Von Weitem wirkt der Novartis Campus an einem klaren Morgen beinahe wie eine eigene Stadt. Zwischen den hellen Fassaden spiegeln sich Bäume im Glas, Menschen sitzen unter Arkaden bei einem Kaffee, Fahrräder gleiten lautlos über das Granitpflaster, hier und da öffnet sich der Blick zum Rhein. Wer heute über die Fabrikstrasse spaziert, begegnet einer Architektur der Ruhe und Konzentration. Nichts erinnert auf den ersten Blick daran, dass hier einst Dampfkessel stampften, Güterzüge rangiert wurden und Schiffe Kohle, Chemikalien und Farbstoffe anlieferten. Doch genau darin liegt die Besonderheit dieses Ortes: Der Campus ist nicht auf einer grünen Wiese entstanden. Er ist das Ergebnis einer Transformation. Über mehr als hundert Jahre hinweg wurde auf dem St.-Johann-Areal gearbeitet, produziert, experimentiert und gebaut. Die Geschichte des heutigen Novartis Campus ist deshalb nicht bloss die Geschichte eines modernen Forschungsstandorts. Sie ist auch die Geschichte der Basler Industrie, der Chemie, der Pharmaforschung und letztlich der Frage, wie sich Arbeit im 21. Jahrhundert verändert. Als Novartis Anfang der 2000er-Jahre beschloss, das Areal vollständig neu zu denken, ging es um weit mehr als um neue Gebäude. Der Konzern wollte einen Ort schaffen, der Forschung fördert, Talente aus aller Welt anzieht und Zusammenarbeit ermöglicht. Architektur sollte nicht Kulisse sein, sondern Werkzeug. Der italienische Architekt und Städtebauer Vittorio Magnago Lampugnani erhielt den Auftrag, dafür einen Masterplan zu entwickeln. Was daraus entstand, gehört heute zu den ungewöhnlichsten Unternehmenscampus Europas. Anders als viele Firmensitze in den USA oder Asien ist der Campus nicht als abgeschottete Insel konzipiert. Vielmehr fügt er sich bewusst in die Stadt Basel ein und interpretiert klassische urbane Prinzipien neu: Strassen, Plätze, Parks, Arkaden und Begegnungsräume bilden ein dichtes Geflecht, das Wissenschaft, Arbeit und Alltag miteinander verbindet.
Als Ort der Begegnung bietet der Campus vielfältige Möglichkeiten zur Erholung und dem persönlichen Austausch ausserhalb der gewohnten Büroräumlichkeiten.
Der Campus erzählt aber auch von Basel selbst. Von einer Stadt, die früh begriff, dass Innovation nicht aus dem Nichts entsteht, sondern aus Netzwerken, Austausch und dem Mut zur Veränderung. St. Johann war lange ein Ort der Produktion. Heute ist es ein Ort des Wissens. Die industrielle Vergangenheit ist jedoch nicht verschwunden. Sie schwingt weiterhin mit – in der Geometrie des Areals, in einzelnen Gebäuden, in den Strassennamen und nicht zuletzt in der Mentalität eines Unternehmens, das seine Wurzeln in der Farbstoffchemie des 19. Jahrhunderts hat. Die Geburt eines Industriestandorts Die Geschichte des St.-Johann-Areals beginnt nicht mit Medikamenten, sondern mit Farben. Genauer gesagt mit einem wissenschaftlichen Durchbruch, der Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte. 1865 gelang es britischen Chemikern erstmals, synthetische Anilinfarben herzustellen. Was zunächst wie eine technische Kuriosität wirkte, entwickelte sich rasch zu einem industriellen Boom. Die neuen Farbstoffe waren günstiger, stabiler und intensiver als natürliche Pigmente. Innerhalb weniger Jahre entstand eine ganze Industrie, die zunächst England dominierte, später aber auch Deutschland, Frankreich und die Schweiz erfasste. Basel erwies sich früh als idealer Standort für diese Entwicklung. Die Stadt lag verkehrsgünstig am Rhein, verfügte über Handelsbeziehungen in ganz Europa und hatte Zugang zu gut ausgebildeten Chemikern. Zudem war die Textilindustrie der Region ein wichtiger Abnehmer der neuen Farbstoffe.
