Es war bereits kurz nach 10 Uhr morgens, und wir warteten auf Charles Gubser, als Botond Roska die Nachricht erhielt, Gubser werde sich um einige Minuten verspäten. Er sei noch am Telefon, um einige Details zu einer wichtigen Transaktion zu klären, die ihn in den letzten Wochen beschäftigt hatte. Der besagte Deal, der zu einer weiteren 20-minütigen Unterbrechung unseres Interviews an diesem Vormittag führte, war ein Meilenstein für das Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel. Es ging um die Weitergabe eines optogenetischen Projekts an ein neues Unternehmen, RhyGaze AG, das die Entwicklung einer neuartigen Behandlung für eine erbliche Form der Blindheit fortsetzen sollte. Der gerade bevorstehende Vertragsabschluss spiegelte nicht nur die dynamische Herangehensweise des rund sieben Jahre zuvor gegründeten IOB wider, sondern zeigte auch, wie das Institut seine Forschungsarbeit nutzen konnte, um Finanzmittel zu generieren und einige seiner wichtigsten Forschungsergebnisse in bahnbrechende Therapien umzusetzen. Kurz gesagt: Die Transaktion steht für die Vision, die Novartis, die Universität Basel und das Universitätsspital Basel 2017 dazu bewogen hat, gemeinsam das IOB ins Leben zu rufen. Durch die Verbindung von Grundlagenforschung und Augenklinik sollte das IOB in der Lage sein, neue ophthalmologische Behandlungen zu entwickeln und dem damals herrschenden Defizit an Behandlungsmöglichkeiten in der Augenheilkunde entgegenzuwirken. «Ich habe hohe Erwartungen an dieses neue Wissenschaftszentrum. Ich bin überzeugt, dass das Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie durch die Bündelung unserer Expertise in der ophthalmologischen Forschung und klinischen Entwicklung sowie durch den Einsatz neuer Technologien wie der Gentherapie die medizinische Praxis verändern und Patienten auf der ganzen Welt helfen wird, ihre Sehkraft und ihre Lebensqualität zu verbessern», sagte Jörg Reinhardt, der ehemalige Verwaltungsratspräsident von Novartis, der zu dieser Zeit eine der treibenden Kräfte für die Gründung des Instituts war. Dass das IOB so schnell greifbare Resultate generieren sollte, war für alle Beteiligten eine positive Überraschung. Zu Beginn war das Institut nur eine Idee, getragen von einer Handvoll Menschen, die den Mut hatten, den Weg für ein Forschungs- und Entwicklungszentrum zu ebnen, um der Ophthalmologie aus ihrer Krise herauszuhelfen. Ein grosser Teil der anfänglichen Hoffnung beruhte auf der Arbeit von IOB-Direktor Botond Roska, einem ehemaligen Teamleiter am Friedrich-Miescher-Institut in Basel. Er hatte mehrere wegweisende Arbeiten veröffentlicht, in denen er sich eingehend mit der Netzhautforschung befasste und Möglichkeiten zur Behandlung von Augenerkrankungen mit neuen Gentechnologien prüfte. Seine Forschung eröffnete einen neuen Weg zur Behandlung einiger schwerer Augenerkrankungen, dennoch bedurfte es mehrerer bahnbrechender Entwicklungen, um einige seiner grundlegenden Forschungsideen in die Realität umzusetzen. Eine davon war die Entwicklung von Gentherapien per se, die um die Jahrtausendwende in eine Sackgasse geriet. Eine andere war die Erkenntnis, dass sich die Erforschung von Augenkrankheiten zu stark auf Tiermodelle stützte, die den