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Travels in medicine
Eine neue Attraktion für Basel.
Der Weg zur Öffnung
Lange galt Novartis in Basel als verschlossen und arrogant. Mit dem Bau des Pavillons und der Öffnung des Campus sucht das Unternehmen die Nähe zur Gesellschaft und bietet sich auch als Gesprächspartner an.
Text von Goran Mijuk, Illustrationen von Mayuresh Shirolkar, Videos von Laurids Jensen.
Die Menschenschlange, die sich in der Nähe des Rheinufers bis zur Tramstation auf der Dreirosenbrücke staute, strafte nicht nur die Zweifler Lügen, sondern rief auch bei den Optimisten ungläubiges Staunen hervor.
Mehr als 2000 Baslerinnen und Basler fanden sich Ende April 2022 bei der Eröffnung des Pavillons vor den Toren des Campus ein, um den neuen Ausstellungs- und Begegnungsort von Novartis zu besuchen. Ausgegangen war man nach Ende der Coronapandemie – im besten Fall – von einigen Hundert.

Ähnliche Szenen sollten sich später an den Industrie- sowie an den Museumsnächten abspielen und zeigen, wie neugierig das Publikum auf das ist, was Novartis zu bieten hat.
Seit der Eröffnung lockte der Pavillon mehr als 200 000 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt an. Hunderte interne und externe Events fanden im kreisrunden Bau des Architekten Michele de Lucchi statt, der mit seiner leuchtenden Fassade mitten im Novartis-Park Süd frische bauliche Akzente setzt.
Während der mehr als ein Jahrzehnt dauernden Konzept- und Entwicklungsphase für den Bau, der anfänglich als internes Lernzentrum für die weltweit knapp 100 000 Mitarbeitenden gedacht war, konnte sich niemand vorstellen, dass Novartis sich einst dem Publikum öffnen und den Dialog mit der Bevölkerung suchen würde.
Seit seiner Eröffnung kurz nach der Covid-Pandemie zieht das Pavillon große Besuchermengen an – sehr zur Überraschung von Novartis.

Das Verhältnis zur Öffentlichkeit war immer wieder stark angespannt. Skandale und Missverständnisse prägten das Nebeneinander. Auch der Campus war vielen ein Dorn im Auge. Man konnte das Areal zwar besuchen, doch ein schwerfälliger Anmeldeprozess hielt viele davon ab, die architektonischen Highlights zu entdecken. «Verbotene Stadt», hiess es allerseits.
Anstrengungen, die Bevölkerung und die Nachbarschaft mit dem Campus vertraut zu machen, gab es viele. Doch es war aus der Sicht des Publikums nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Novartis und ihr Campus, auch wenn er von seinen Schöpfern als Teil der Stadt verstanden wurde, blieb eine Art Fremdkörper.
Doch es kam zu einem Umdenken. Einerseits überholte der technologische Wandel mit digitalen Lehrmitteln das Bedürfnis nach einem Schulungskomplex. Zudem erkannte Novartis, dass man proaktiv auf die Gesellschaft zugehen muss, wenn es um die Einführung und Erklärung innovativer Technologien geht.

Diese gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen schufen den konzeptionellen Rahmen für den Pavillon, der nun als Ausstellungs- und Begegnungszentrum konzipiert wurde, in dem sich Interessierte mit der Pharmaindustrie auseinandersetzen und erfahren können, wie komplex und langwierig der Weg zu einem Medikament ist.
Neben der Dauerausstellung rief Novartis auch die Vorlesungsreihe Behind the Science ins Leben, in der Novartis-Mitarbeitende, aber auch externe Experten neue Technologien vorstellen und mit dem Publikum nicht zuletzt soziale Fragen rund um die Medizin diskutieren.
Das Bedürfnis für solche Diskussionen ist gross. Denn die Pharmaindustrie, die während rund 100 Jahren hauptsächlich kleinmolekulare Therapien entwickelte, hat in den vergangenen 10 Jahren einen unglaublichen Technologiesprung erfahren.
Gentechnologie, RNA-Therapien oder Nuklearmedizin, die vor 20 Jahren noch als utopisch galten, bilden heute das zukunftsgerichtete Rückgrat des Unternehmens. Verständnis für diese Therapieformen ist in der Bevölkerung allerdings kaum vorhanden. Wird über neue Therapieformen gesprochen, so gilt die Aufmerksamkeit immer wieder den hohen Preisen.
Doch das ist nur eine Seite der medizinischen Entwicklung. Der Weg zu neuen Therapieformen ist zunächst immer eine beschwerliche, jahrzehntelange Forschungsreise, die mehr von Rückschlägen als von Erfolgen geprägt ist. Diese Reise lässt sich nicht bloss auf die hohen Investitionen reduzieren, die nötig sind, um bahnbrechende Entwicklungen voranzutreiben.
Die Geschichte und die Geschichten dieses Fortschritts, die im Pavillon verhandelt werden, sind Teil der Kultur einer Gesellschaft und das Ergebnis einer stetigen Auseinandersetzung, die ihren eigenen Gesetzen folgt und von Trends bestimmt wird, über die weder die lokale Bevölkerung noch die Unternehmen die Kontrolle haben.
Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten industriellen Farbproduzenten ihre Tätigkeit aufnahmen, stritten sich Unternehmer und Bevölkerung vor allem um den Gestank, der aus den Fabrikhallen und Kaminen stieg, die noch innerhalb der damals bestehenden Stadtmauern lagen.

