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Portrait Prof. Olaf Kern.

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Was gehört zum Gesundheitswesen?

«Denken wir endlich vom Patienten her» – Prof. Olaf Kern über die Gesundheitsversorgung von morgen

Am 9. Mai 2025 war Prof. Dr. Axel Olaf Kern, Professor für Gesundheitsökonomie an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, zu Gast im Novartis Pavillon. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Behind the Science sprach er über nichts Geringeres als die Zukunft der Gesundheitsversorgung – und wie sie gelingen kann, wenn wir bereit sind, alte Denkmuster zu verlassen.

Text von Goran Mijuk — Fotos von Adriano A. Biondo.

Sein Vortrag war kenntnisreich, engagiert und stellenweise bewusst provokant formuliert. «Ich möchte Denkanstösse geben – nicht alles ist bequem, aber vieles ist notwendig», betonte Kern gleich zu Beginn. Und tatsächlich: Die rund 90-minütige Präsentation bot eine Fülle an Impulsen, die beim Publikum auf grosses Interesse stiessen.

Kern begann mit einer nüchternen Analyse: Die demografische Entwicklung bringt unser Versorgungssystem an seine Grenzen. Allein in Deutschland werde sich die Anzahl der über 80-Jährigen bis 2050 nahezu verdoppeln – mit entsprechend steigenden Anforderungen an die medizinische Infrastruktur, insbesondere in ländlichen Räumen.

Doch der Engpass betreffe nicht nur Patientenzahlen, sondern vor allem auch das verfügbare Personal. Schon heute seien rund 70 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte über 50 Jahre alt, ein Drittel über 60. Nachwuchs sei schwer zu finden, und viele Praxen würden bei Pensionierungen nicht nachbesetzt. «Wenn Sie Ärztemangel hören, denken Sie an Arztzeitmangel», sagte Kern. «Es fehlt nicht nur an Köpfen – es fehlt an effektiv nutzbarer Kapazität.»

Digitalisierung? Ja – aber mit System

Dass Digitalisierung ein Schlüssel zur Entlastung sein kann, sei unbestritten. Doch der aktuelle Stand in Deutschland sei ernüchternd, so Kern weiter. Zwar gebe es zahlreiche Einzelanwendungen – von der elektronischen Patientenakte bis hin zu Telemedizinplattformen –, aber die Systeme seien häufig nicht kompatibel. «Es gibt alles», so Kern, «aber das eine hat mit dem anderen keine Schnittstelle. Und so funktioniert es nicht.»

Hier forderte er klarere regulatorische Rahmenbedingungen und mehr Bereitschaft zu vernetztem Denken. In Ländern wie Israel oder der Schweiz gebe es gute Beispiele dafür, wie digitale Lösungen im Alltag wirken können – etwa durch smarte Fernuntersuchungsgeräte, die Patienten eigenständig einsetzen können.

Neue Rollen, neue Modelle

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die Rolle nichtärztlicher Gesundheitsberufe. Kern plädierte dafür, medizinische Fachangestellte, Pflegekräfte oder Physiotherapeuten gezielt weiterzubilden und stärker in die Versorgung einzubinden. «In vielen Hausarztpraxen könnten 50 bis 60 Prozent der Aufgaben delegiert oder sogar eigenständig übernommen werden», sagte er. Gerade im ländlichen Raum könne das helfen, Praxen zu erhalten und Versorgungslücken zu schliessen.

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebendige Diskussion.

Mann stellt Publikumsfrage im Anschluss an Prof. Olaf Kerns Vortrag im Novartis Pavillon.

Auch neue Berufsgruppen wie Physician Assistants oder Nurse Practitioners sollten viel selbstverständlicher Teil des Systems werden. Was in den USA längst etabliert sei, stehe in Deutschland oft noch unter Generalverdacht – nicht zuletzt wegen berufsständischer Widerstände. Doch wer die Realität ernst nehme, müsse sich fragen: Was ist die Alternative, wenn keine Ärztinnen und Ärzte mehr vor Ort sind?

Der Patient als Ausgangspunkt

Besonders eindringlich war Kerns Forderung, Versorgung endlich konsequent vom Menschen her zu denken. Nicht vom System, nicht vom Budget, nicht von der Berufsgruppe – sondern von den Bedürfnissen der Patienten. Nur so könne man passende regionale und lebensnahe Versorgungsmodelle entwickeln. «Denken wir endlich vom Patienten her», sagte er – ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch den Abend zog.

Intensive Diskussion und viele Fragen

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebendige Diskussion. Die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland, mögliche digitale Lösungen, die Zukunft der stationären Pflege so­-wie Haftungsfragen bei delegierten Behandlungen waren nur einige der Themen, die das Publikum bewegten.

Besonders klar wurde dabei: Viele der Herausforderungen sind erkannt – die Lösungen zum Teil bereits vorhanden. Was fehlt, ist der politische und gesellschaftliche Wille, sie konsequent umzusetzen.

Fazit: Mut zur Veränderung

Der Abend mit Prof. Kern war weit mehr als ein Vortrag. Er war eine Einladung zum Neudenken – über Zuständigkeiten, Strukturen und darüber, wie Versorgung in Zukunft aussehen kann. Am Ende blieb nicht nur ein Impuls, sondern ein Appell: Nicht Systeme retten Menschen – Menschen müssen Systeme verändern. Und das beginnt damit, dass wir den Mut haben, alte Gewissheiten zu hinterfragen.