Forschern falsche Anhaltspunkte lieferten. All dies änderte sich vor einigen Jahren mit dem Aufkommen leistungsfähigerer Gentechnologien, dem Einzug der Organoidforschung und dem weiteren Fortschritt der Augenforschung. «Innovationen in der Ophthalmologie sind eine grosse Herausforderung, nicht zuletzt, weil das molekulare und das zelluläre Verständnis des Auges nur langsam vorangeschritten sind», unterstreicht Charles Gubser, ehemaliger Co-Direktor des IOB. «Ein Bereich, in dem wir Fortschritte machen mussten, war, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie die Netzhaut Informationen aufnimmt, sie verarbeitet und an das Gehirn weiterleitet. Das ist ein Bereich, mit dem sich nur Botond und einige andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler intensiv beschäftigt hatten und deshalb in der Lage waren, dieses System zu verstehen und zu manipulieren», ergänzt Gubser. Neben den grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen war für Roska auch die Erkenntnis wichtig, dass Tieraugen als Modelle nicht ausreichen. «Sowohl in der Industrie als auch in der Grundlagenforschung hat man erkannt, dass die Übertragung von Mausmodellen auf den Menschen problematisch ist», führt Roska aus. «Und die meisten Erkrankungen, vor allem die weit verbreiteten, sind bei Mäusen nicht vorhanden, weil ihnen die wichtigste Struktur in unserer Netzhaut fehlt, die Fovea oder Makula, die für das Sehen wichtig ist.» Mit dem Zusammenwirken dieser Aspekte war ein günstiger Zeitpunkt gekommen, ein Institut wie das IOB zu gründen, das klinische und Grundlagenforschung miteinander verbindet, fügt Roska hinzu. Mit der Aufnahme von Charles Gubser, der von Novartis kam, wo er unter anderem in der globalen Arzneimittelentwicklung tätig war, verfügte das IOB dann über die nötigen translationalen Kompetenzen, um an neuen Therapien zu arbeiten. Für Gubser ist die Grundlagenforschung am IOB zwar wichtig, aber das Institut muss sich weiterhin auf seine Forschungsarbeit konzentrieren, um Ergebnisse zu erzielen, die den Patienten zugutekommen. «Wissenschaftliches Publizieren, als wichtiger Treiber und Erfolgsmassstab am IOB, ist ein Aspekt. Aber der eigentliche Massstab für unseren Erfolg ist, wenn wir das Leben der Menschen verändern. Um dies zu erreichen, muss der Fokus stärker auf das Gewinnen und das Optimieren von Erkenntnissen gesetzt werden, die sich in Medikamente umsetzen lassen», betont er. Herr Roska, ist mit der Gründung des IOB ein Traum für Sie wahr geworden? Die Entstehung des IOB geht auf eine bemerkenswerte Lücke in der Ophthalmologie zurück. Obwohl das Auge für Behandlungen und Diagnostik in einzigartiger Weise zugänglich ist, gab es einen eklatanten Mangel an therapeutischen Möglichkeiten, gemessen an unserem Reichtum an anatomischem und zellulärem Wissen. Diese Diskrepanz zwischen vorhandenem Wissen und der Zweckmässigkeit von Therapien hat uns veranlasst, das IOB zu gründen, mit dem Ziel, dieses ungenutzte Potenzial für die Entwicklung konkreter Lösungen zu erschliessen. Für mich persönlich, der ich bereits seit über zwei Jahrzehnten auf dem Gebiet tätig war, ging damit ein Traum in Erfüllung.
Sogar im Klybeck, einem ehemaligen Industriequartier, gibt es etwas Grün.