1886 gründeten Alfred Kern und Edouard Sandoz auf dem St.-Johann-Areal die Chemische Fabrik Kern & Sandoz. Ihre Anfänge waren bescheiden. Einige Produktionsräume, ein Kesselhaus, ein Labor und eine Dampfmaschine bildeten den Kern des Unternehmens. Doch die Nachfrage nach synthetischen Farbstoffen war enorm. Damals roch das Areal nach Kohle, Säuren und Lösungsmitteln. Dampfpfeifen bestimmten den Rhythmus des Tages. Lastwagen und Güterwagen transportierten Rohstoffe und fertige Produkte. Das Werk war eine industrielle Maschine. Doch schon früh begann Sandoz, über die reine Farbenchemie hinauszudenken. Vom Farbstoff zum Medikament Der Übergang von der Farbenchemie zur Pharmaforschung war kein Zufall. Viele chemische Verfahren, die zur Herstellung von Farbstoffen entwickelt worden waren, liessen sich auch für medizinische Anwendungen nutzen. Die Grenzen zwischen Chemie und Pharmazie waren fliessend. Während des Ersten Weltkriegs entschied sich Sandoz, eine eigene Forschungsabteilung aufzubauen. Dieser Schritt sollte die Zukunft des Unternehmens prägen. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Arthur Stoll, ein ETH-Wissenschaftler, der auf Empfehlung von Verwaltungsrat Robert Gnehm zu Sandoz kam. Stoll gelang es, aus Mutterkornalkaloiden therapeutisch nutzbare Substanzen zu isolieren. Sein Medikament Gynergen® wurde ein grosser Erfolg. Damit begann die pharmazeutische Ära des Unternehmens.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Forschung stetig. Neue Laborgebäude entstanden, Chemiker und Biologen arbeiteten zunehmend interdisziplinär zusammen, und die Bedeutung der Medikamente nahm kontinuierlich zu. Eine der schillerndsten Figuren dieser Zeit war Albert Hofmann. Der von Arthur Stoll eingestellte Chemiker experimentierte ebenfalls mit Mutterkornverbindungen und entdeckte dabei zufällig die halluzinogene Wirkung von LSD. In den 1950er- und 1960er-Jahren wandelte sich St. Johann zunehmend zu einem modernen Forschungs- und Produktionsstandort. Die Pharmaaktivitäten gewannen gegenüber der klassischen Chemie immer mehr an Bedeutung.
Der Park entlang des Rheins mit seinem einzigartigen Blick auf die Stadt lädt zur Erholung ein.
Neue Bürogebäude und Hochhäuser entstanden. Das Areal wurde verdichtet und technisch modernisiert. Wo früher einzelne Fabrikgebäude standen, entwickelte sich ein komplexes industrielles Netzwerk. Gleichzeitig veränderte sich auch das Selbstverständnis des Unternehmens: Forschung wurde zunehmend zum strategischen Kern.
Boomjahre und industrielle Verdichtung Die Nachkriegszeit brachte wirtschaftlichen Aufschwung. Basel entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren der europäischen Chemie- und Pharmaindustrie. Auf dem St.-Johann-Areal wurde gebaut, erweitert und modernisiert. Die Investitionen stiegen rasant. Neue Laborgebäude, Verwaltungsbauten und Produktionsanlagen schossen in die Höhe. Das markante Hochhaus «503» entstand ebenso wie das Personalrestaurant, das später als «Foodtower» bekannt wurde.
Der Hafen St. Johann spielte dabei eine zentrale Rolle. Über den Rhein gelangten Rohstoffe aus aller Welt nach Basel. Schiffe brachten Getreide, Kohle, Chemikalien und industrielle Güter. Das Quartier war laut, geschäftig und von Schwerverkehr geprägt. Gleichzeitig entwickelte sich Basel zu einem internationalen Wissenschaftsstandort. Universitäten, Kliniken und Unternehmen arbeiteten enger zusammen. Forschung wurde globaler. Doch der industrielle Boom hatte auch Schattenseiten. Das Areal war funktional organisiert, aber kaum menschenfreundlich. Zwischen Produktionshallen, Lagerhäusern und Bürogebäuden blieb wenig Raum für Aufenthaltsqualität. Grünflächen waren selten, die Architektur überwiegend utilitaristisch. Das St. Johann war ein Ort der Arbeit, nicht der Begegnung.
Frank Gehrys verspieltes Gebäude , das aus dem strengen Campusraster ausschert, verkörpert Kreativität, Innovation und internationale Anziehungskraft.