Als die Industrie ins Klybeck- und St.-Johann-Quartier auswich, liess man sie gewähren, wenn sie Abfall und Produktionsrückstände im Rhein entsorgten. Der unternehmerische Erfolg weckte Stolz und liess die Menschen selbst die rauchenden Kamine für eine Zeit vergessen. Erst das wachsende Bewusstsein für den Umweltschutz vergiftete das Verhältnis zur Industrie. Seveso und Schweizerhalle gaben den Kritikern recht.
Auch solche schwierigen Momente kommen im Pavillon zum Ausdruck. Denn hier soll kein poliertes Marketingbild des Unternehmens gezeigt werden, das sich dem Verkauf von Produkten widmet. Der Pavillon ist ein Ort des Dialogs und der Begegnung, der Zeit, Platz und Ruhe für eine umfassende Diskussion bietet.
Dass diese Anstrengungen nicht allerorten ernst genommen werden, sondern dass man dahinter eine ausgeklügelte Absicht erkennen will, kann man hinnehmen. Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt, der die Idee des Pavillons vorantrieb, sieht die Bringschuld bei Novartis. Und das ist richtig so.
Die Besucherinnen und Besucher, die bislang in hoher Zahl zum Pavillon pilgerten, konnten sich selbst ein Bild davon machen, dass Novartis hier nicht verklärt wird, sondern es darum geht, die Pharmaindustrie als Ganzes und ihre Einbettung in das soziale Netz der Stadt zu zeigen und auch vorzuleben.
Im Novartis Pavillon rückt die Medizin in den Fokus. Trotz der Komplexität des Themas interessiert sich das Publikum sehr dafür, mehr über die Geschichte und Bedeutung der Pharmaindustrie zu erfahren.

Als Teil der Museumsnacht, der Basler Geschichtstage oder an Anlässen wie dem Interfinity-Musikfestival ist der Pavillon Kulisse, aber vor allem auch Teil eines dynamischen Basels, das dabei ist, sein Verhältnis zur Wirtschaft und zur Industrie zu überdenken und die seit jeher bestehenden Verbindungen zwischen Stadt und Industrie neu zu beleuchten.
Für Novartis ist der Pavillon nicht nur ein Marker für die Öffnung gegenüber der Stadt. Der Pavillon und seine ideelle Ausrichtung haben auch eine Leuchtkraft gegen innen und sind Teil eines generellen Kulturwandels, der sich nicht auf Basel beschränkt, sondern alle Novartis-Standorte weltweit betrifft.
Ableger des Pavillons werden gerade in Hyderabad und East Hanover eingerichtet. Dabei geht es nicht nur darum, den Inhalt der audiovisuellen Ausstellung an weiteren Orten aufzustellen. Ein Hauptaugenmerk gilt dem Versuch, Kolleginnen und Kollegen in den USA, China, Indien oder in Deutschland zu inspirieren, ihre Fühler auszustrecken und das Gespräch mit der Öffentlichkeit zu suchen.
Dass ein solcher Kulturwandel nicht über Nacht geschieht, ist klar. Ebenfalls unbestritten ist, dass man mit Anfeindungen und Skepsis zu rechnen hat. Doch die Zeiten, in denen sich Unternehmen hinter einer Mauer verstecken und nur mit Philanthropie und Sponsoring Nähe und Vertrauen schaffen konnten, sind vorbei.
Heute gilt es neue Formen des Dialogs zu finden, da der technologische Wandel, der die starren Kommunikationsformen des 20. Jahrhunderts aufgerissen und zu einer Demokratisierung wie auch einer Verwilderung der Debattenkultur geführt hat, Althergebrachtes infrage stellt.

Der Pavillon bietet sich dabei als Ort an, in dem man ernsthafte Gespräche führen, mehr über die pharmazeutische Industrie lernen oder auch nur einen Kaffee geniessen kann, und das in einem Ambiente, das vor einem Vierteljahrhundert nicht einmal als Utopie denkbar und das St.-Johann-Areal eine Betonwüste mit gerade mal sieben Bäumen war.

Der Weg zu dieser Öffnung war lang und führte nie schnurgerade zu einem Ziel. Der Pavillon und der Campus wollen sich deshalb auch nicht als endgültige Lösung darstellen, die das gesellschaftliche Bedürfnis nach Transparenz und Kontakt ein für alle Mal befriedigen.
Pavillon und Campus sind Wegmarken in der Beziehung zwischen Industrie und Gesellschaft, die stets in Bewegung ist, neu interpretiert wird, sich im Fluss der Zeit durch Wirbel und Wellen bewegt und manchmal im seichten Wasser stecken bleibt, bevor die Fahrt in ruhigeren Gewässern weitergeht.
Wie sich der Pavillon und der Campus in 20 Jahren ausnehmen, weiss niemand. Doch schon heute ist klar, dass der technologische und gesellschaftliche Wandel das St. Johann auch in Zukunft prägen werden – eine Zukunft, die Novartis zusammen mit der Gesellschaft entwickeln möchte. Wenn das kein guter Anfang ist!
Im Jahr 2024 hat Novartis eine Audio-Tour für Besucher des Campus erstellt, die den Gästen einen historischen, kulturellen und wissenschaftlichen Überblick über den Standort St. Johann bietet. Erfahren Sie mehr über die Audio-Tour → here.


