut.
Adieu Gebäude 105 Seit zwei Jahren war das Chemiemuseum Basel im Gebäude 105 auf dem ehemaligen Werksgelände Klybeck der Ciba-Geigy zuhause. Ende 2025 läuft die Zwischennutzung jedoch aus und ein weiterer Umzug steht vor der Tür. Für lange Zeit war unklar, ob und wo die Ausstellung weitergeführt werden kann. Nun wird sie in verkleinerter Form im ehemaligen Gebäude 401 an der Klybeckstrasse 200 gezeigt. Die Suche nach einer dauerhaften Lösung geht weiter. Als ich das Gelände verlasse, sehe ich die stillen Hallen und brachliegenden Flächen mit anderen Augen. Die Industrie, die hier einst pulsierte, lebt in den Geschichten weiter, die Schaffner und seine Kollegen bewahren. Geschichten von Arbeit, Menschen und Innovation, die diese Stadt geprägt haben. Und noch immer prägen.
Connect Chemiemuseum.
Abmontiert, abtransportiert und verlagert – Wo bleibt die Chemie im heutigen Basel? Früher war das Klybeck-Areal das pulsierende Herz der Basler Chemieindustrie. In den 1980er-Jahren strömten hier Tag für Tag Zehntausende Arbeiterinnen und Arbeiter durch die Fabriktore, während dichter Rauch aus den Schornsteinen den Himmel färbte. Heute ist es still geworden. Von den einstigen Produktions- und Forschungsstätten sind meist nur noch brachliegende Flächen übriggeblieben. Nur wenig erinnert noch an die bedeutende Vergangenheit der Basler Chemie. Text von Ann Weber — Fotos von Sophia Lavater.
Mit viel Liebe und Sorgfalt zusammengetragen.
Das Chemiemuseum gibt Einblick in eine vergangene Zeit. Vom Schwimmsack bis zu alten Prospekten.
Blicke ins Innere des Museums.
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