Herr Gubser, welche weiteren Faktoren waren wichtig? Fortschritte auf molekularer und zellulärer Ebene machten es endlich möglich, prädiktive Wissenschaft zu betreiben und an therapieversprechenden Projekten zu arbeiten. Andererseits zeichnet sich das IOB durch die Zusammenarbeit von Klinik und Forschung auf molekularer Ebene aus. Aus finanzieller Sicht war es der richtige Zeitpunkt, um über das IOB in Innovationen in der Ophthalmologie zu investieren. Möglicherweise führt dies zu einem echten Wandel in der Art und Weise, wie wir die Wissenschaft vom Auge, die klinische Praxis und dann hoffentlich auch die therapeutischen Ansätze angehen. Brauchten die Gründer Mut? Ich denke, dass aus der Sicht der Gründer, zu denen Novartis, die Universität Basel und das Universitätsspital Basel gehören, die Fortschritte in der Ophthalmologie insgesamt einen Wendepunkt darstellten, der sie veranlasste, das Risiko einzugehen und das Institut zu gründen. Mut war dennoch notwendig. Es gab keine Garantie, dass es funktionieren würde. Herr Roska, was die Forschung betrifft, so haben Sie auf dem Gebiet der seltenen Krankheiten wichtige Fortschritte gemacht. Wie geht es jetzt weiter? Ich denke, aus wissenschaftlicher Sicht war es sinnvoll, sich zunächst auf seltene Krankheiten zu konzentrieren, da wir über Tier- und Humanmodelle von Krankheiten verfügten und genabhängige und genunabhängige Therapieansätze entwickeln konnten. Aber natürlich wollen wir auch im Bereich weit verbreiteter Indikationen wie der Kurzsichtigkeit arbeiten, dem Bereich mit dem grössten Bedarf. In Zukunft werden der molekulare Mechanismus und die Behandlung der Kurzsichtigkeit ein zentrales Thema des IOB sein. Unser Ziel ist es, ihn aus verschiedenen Blickwinkeln anzugehen, um das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu verlangsamen. Welche weiteren Erkenntnisse haben die ersten sieben Jahre des IOB erbracht? Zu Beginn waren wir sehr entschlossen, an der Grundlagenforschung zu arbeiten und dort Fortschritte zu erzielen. Bei der Umsetzung dieser Erkenntnisse in potenzielle Medikamente standen wir allerdings vor einigen Herausforderungen. Mit der Unterstützung von Charles Gubser und Wissenschaftlern wie Bence György gelang es dem IOB, die notwendigen translationalen Kompetenzen zu gewinnen und Expertise in der Translation aufzubauen. Verglichen mit der Arbeit eines Grundlagenwissenschaftlers, der sich mitunter nur von seiner persönlichen Neugier leiten lässt, und der Tätigkeit in der Klinik, die sich auf die Pflege konzentriert, ist die translationale Kompetenz etwas, das wir erst entwickeln mussten. Herr Gubser, können Sie etwas über dieses translationale Mindset und die dafür benötigten Kompetenzen erzählen? Letztlich geht es darum, auf quantitativer Ebene zu verstehen, wie eine mögliche Therapie und ein Mechanismus funktionieren. In unserem fortschrittlichsten Programm, dem optogenetischen Ansatz zur Wiederherstellung des Sehvermögens, bestand eine der zentralen Aufgaben darin, die gesamte Kette von Ereignissen in einer Therapie eindeutig zu verstehen. Ohne diese Quantifizierung ist es sehr schwierig zu beurteilen, ob das, was Sie tun, nur eine Spielerei oder Glück ist, oder aber translationales Potenzial hat. Was bedeutet das für die Grundlagenforschung? Ohne exzellente Grundlagenforschung kann man keine gute Translation leisten. Wenn Sie also das System nicht in der Tiefe verstehen, können Sie es nicht wirklich zuverlässig manipulieren. Dabei gilt es zu bedenken, dass ein Grossteil dieser Grundlagenforschung davon abhängt, dass wir mit den richtigen Modellen arbeiten, nicht nur mit Tiermodellen wie bisher, sondern mit menschlichem Gewebe und mit Organoiden. Auch hier hat das IOB gewaltige Fortschritte gemacht. Darüber hinaus ist und bleibt die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Klinik entscheidend. Herr Roska, stimmen Sie dieser Feststellung zu? Absolut. Die Zusammenarbeit mit der Klinik macht das IOB einzigartig in der Welt der Ophthalmologie. Aber auch bei der quantitativen Kompetenz sind wir auf dem