Live. Magazine

Connect
Interview mit Lutz Hegemann.
Brücken bauen zwischen Innovation und Verantwortung
Er ist Arzt, Forscher und Manager – und repräsentiert nun Novartis auch in der Schweiz: Ein Gespräch mit dem neuen Präsidenten Swiss Country Affairs, Lutz Hegemann, über Herausforderungen in der Schweizer Politik, sein Engagement für globale Gesundheit und was ihn persönlich antreibt.
Das Interview führte Katrin Schmid — Fotos von Laurids Jensen.
Ende letzten Jahres haben Sie die neue, erweiterte Rolle des President Swiss Country Affairs zusätzlich zur Leitung des Bereichs Global Health übernommen. Was beinhaltet diese neue Aufgabe?
Als President Swiss Country Affairs repräsentiere ich Novartis in der Schweiz und bin im engen Austausch mit Vertretern aus Regierung, Wissenschaft, Industrie und Gesellschaft. Es geht darum, den Dialog zu fördern, Partnerschaften zu stärken und die Schweiz als führenden Standort für Life Sciences zu unterstützen. Gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass Novartis weiterhin einen wichtigen Beitrag zur Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft leistet. Die Schweiz ist unsere Heimat – hier begann unsere Geschichte und hier investieren wir weiterhin in Forschung, in unsere Mitarbeiter und in Kooperationen.
Sie blicken auf 20 Jahre bei Novartis zurück, was waren Ihre beruflichen Stationen?
Vor 30 Jahren wechselte ich von der aktiven Patientenversorgung und akademischen Forschung in die pharmazeutische Industrie und kam 2005 zu Novartis in die Division Consumer Health. Seither hatte ich verschiedene Aufgaben inne – in Forschung und Entwicklung, Marketing, General Management und Corporate Affairs. Jede Rolle brachte interessante persönliche und professionelle Erfahrungen und Möglichkeiten für meine Entwicklung mit sich. Ich denke, dass ein derart langer und zugleich spannender beruflicher Weg nur in einem Unternehmen mit der Vielfältigkeit und der Unterstützung möglich ist, wie sie Novartis bietet.
Was treibt Sie bei Ihrer täglichen Arbeit an?
Als ehemaligen Arzt und Wissenschaftler im Bereich öffentliche Gesundheit motiviert mich immer wieder, wenn ich aus erster Hand erfahre, welch positive Wirkung auf Millionen von Patienten wir mit unseren Medikamenten und Gesundheitsprogrammen erzielen. Kürzlich war ich in Ruanda, wo wir unser Community-Health-Programm ins Leben gerufen haben. Innerhalb weniger Monate konnten wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Partnern vor Ort ein Programm entwickeln, das die steigende Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Land wirksam bekämpfen kann. Wir arbeiten aktiv daran, dieses Programm weiter auszubauen, um noch mehr Personen nicht nur in Ruanda, sondern auch in anderen Ländern des globalen Südens zu erreichen.
Hier in der Schweiz ist es vor allem die Freude, ein grossartiges Unternehmen, das mir sehr am Herzen liegt, in einem Land, das inzwischen meine Heimat geworden ist, repräsentieren zu dürfen. Über meine Tätigkeit bei Novartis hinaus engagiere ich mich auch in verschiedenen Fachverbänden und im Kuratorium des Swiss TPH.
Von links nach rechts: Lutz Hegemann, Vas Narasimhan, Bundesrat Guy Parmelin und Staatssekretärin Helene Budliger.

Worin sehen Sie in Ihrer neuen Funktion als Präsident von Swiss Country Affairs aktuell die grössten Herausforderungen für die Schweizer Politik?
Inmitten der geopolitischen Entwicklungen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind, sehe ich eine der dringendsten Herausforderungen darin, stabile Beziehungen zu anderen Ländern aufzubauen. Die EU ist unser wichtigster Handelspartner: Über die Hälfte unserer Exporte gehen dorthin. Für die pharmazeutische Industrie ist der Zugang zum EU-Binnenmarkt von entscheidender Bedeutung. Wir müssen sicherstellen, dass wir Mitarbeitende ohne bürokratische Hürden rekrutieren, unsere Medikamente ungehindert exportieren und in vollem Umfang an EU-Forschungsprogrammen teilnehmen können.
Die EU hat klar gemacht, dass sie bestehende Abkommen nicht modernisieren oder anpassen wird, ohne dass die Schweiz die bilateralen Beziehungen weiterentwickelt. Ohne Fortschritte riskieren wir eine allmähliche Erosion dieser Abkommen, mit spürbaren Folgen für unsere Industrie.
Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz hängt aber auch von der fortgesetzten Attraktivität des Binnenmarktes ab. Das schliesst ein, dass innovative Arzneimittel zeitnah und umfänglich der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Und hier gibt es dringenden Aufholbedarf.
Sie leiten auch den Bereich Global Health. Könnten Sie erläutern, woran diese Abteilung arbeitet?
Global Health ergänzt heute unser Kerngeschäft in drei Dimensionen: Erstens durch ein eigenes Portfolio an Medikamenten für vernachlässigte Tropenerkrankungen und Malaria, zweitens geografisch durch unser Engagement in Afrika südlich der Sahara, und drittens durch spezielle Geschäftsmodelle, die innovative Medikamente zu Menschen mit eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung bringen.
Die praktischen Erfolgsbeispiele sind vielfältig: Bei Malaria konnten wir in den letzten 25 Jahren über 1,1 Milliarden Menschen mit Medikamenten erreichen und investieren in neue Wirkstoffe. In der Bekämpfung chronischer Krankheiten, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen arbeiten wir mit lokalen Organisationen und Behörden zusammen – etwa beim Screening von Neugeborenen auf Sichelzellenanämie oder bei der Ausbildung von Gesundheitshelfern in Vietnam oder Bolivien.
Wir sind stolz auf unser 80-jähriges Engagement in diesem Bereich und engagieren uns weiterhin stark für die Förderung der globalen Gesundheit. Standen zu Beginn vor allem Spenden von Medikamenten im Vordergrund, etwa für Millionen von Patienten mit Lepra, so verfolgen wir heute einen langfristig tragfähigen Ansatz, der unser Geschäft näher an die Patienten heranbringt und die Gesundheitssysteme nachhaltig stärkt.
Was bedeutet Ihnen die Schweiz persönlich?
Ich durfte die letzten 20 Jahre meines Lebens in der Schweiz verbringen und bin hierüber sehr glücklich. Es ist ein grosses Privileg, in einem Land zu leben, das sich durch eine hohe Lebensqualität, Stabilität und Sicherheit, aber auch durch eine starke Innovationskraft auszeichnet. Und ich bin dankbar dafür, zu einem System beizutragen, in dem öffentliche und private Akteure über einen respektvollen und konstruktiven Diskurs gemeinsam zu Lösungen finden. Auf persönlicher Ebene inspirieren mich die natürliche Schönheit und der kulturelle Reichtum der Schweiz sowie die vielen Interaktionen mit Menschen, die mein Leben bereichern, jeden Tag aufs Neue.
Vielen Dank für dieses Gespräch.