Die Krise der Industriegesellschaft Mit der Ölkrise der 1970er-Jahre geriet die industrielle Logik vieler europäischer Standorte ins Wanken. Globalisierung, steigender Konkurrenzdruck und die Verlagerung der Chemieproduktion nach Asien veränderten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Auch Sandoz und Ciba-Geigy spürten diesen Wandel. Die klassische Farbstoffproduktion verlor zunehmend an Bedeutung und die Spezialitätenchemie geriet unter Preisdruck. Gleichzeitig wurden Forschung und Innovation immer wichtiger. Als Folge dieser Entwicklung fusionierten Sandoz und Ciba-Geigy 1996 zu Novartis. Die Fusion markierte einen Wendepunkt. Das neue Unternehmen wollte sich konsequent auf Life Sciences konzentrieren – auf Medikamente, Forschung und medizinische Innovation. Das alte Industrieareal passte nicht mehr zu diesem Selbstverständnis. Zwischen modernen Laboren standen veraltete Produktionshallen. Lagerflächen wechselten sich mit Bürogebäuden aus verschiedenen Jahrzehnten ab. Das St. Johann wirkte wie ein Flickenteppich. Es fehlte ein verbindendes Konzept. Die Idee eines Campus Anfang der 2000er-Jahre entschied sich Novartis deshalb zu einem radikalen Schritt: Das gesamte Areal sollte neu gedacht werden. Der Begriff «Campus» war dabei bewusst gewählt. Er stand für Offenheit, Wissen, Austausch und internationale Vernetzung. Gleichzeitig wollte Novartis keinen abgeschotteten Firmenpark nach amerikanischem Vorbild schaffen. Der neue Standort sollte urban sein. Mit der Entwicklung des Masterplans wurde Vittorio Magnago Lampugnani beauftragt, ein Architekt und Städtebauer, der sich intensiv mit europäischer Stadtgeschichte und urbaner Kultur auseinandergesetzt hatte. Lampugnani verstand den Auftrag nicht bloss als architektonisches Projekt. Für ihn ging es um die Frage, wie Menschen arbeiten, kommunizieren und kreativ werden. Sein Ziel war ein Ort, der Wissenschaft fördert, ohne steril zu wirken. Lampugnanis Vision Lampugnani orientierte sich nicht an futuristischen Technologiestädten, sondern an historischen europäischen Stadtmodellen. Besonders faszinierte ihn die vorindustrielle Stadt: kompakt, durchmischt, fussgängerfreundlich und geprägt von öffentlichen Räumen.
Die Fabrikstrasse ist nicht nur die Hauptschlagader des Campus. In gewissem Sinn verbindet die Strasse auch die Zukunft mit der Vergangenheit.
Für Lampugnani war klar, dass Kreativität nicht allein in Laboren entsteht. Innovation brauche Begegnung, Zufall und Austausch. Deshalb stellte er den Menschen in den Mittelpunkt seines Masterplans. Die Fabrikstrasse wurde zur zentralen Achse des Campus. Von ihr zweigen Seitenstrassen rechtwinklig ab – wie in einer klassischen Stadtstruktur. Plätze, Arkaden, Cafés und Parks bilden Knotenpunkte der Kommunikation. Gleichzeitig entwickelte Lampugnani ein strenges Regelwerk, das dem Campus trotz der Vielzahl internationaler Architekten, die hier tätig wurden, eine gemeinsame Ordnung verleiht. Eine der wichtigsten Vorgaben war die maximale Traufhöhe von 22 Metern. Sie orientierte sich am historischen Verwaltungsgebäude Forum 1. Diese Höhenbegrenzung verhindert monumentale Dominanz und sorgt dafür, dass Licht, Luft und Massstäblichkeit erhalten bleiben. Zugleich entwickelte Lampugnani ein Raster, das bestehende industrielle Strukturen aufnahm und neu interpretierte. Der Masterplan war jedoch nie als starres Korsett gedacht. Im Gegenteil: Individualität war ausdrücklich erwünscht. Lampugnani formulierte es einmal so: «Städte, die wir lieben, tragen viele Handschriften.» Genau das sollte auch für den Campus gelten. Architektur als Dialog Einer der bemerkenswertesten Aspekte des Campus ist die Vielfalt seiner Architektur. Internationale Architekten wie Frank Gehry, Tadao Ando, David Chipperfield, Herzog & de Meuron oder SANAA entwickelten Gebäude mit eigener Sprache und Identität. Und doch wirken sie nicht beliebig.
