Wege im Bewusstsein der Menschen
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Der Weg zu null CO2-Emissionen

Um das Ziel der Klimaneutralität bis 2025 zu erreichen, gestaltet Novartis derzeit ihren Wagenpark um und macht diesen umweltfreundlicher. Ob dies gelingt, hängt wortwörtlich vom eingeschlagenen Weg ab.

Text von Patrick Tschan, Illustrationen von Philip Bürli

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Publiziert am 05/04/2021

Die Sonne stand im Spätherbst 1984 bereits recht tief, als wir den 1976er Ford Kombi in Death Valley Junction rund 150 Kilometer nordwestlich von Las Vegas auftankten. Der 5,8-Liter-V8-Motor des fast sechs Meter langen Autos, das wir für 500 US-Dollar gekauft hatten, verbrauchte rund 20 Liter auf 100 Kilometer. Ein Liter Benzin kostete rund 21 Cent, einmal Volltanken weniger als 20 Dollar. Wir lebten sorglos, im Radio liefen Tina Turner, Van Halen und Madonna. Wir verschwendeten keinen Gedanken daran, dass unser Auto auf dem Weg von Las Vegas ins Death Valley, am Aussichtspunkt Zabriskie Point vorbei, mehr als 160 Kilogramm CO2 ausstiess und es für die Fahrt quer durch die USA gar 1,8 Tonnen CO2 produzierte. Bei einer Party in Furnace Creek spielte die Band den Eagles-Hit Take It Easy.

26 000 Autos unterwegs

Bestünde der Fahrzeugpark von Novartis ausschliesslich aus den Ford Kombis von damals, würden sich allein deren CO2-Emissionen auf rund 611 000 Tonnen belaufen. Das wären mehr als zwei Drittel der gesamten jährlichen Treibhausgasemissionen von Novartis. Doch zum Glück umfasst der Pkw-Wagenpark 26 000 Fahrzeuge aus 18 unterschiedlichen Kategorien. Vom Kleinwagen wie dem Ford Ka oder dem Citroën C1 bis hin zu Limousinen wie dem Audi A6 oder dem 5er BMW und Luxus-SUV wie dem Volvo X90 oder dem VW Touareg ist alles dabei.   

Zum Einsatz kommen vorwiegend Diesel- und Benzinmotoren. Nur 10 Prozent der Fahrzeuge sind bislang mit Hybrid-, Plug-in-Hybrid-, Elektroantrieb oder mit einem reinen Ethanolmotor ausgestattet. Durchschnittlich legt jedes Auto von Novartis 30 000 Kilometer pro Jahr zurück. Dies entspricht einem Jahresmittelwert von 5,2 Tonnen Kohlendioxid pro Wagen. Mein Kombi blies damals mehr als 22 Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre. Aus heutiger Perspektive völlig inakzeptabel.

Enormes Sparpotenzial

«Die Zielvorgaben für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen des Fuhrparks gemäss den Klimaschutzzielen von Novartis für das Jahr 2025 zu erreichen, gestaltet sich manchmal schwierig und komplex», so Laszlo Kiss, Global Senior Procurement Category Manager des Bereichs Global Fleet. Die Zielsetzung stellt den Manager heute vor völlig neue Aufgaben. Früher zählte bei der Beschaffung von Neuwagen vor allem das Kriterium, die beste Qualität zum günstigsten Preis einzukaufen. Die Klimaneutralität ist aber ein völlig neuer Faktor. Die Entscheidung, um welche Fahrzeuge der Wagenpark erweitert werden soll, muss sich an neuen Kriterien orientieren.

Man kann sich vorstellen, dass dies nicht ganz einfach ist, denn die 26 000 Fahrzeuge, von denen die meisten im Aussendienst eingesetzt werden, sind in 79 Ländern unterwegs. Man findet sie auf der Route 66 in den USA ebenso wie auf den Champs-Élysées in Paris, auf der Panamericana und auch auf der Seidenstrasse.    

