Kann ein gut gemeintes Kompliment diskriminierend sein? Sätze wie «Sie sieht gut aus für ihr Alter» oder «Trotz seines Alters treibt er noch Sport» gehören zum Alltag. Weniger subtil sind Begriffe wie «Alters-Tsunami», «Ego-Boomer» oder «Überalterung», die regelmässig in Schlagzeilen und politischen Debatten auftauchen. Gemeinsam ist diesen Formulierungen, dass sie das Alter als Defizit, Belastung oder Ausnahme erscheinen lassen. Auch Bea Heim war nicht immer bewusst, wie tief solche Vorstellungen in unserem Denken verankert sind. Den ersten Anstoss, die eigenen Altersbilder zu hinterfragen, gaben ihr die Eltern. «Ich mag mich an ein Gespräch mit meinen Eltern erinnern, als ich noch ziemlich jung war. Sie berichteten mir von Situationen, in denen sie sich diskriminiert oder nicht geachtet fühlten», erzählt sie. Damals habe sie deren Erfahrungen noch nicht richtig einordnen können. Doch das Gespräch sei ihr geblieben. Mit der Zeit habe sie erkannt, dass auch sie älteren Menschen mit bestimmten Erwartungen und Vorurteilen begegnete. Wie verbreitet solche Vorstellungen sind, zeigen internationale Untersuchungen. In der Europäischen Sozialerhebung von 2008 war Altersdiskriminierung die am häufigsten wahrgenommene Diskriminierungsform, noch vor Sexismus und Rassismus. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind altersdiskriminierende Einstellungen weit verbreitet und jeder zweit hat Vorurteile gegenüber dem Alter. Trotzdem bleibt Ageismus oft unsichtbar. Viele Menschen erleben eine Abwertung aufgrund ihres Alters, können diese aber nicht als Diskriminierung erkennen oder benennen. Das liegt auch daran, dass solche Vorstellungen alltäglich und häufig nicht böse gemeint sind. Doch Altersbilder äussern sich nicht bloss sprachlich. Sie beeinflussen, was wir älteren Menschen zutrauen und welche Chancen, Mitsprache oder Behandlung wir ihnen zugestehen.
Wenn Diskriminierung zur Gefahr wird Wie weit die Folgen reichen können, wurde Bea Heim erst später bewusst. Sie erzählt im Interview mit dem Live Magazin im Juli 2026 von einem Mann, der sich nicht mehr zum Arzt traute, einfach weil er alt war und sich nicht mehr als wertvoll genug ansah, um Pflegedienste in Anspruch zu nehmen. Sein Fall zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn Menschen das Gefühl bekommen, ihre Beschwerden würden aufgrund ihres Alters nicht mehr ernst genommen. Gerade im Gesundheitswesen sind solche Erfahrungen keine Seltenheit, sagt Heim. Beschwerden werden auf das Alter geschoben, eine Rehabilitation wird verweigert oder eine Therapie als nicht mehr lohnenswert betrachtet. Auch bei der Medikamentenversorgung zeigen sich Probleme: Rund 19 Prozent der Verschreibungen für Menschen über 65 Jahre galten 2020 und 2021 als potenziell ungeeignet. Mögliche Folgen sind Stürze, Spitaleintritte und der Verlust von Selbstständigkeit. Verinnerlichter Ageismus Was geschieht, wenn Menschen die Vorurteile über das Alter selbst zu glauben beginnen? Werden ältere Menschen wiederholt als schwach, unselbstständig oder als Belastung dargestellt, können sich solche Bilder im eigenen Denken festsetzen. Aus dem gesellschaftlichen Vorurteil «Du kannst das nicht mehr» wird mit der Zeit der Gedanke: «Ich kann das nicht mehr.» Betroffene trauen sich weniger zu, ziehen sich zurück oder verzichten auf Unterstützung und medizinische Behandlungen. Das kann die Einsamkeit verstärken und dazu führen, dass Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und Zukunftsperspektiven verloren gehen. So verändert Ageismus nicht nur, wie man wahrgenommen wird, sondern auch, wie man sich selbst erfährt. Für Heim ist der Einsatz für ein selbstbestimmtes Altern deshalb keine neue Aufgabe. Bereits als Nationalrätin forderte sie eine nationale Strategie zur Förderung der Gesundheit und Autonomie im Alter. Später setzte sie sich auch für bessere Beschäftigungschancen älterer Arbeitsloser und gegen altersbedingte Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ein. Heute führt sie dieses Engagement als Präsidentin von VASOS weiter.