Vormarsch. Um nur ein Beispiel zu nennen: Einer unserer Gruppenleiter ist Professor für theoretische Physik, der genau deshalb zu uns stiess, weil unser Ansatz so datenorientiert ist und wir bis ins kleinste Detail die Prozesse, an denen wir forschen, verstehen wollen. Spiegelt sich dies auch in Ihrem PhD-Programm wider? Ja. Ein Schwerpunkt unseres PhD-Programms liegt auf diesem quantitativen Ansatz. So sind zum Beispiel Programmier- und Statistikkurse sowie verschiedene andere Fächer, die der Entwicklung dieser spezifischen Fähigkeiten dienen, für die Studierenden Pflichtfächer. Herr Gubser, wie wichtig ist Kompetenzenvielfalt am IOB angesichts der Tatsache, dass der Schwerpunkt auf quantitativer Forschung mit einer starken Ausrichtung auf datengestützte Fähigkeiten liegt? Ich denke, die Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen am IOB ist einzigartig. Wir haben Frauen, Männer, Physiker, Mathematiker, Biologen, Chemiker sowie Mitarbeitende, die Mikroskope bauen oder biologische Systeme manipulieren können. Das ist wirklich sehr vielfältig. Diese Zusammensetzung ist bewusst so gewählt, um eine Bandbreite von Aufgaben zu unterstützen, die sich alle auf das Auge konzentrieren. Auch die kulturelle Vielfalt ist gross. Wir haben Leute aus Kasachstan, Portugal, den USA, Brasilien und vielen weiteren Ländern. Ihre Hintergründe und Interessen sind sehr unterschiedlich, und das ist in der Regel auch gut so, denn die Menschen vereint das, was sie wirklich tun wollen, nämlich grossartige Wissenschaft zu leisten. Herr Roska, könnte das IOB angesichts dieser Vielfalt seinen Hauptsitz auch anderswo haben? Die Entstehung des IOB ist eng mit Basel verbunden. Kaum ein anderer Ort auf der Welt konnte das Know-how, den Mut und die finanziellen Mittel aufbringen, um ein solches Institut zu gründen. Aber die Schweiz bietet noch viele weitere Vorteile. Die Schweiz ist kulturell sehr offen. Sie fügt über eine starke Wissenschaftsgemeinde und ein Finanzierungssystem, das es Forschern ermöglicht, Spitzenforschung zu betreiben. All das macht die Schweiz und Basel zu einem sehr erfolgreichen Standort. Herr Gubser, können Sie auch über die Förderung sprechen? Die Mittelbeschaffung ist in der akademischen Welt immer eine Herausforderung. Wir hatten das besondere Privileg, von unseren Gründern grosszügig unterstützt zu werden. Diese Unterstützung wurde bei der Gründung des IOB zeitlich begrenzt. Ich bin zuversichtlich, dass wir die nächste Finanzierungsrunde mit den ehemaligen Gründern und möglicherweise auch mit einigen anderen Beteiligten bestreiten können, um das IOB voranzubringen. Aber natürlich hängt es auch von unserer Arbeit ab. Hier bin ich optimistisch angesichts des Erfolgs mit dem Zapfen-Optogenetik-Projekt. Mit der Übertragung Ihrer optogenetischen Assets haben Sie einen Weg gefunden, nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse in eine mögliche Therapie umzusetzen, sondern auch die zukünftige Finanzierung zu sichern. Wie wollen Sie nun weiter vorgehen? Wir sind offen für verschiedene Ansätze. Aber auch die Mittelbeschaffung für ein Asset, das über die Grenzen des IOB hinausgeht und sich möglicherweise zu einem Arzneimittel entwickeln lässt, ist eine Herausforderung, die Arbeit, Mühe und Erklärungen erfordert. Ich denke also, dass wir einen Teil dieser Arbeit übernehmen werden. Aber in Sachen Finanzierungsmodell haben wir uns nicht festgelegt. Für unsere Arbeit im Bereich der Optogenetik konnten wir uns eine Venture-Finanzierung mit der RhyGaze AG sichern. Die nächsten Transaktionen könnten anders aussehen.
Wissenschaft Botond Roska und der ehemalige IOB-Leiter Charles Gubser über die Zukunft der Augenheilkunde.
«Der ultimative Gradmesser unseres Erfolgs ist, wenn wir das Leben der Menschen verändern können» Interview mit Botond Roska, Direktor des Instituts für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel (IOB), und dem ehemaligen IOB-Co-Direktor Charles Gubser. Das Interview führte Goran Mijuk, Fotos von Laurids Jensen.
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