Ein versierter Fahrer transportiert dringend benötigte Medikamente auf einer afrikanischen Fernstrasse an ihren Bestimmungsort, ein Aussendienstmitarbeiter fährt durch die Strassenschluchten von Schanghai und ein Experte für Biodiversität besucht einen Wiederaufforstungsbetrieb am Rande des kolumbianischen Dschungels. «Wenn all diese Fahrzeuge mit einem Elektroantrieb oder wenigstens einem Plug-in-Hybrid- oder Hybridantrieb ausgerüstet wären, würde dies natürlich grosse Mengen an Treibhausgasen einsparen. Es wäre ein grosser Schritt in Richtung der für das Jahr 2025 vorgegebenen CO2-Zielvorgaben. Derzeit sind 90 Prozent aller Fahrzeuge des Wagenparks mit Verbrennungsmotoren ausgestattet. Diese Autos nach und nach durch Plug-in-Hybride und Elektroautos zu ersetzen, ist eine schwierige Aufgabe», räumt Kiss ein, der seit einem Jahr als Global Fleet Manager von Novartis tätig ist.

Nicht überall gibt es Ladestationen

Das weltweite Netz an befestigten und unbefestigten Strassen hat derzeit eine Länge von rund 32 Millionen Kilometern. Davon befinden sich etwa 6 Millionen in Mitteleuropa. Entlang dieser 6 Millionen Kilometer befinden sich rund 120 000 Ladestationen. Elektroautos können somit durchschnittlich alle 50 Kilometer aufgeladen werden – die wahrscheinlich höchste Dichte an Ladestationen für Elektrofahrzeuge und Plug-in-Hybride weltweit.

Doch auch wenn die Dichte im Schnitt auf den ersten Blick sehr hoch erscheint, steckt der Teufel im Detail: Nur in Norwegen und den Niederlanden gibt es derzeit ein fast landesweites Ladenetz, das Strom in ausreichender Kapazität und mit akzeptabler Ladegeschwindigkeit bereitstellt. In vielen anderen europäischen Ländern ist die Situation überhaupt nicht ideal. So muss eine Fahrt auf der Autostrada del Sole nach Süditalien beispielsweise sehr genau geplant werden. Viele Ladestationen befinden sich noch immer abseits der Autobahn, nur wenige direkt an den Autobahnrasthöfen und -tankstellen. Das Laden grösserer Batterien dauert immer noch rund 40 Minuten. Und ob die Nutzung der Ladestationen kostenlos ist, ist ebenfalls fraglich.

«Was die Sache für unseren Fahrzeugpark noch schwieriger macht, ist die Tatsache, dass in den übrigen 54 aussereuropäischen Ländern, in denen unsere Fahrzeuge eingesetzt werden, die Infrastruktur für den grossflächigen Einsatz von Plug-in-Hybriden oder E-Autos zu spärlich oder gar nicht vorhanden ist», ergänzt Kiss. Er und seine Mitarbeitenden analysieren ständig die politische, wirtschaftliche und soziale Lage in allen Ländern, in denen Novartis präsent ist und ihre Fahrzeuge unterwegs sind. Die Analyse zeigt, welche Meilensteine die betreffenden Länder und Regionen auf dem Weg hin zum Zeitalter der E-Mobilität bereits erreicht haben. Die Ergebnisse liefern der Abteilung eine Entscheidungsgrundlage zur zeitlichen Planung der Veränderungen. «Die Dichte und der Zugang zu den Ladestationen zählen zu den wichtigsten Indikatoren für die Frage, wann und wo wir die Zahl der eingesetzten Elektroautos erhöhen. Auf diese Weise kommen wir Meter für Meter voran auf unserem Weg zur Klimaneutralität», so Kiss.

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Wege im Be­wusst­sein der Men­schen

Herausforderungen für den Umstieg auf Elektroautos stellen einerseits die Infrastruktur und die Verfügbarkeit überzeugender Produkte. Andererseits spielt aber auch das Klimabewusstsein in den Köpfen der Menschen eine Rolle. «In nicht einmal fünf der 79 Länder, in denen unsere Fahrzeuge im Einsatz sind, ist eine angemessene Infrastruktur für Elektroautos vorhanden. Um ein Umdenken bei der Bevölkerung auszulösen, müssen diese emissionsfreien Autos in ausreichendem Masse ins Blickfeld geraten. Damit Elektroautos überhaupt als solche wahrgenommen werden und man sich idealerweise gar überlegt, von einem herkömmlichen Auto auf ein Elektroauto umzusteigen, müssen auf den Strassen eines Landes mindestens 1 Prozent Elektroautos unterwegs sein. Auch der Anteil der Länder, die dieses Kriterium erfüllen, ist gering», so Kiss.  