Kein Kampf zwischen Generationen Mit der Petition «Rechtlicher Schutz vor Altersdiskriminierung» rückte VASOS das Thema im Oktober 2025 auf die politische Agenda. Unterstützt wird das Anliegen von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV). Die Zusammenarbeit zwischen Jung und Alt sei von Beginn an zentral gewesen, betont Heim: «Unser Kernanliegen ist das Ankämpfen gegen Altersdiskriminierung und ihre Folgen. Davon betroffen sind sowohl junge als auch ältere Menschen, sei es beim Berufseinstieg oder später im Erwerbsleben.» Altersdiskriminierung dürfe deshalb nicht als Konflikt zwischen den Generationen verstanden werden. Vielmehr handle es sich um unterschiedliche Ausprägungen derselben Problematik. Die Petition soll auf diese Parallelen aufmerksam machen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Dass das Anliegen auf Resonanz stösst, zeigen die 25’770 gesammelten Unterschriften. Für Heim ist Altersdiskriminierung deshalb nicht nur ein Thema für direkt Betroffene. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft. Werden Menschen aufgrund ihres Alters ausgegrenzt, gehen Erfahrung, Wissen und Potenzial verloren. Gleichzeitig werden die Solidarität zwischen den Generationen und der gesellschaftliche Zusammenhalt geschwächt. Was sich konkret verändern soll Mit der Petition fordert VASOS einen nationalen Aktionsplan, konkrete gesetzliche Grundlagen und eine zentrale Fachstelle für Altersdiskriminierung. Denn obwohl die Bundesverfassung Diskriminierung aufgrund des Alters verbietet, fehlt Betroffenen im Alltag häufig ein wirksamer Schutz. Gleichzeitig arbeitet der Dachverband an einem Leitfaden für eine diskriminierungsfreie Sprache. Künftig sollen nicht das Geburtsdatum, sondern die Fähigkeiten, Erfahrungen und Leistungen eines Menschen im Zentrum stehen. Für Heim gehören beide Ebenen zusammen. Gesetze können vor konkreter Benachteiligung schützen, doch ebenso wichtig sei es, die Vorstellungen vom Alter in den Köpfen zu verändern. Denn eine Gesellschaft, in der Menschen immer länger leben, müsse auch neu darüber nachdenken, welchen Platz sie ihnen im Alter zugesteht. Genau darin liegt für Heim der grundlegende Widerspruch: «Es ist verrückt: Wir feiern ein langes Leben doch wir diskriminieren die Menschen, die es erreicht haben.»
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Connect Bea Heim im Gespräch. Das lange Leben und seine Widersprüche Text Ann Weber und Goran Mijuk. Fotos Sophia Lavater. Bereits der römische Philosoph Cicero beschrieb einen Widerspruch, der bis heute gilt: Viele Menschen wünschen sich ein langes Leben, dem Alter selbst begegnen sie jedoch mit Skepsis oder gar Ablehnung. Obwohl die steigende Lebenserwartung als gesellschaftlicher Erfolg gilt, sind ältere Menschen weiterhin mit Vorurteilen und Benachteiligungen konfrontiert. Das kann schwerwiegende Folgen für ihre Gesundheit und deren gesellschaftliche Einbindung haben. Das Problem sei dabei nicht das Alter an sich, sondern das Bild, das wir davon haben, sagt Bea Heim. Die ehemalige Nationalrätin ist Präsidentin der Vereinigung aktiver Seniorinnen- und Seniorenorganisationen der Schweiz (VASOS), die über 130’000 Menschen vertritt. Gegen diskriminierende Altersbilder und ihre konkreten Folgen geht der Dachverband nun auch politisch vor.
«Es ist verrückt: Wir feiern ein langes Leben doch wir diskriminieren die Menschen, die es erreicht haben.» Bea Heim
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