Als Sie zu Novartis kamen, waren Sie bereits eine bekannte Persönlichkeit in der Digitalbranche. Sie hatten jedoch noch keine Erfahrung in der Pharmaindustrie. Was veranlasste Sie dazu, in diesen für Sie neuen Bereich zu wechseln, in dem man der Daten- und Digitaltechnologie noch keine grosse Priorität beimass?
Es gibt viele Gründe, weshalb der Wechsel in die Pharmaindustrie für mich attraktiv erschien. Neben der enormen Zielstrebigkeit, mit der die Mitarbeitenden im Bereich der Forschung und Entwicklung innovativer, lebenswichtiger Medikamente tätig sind, und meiner eigenen Abenteuerlust hielt ich es für einen sehr günstigen Zeitpunkt, in eine Branche zu wechseln, die für den digitalen Wandel reif ist.
Was sind die Antriebsfaktoren dieses Wandels?
In den vergangenen 20 Jahren hat die Digitaltechnik enorme Fortschritte gemacht. Extrem leistungsstarke Computer, die Entwicklung innovativer Algorithmen und bahnbrechende Neuerungen im Bereich der künstlichen Intelligenz ermöglichen es Wissenschaftlern heute, Probleme anzugehen, die noch vor wenigen Jahren unlösbar schienen. Dies eröffnet enorme neue Chancen, die führende Unternehmen aus der Digitalbranche wie etwa Google, Amazon und Microsoft dazu veranlassen, auch im Gesundheitswesen aktiv zu werden. Neue Unternehmen befassen sich mit der Verknüpfung von Daten, klassischen Naturwissenschaften und der Medizin. Das erschien mir faszinierend. Ich habe auch deutlich gespürt, dass Novartis unter der Leitung von Jörg Reinhardt und Vas Narasimhan im grossen Stil in die Daten- und Digitaltechnologie einsteigen will. Dies war für mich sehr attraktiv – eine Lebensaufgabe quasi.
Wie würden Sie Ihren bisherigen Weg beschreiben?
Ich denke, dass wir aus operativer Sicht bisher wahrscheinlich sogar mehr erreicht haben, als wir uns erhofft hatten. Seit meinem Einstieg bei Novartis haben wir zwölf sehr wichtige Leuchtturmprojekte lanciert, die dazu beitragen, unsere Innovationsfähigkeit, unser operatives Geschäft und die Einbeziehung unserer Stakeholder, also der Patienten, Ärzte und Kunden, zu optimieren und den Weg für eine umfassende Digitalisierung von Novartis zu ebnen.
Wie ist der aktuelle Stand dieser Projekte?
Wir befinden uns noch in einer frühen Entwicklungsphase. Einige Initiativen sind weiter fortgeschritten als andere. Das ist ganz natürlich und hängt in der Regel mit der Komplexität der zugrunde liegenden Aufgaben zusammen. Doch wir machen Fortschritte und haben in den letzten Quartalen leistungsfähige Teams zusammengestellt. Auch erfahren wir starke Unterstützung von der Führungsebene. Ohne die Unterstützung beispielsweise von Jay Bradner und John Tsai wäre data42 nicht möglich. Dies gilt ebenso für unser KI-gestütztes Vertriebssupportprogramm ACTalya. Auch ACTalya erfährt starke Impulse von Susanne Schaffert und Marie-France Tschudin, um ein weiteres Beispiel zu nennen.
Wie würden Sie Ihre bisherigen persönlichen Erfahrungen bei Novartis beschreiben?
Da ich aus der Digitalbranche komme, bin ich von Natur aus ungeduldig und erwarte schnelle Ergebnisse. Bei Novartis war ich jedoch mit einer Komplexität konfrontiert, die sehr viel mehr Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen erfordert. Beim digitalen Wandel geht es nicht nur um die Digitalisierung analoger Prozesse. Es gilt, neue Wege dafür zu finden, wie Daten und die wissenschaftliche Forschung vereint werden können. Das ist enorm schwierig.
Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?
Manchmal wünschte ich, ich wäre Arzt. Nicht, um glaubwürdiger dazustehen, sondern um die Sachverhalte besser zu verstehen und die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, um zum Kern eines Problems zu gelangen. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dem Hype um die KI zu widerstehen und die KI nicht als das Nonplusultra zu betrachten. Vas Narasimhan ist hierbei eine grosse Stütze. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die KI kein Zauberstab ist, der es uns ermöglicht, neue Medikamente zu produzieren, gerade so, als müsse man nur eine Münze in einen Verkaufsautomaten werfen und schon kommt das neue Medikament heraus. Wir müssen die richtigen wissenschaftlichen Fragen stellen und die Daten strukturieren, um sinnvolle Antworten zu erhalten. Das erfordert enorm schwierige, anspruchsvolle Arbeit. Doch auf lange Sicht werden wir dadurch Kosten senken und den Zeitrahmen für die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente verkürzen können.
Im Rahmen des digitalen Wandels haben Sie vier Prioritäten festgelegt. Ein weiteres Ziel neben den Leuchtturmprojekten ist es, aus Novartis ein digitales Unternehmen zu machen. Können Sie dies näher erläutern?
Auf jeden Fall ist dies auch eine Weiterentwicklung unserer Kultur. Wir möchten die Mitarbeitenden dazu bewegen, dass sie den Wandel mittragen und Know-how im Bereich der Informationswissenschaft erwerben. Aus diesem Grund haben wir die Plattform One Digital ins Leben gerufen. Sie gestattet es, unsere digitalen Aktivitäten zu bündeln, und ermöglicht es den Mitarbeitenden, voneinander zu lernen. Gleichzeitig verfolgen wir ein spezielles Programm zur Förderung der Führungskompetenz, das entscheidend dazu beitragen wird, diesen Umdenkprozess herbeizuführen.
Ein weiterer Eckpfeiler Ihrer Strategie ist es, zum führenden Partner der Technologiebranche zu werden.
Als wissenschaftsbasiertes Pharmaunternehmen liegt der Schwerpunkt unseres Know-hows im Bereich der Medizin. Im gesamten Unternehmen beschäftigen wir bereits heute mehr als 1000 Wissenschaftler aus dem Bereich der Informationstechnologie. Dennoch müssen wir mit den besten und agilsten Partnern aus aller Welt zusammenarbeiten, um Fortschritte zu erzielen. Unter anderem sind wir Kooperationen mit IBM Watson und mit dem Big Data Institute der University of Oxford eingegangen und haben die Plattform Biome für die Zusammenarbeit mit Start-up-Unternehmen zur Erweiterung unserer Kompetenzen und zur Beschleunigung unserer Entwicklung eingerichtet. Vor Kurzem haben wir auch unsere Partnerschaft mit Tencent ausgeweitet und arbeiten auch mit Amazon Web Services zusammen.