Es überrascht, dass Elektroautos seit der Erfindung des Automobils in den Köpfen der Menschen nicht stärker verankert sind. Im Jahr 1900 waren auf den Strassen New Yorks rund 40 Prozent elektrisch betriebene und nur etwa 20 Prozent benzinbetriebene Fahrzeuge unterwegs. Doch Verbrennungsmotoren setzten sich schnell durch. Billiges Benzin und vor allem die wesentlich höhere Reichweite – Elektroautos schafften damals nur höchstens 80 Kilometer – gaben den Ausschlag zugunsten der Verbrennungsmotoren. Im Jahr 1912, als die Handkurbel durch den Anlasser ersetzt wurde, musste sich das Elektroauto geschlagen geben. Heute ist die Reichweite der Elektroautos kein Kriterium mehr, das ihrem Kauf unbedingt im Wege stünde. City-Elektroautos von VW, Citroën oder Kia erreichen bis zu 300 Kilometer und mehr. Laut Werksangaben schaffen Premiumfahrzeuge von Tesla und Jaguar sogar 600 Kilometer.    

Das Umdenken setzt allerdings auch voraus, dass die Lenkerinnen und Lenker über ihre Bedürfnisse nachdenken. Sie sollten sich beispielsweise fragen, ob ein Luxus-Geländewagen für Grossstadtbewohner wirklich nötig ist und es nicht sinnvoller wäre, ein kleines, wendiges, gut ausgestattetes Elektroauto zu fahren. «Wenn sich jemand für eine solche Lösung entscheidet, könnten wir auch attraktive Mobilitätspakete anbieten, die beispielsweise Zeitkarten für öffentliche Verkehrsmittel sowie Mietfahrzeuge umfassen», so Kiss, der auf mögliche Alternativen zu den herkömmlichen Fahrzeugangeboten des Unternehmens hinweist.

Mehr Dynamik

Trotz technischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Herausforderungen ist Laszlo Kiss zuversichtlich, dass der Wandel bald kommen wird: «Eines der wichtigsten Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, war die Reaktion unserer Führungskräfte in den USA, die sehr positiv auf unsere Umgestaltungsvorschläge reagierten», so Kiss. «Dies zeigt, dass das Umweltbewusstsein überall in der Gesellschaft zunimmt und immer mehr Menschen bereit sind, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um die Natur zu retten.»    

Auch andere Länder setzen auf einen dauerhaften Wandel. Mitarbeitende in Basel haben beispielsweise eine Carpool-Initiative lanciert, die den Pendlerinnen und Pendlern die Fahrt zur Arbeit vereinfachen soll. Teil der Initiative, die jetzt auch auf andere Standorte ausgeweitet wird, ist eine Reservierungs-App. «Solche Massnahmen tragen dazu bei, dass wir eine höhere Dynamik erzielen und innerhalb des Unternehmens die nötige Unterstützung erfahren, damit wir unsere Zielsetzungen erreichen können», unterstreicht Kiss. «Das wird angesichts der regionalen Unterschiede und der komplexen Bestimmungen laufender Leasing-Verträge zwar nicht einfach. Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Unternehmensbereichen spreche, merke ich aber, dass es einen unbändigen Willen gibt, jetzt verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.»

Der Fahrplan

Vor diesem Hintergrund haben Kiss und seine Mitarbeitenden drei Konzepte mit unterschiedlichen Zielvorgaben für die CO2-Senkung des Fahrzeugparks bis 2025, 2030 und 2040 erarbeitet. Zum letztgenannten Termin soll der Wagenpark fast vollständig elektrisch sein.   

«Wenn wir es schaffen, den von unseren Fahrzeugen derzeit verursachten CO2-Ausstoss trotz des aktuellen Nachholbedarfs bei den Elektrofahrzeugen bis 2025 weltweit um drei Viertel zu reduzieren, haben wir wahrscheinlich keine schlechte Arbeit geleistet. Und wenn es uns ausserdem gelänge, das Umweltverhalten unserer Lieferanten nachhaltig zu beeinflussen, hätten wir ausserhalb unseres eigenen Unternehmens einen weiteren wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan», bilanziert Laszlo Kiss.  

Ich werde wohl dem Beispiel von Laszlo Kiss folgen und demnächst die Batterien meines Elektroautos in Death Valley Junction aufladen, dann am Aussichtspunkt Zabriskie Point anhalten und schliesslich bei Sonnenuntergang nach Furnace Creek weiterfahren. Vielleicht spielt uns dort wieder eine Band mit Take It Easy auf.

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