Das liegt an der Stärke des Masterplans. Die einzelnen Bauten treten miteinander in Dialog. Sie respektieren gemeinsame Regeln, interpretieren sie aber individuell. So entsteht kein monotoner Firmenpark, sondern ein urbanes Gefüge. Der Campus funktioniert deshalb weniger wie ein klassisches Unternehmensareal als vielmehr wie ein Stadtquartier. Die Fabrikstrasse als Rückgrat Wer heute über die Fabrikstrasse geht, bewegt sich entlang der historischen Achse des Areals. Die Strasse existierte bereits zur Zeit der Industrialisierung. Lampugnani übernahm sie bewusst als identitätsstiftendes Element. Sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Entlang der Fabrikstrasse reihen sich Laborgebäude, Büros, Restaurants, Kunstwerke und Begegnungsräume aneinander.
Die Straßenbeschilderung ist elegant und unaufdringlich in den Boden eingelassen.
Arkaden schaffen Übergänge zwischen innen und aussen. Baumreihen strukturieren den Raum. Die Gestaltung wirkt kontrolliert, aber nie steril. Selbst Details wie Beleuchtung, Pflasterung oder Typografie wurden sorgfältig entwickelt. Die eigens entworfene «Campus Font» des Basler Typografen Albert Maag gehört ebenso dazu wie die Granitpflasterung oder die in den Boden eingelassenen Strassenschilder. All diese Elemente tragen zur Identität des Ortes bei. Design als Haltung Der Campus entstand nicht allein durch Architektur. Ebenso wichtig waren Grafikdesign, Landschaftsarchitektur, Lichtgestaltung und Kunst. Novartis engagierte dafür einige der renommiertesten Gestalter ihrer Zeit. Der Landschaftsarchitekt Peter Walker entwickelte die Grünräume. Der britische Designer Alan Fletcher entwarf das visuelle Erscheinungsbild. Harald Szeemann schuf ein Konzept für die Kunst im öffentlichen Raum. Gemeinsam entstand eine Gestaltungskultur, die weit über Corporate Design hinausgeht. Die Rolle der Kunst Kunst spielt auf dem Campus keine dekorative Nebenrolle. Sie ist integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts. Harald Szeemann verstand Kunst als Mittel, um Räume rhythmisch zu durchbrechen, Irritation zu erzeugen und neue Perspektiven zu eröffnen. Richard Serras monumentale Stahlskulptur «Dirk’s Pod» markiert das Ende der Fabrikstrasse wie ein urbaner Ankerpunkt. Andere Werke sind subtiler. Eva Schlegels «Walkway» etwa verbindet Architektur und Wahrnehmung. Ulrich Rückriems Steinskulpturen laden zur Kontemplation ein. Die Kunst soll nicht gefallen müssen. Sie soll Denkprozesse auslösen.
Kunst fügt sich nahtlos in die Campus-Erfahrung ein wie bei Eva Schlegels «Walkway».
Forschung als soziale Praxis Der Campus ist jedoch kein Museum. Er ist in erster Linie ein Arbeitsort. Und genau hier zeigt sich die eigentliche Radikalität des Projekts. Novartis wollte Arbeitswelten schaffen, die Zusammenarbeit fördern. Traditionelle Einzelbüros und isolierte Labore wurden mehr und mehr durch offene Strukturen ersetzt. Atrien, Begegnungszonen, Cafés und flexible Arbeitsbereiche ermöglichen spontane Interaktionen. Der Biochemiker Gottfried Schatz beschrieb den Campus einmal als «überdimensioniertes Reagenzgefäss», in dem Menschen und Ideen möglichst oft aufeinandertreffen sollen. Diese Metapher trifft den Kern. Innovation entsteht heute selten im Alleingang. Die Entwicklung moderner Medikamente erfordert Netzwerke aus Biologen, Chemikern, Datenwissenschaftlern, Medizinern und Ingenieuren. Der Campus versucht, diese Zusammenarbeit räumlich zu unterstützen.
History of Novartis 100 Jahre Innovation.
Die Neuerfindung des St. Johann: Wie aus einem Industrieareal ein Campus des Wissens wurde Das St.-Johann-Areal, das einst als kleiner Industriestandort begann, entwickelte sich zu einem der grössten Industriestandorte der Schweiz, bevor es zu einem wissenschaftlichen Spitzenzentrum und einem Campus des Wissens und der Begegnung umgestaltet wurde. Von Goran Mijuk.
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