Während wir uns dem roten Backsteinturm mit seinem ungewöhnlichen Spitzdach nähern und dann mit dem Aufzug in den 14. Stock fahren, wo man vom Sitzungssaal aus einen beeindruckenden Blick auf die Stadt hat, reisen wir zurück in die Zeit, als dieses längst vergessene Geschäftssymbol das pulsierende wirtschaftliche Herz Chicagos war. Fast 100 Jahre lang war der an einen toskanischen Glockenturm erinnernde historische Sears Tower aus der Zeit der Jahrhundertwende das Aushängeschild des Einzelhandelsriesen Sears. Er gab den Blick auf ein Industriegelände frei, das sich in einem Radius von fast einem halben Kilometer ausbreitete. Das aufstrebende Unternehmen sicherte Tausenden von Menschen Arbeitsplatz und Lebensunterhalt und machte die West Side von Chicago zu einer der wohlhabendsten Gegenden der Stadt. Doch dies begann sich in den 1970er-Jahren grundlegend zu verändern, als Sears seine Geschäftsleitung in das glamouröse Stadtzentrum verlegte und seine Produktion schloss, was zu einer regelrechten Abwanderung von Unternehmen führte. Der Hauptsitz des Unternehmens befand sich nun im neu errichteten Sears Tower, dem damals höchsten Gebäude der Welt. Die West Side von Chicago hatte sich bereits stark gewandelt. Mehr als 100 000 hauptsächlich weisse Einwohner verliessen das Gebiet, als das Kapital und die Mitarbeitenden von Sears abwanderten, und viele der seit den 1930er-Jahren zugezogenen schwarzen Einwohner wurden arbeitslos.
Teile der West Side von Chicago blieben als einer der ärmsten Stadtbezirke zurück. Charakteristisch für seine 550 000 Einwohner ist eine geringe Lebenserwartung. Je nach Postleitzahl kann der Unterschied im Vergleich zu den wohlhabendsten Stadtteilen Chicagos zwanzig oder sogar dreissig Jahre betragen.
Zwar deuten Daten darauf hin, dass die Kluft auf rassische und ethnische Unterschiede zurückzuführen ist, aber nachhaltige Ansätze zu ihrem Abbau gibt es kaum. Die strukturellen und wirtschaftlichen Barrieren sind so tief im Sozial- und Gesundheitssystem des Landes verwurzelt, dass es keine einfache Lösung zu geben scheint. Die Erleuchtung David Ansell ist jedoch davon überzeugt, dass es eine Lösung gibt. Um zu zeigen, wie Wandel möglich ist, lud er uns in den alten Sears Tower ein, wo für ihn Medizin und Wirtschaft untrennbar miteinander verbunden sind – eine Erkenntnis, für die er Jahre brauchte. Ansell hatte bereits mehr als zehn Jahre lang in Chicago gearbeitet und 1995 eine neue Stelle am Mount Sinai Hospital im Chicagoer Stadtteil Douglass Park angetreten, als er die Silhouette des alten Sears Tower erblickte.
Er sah den Turm zum ersten Mal, also erkundigte er sich. «Ich fragte: ‹Was ist das?› Jemand sagte: ‹Das ist der Sears Tower.› Ich antwortete: ‹Nein, der Sears Tower ist doch im Stadtzentrum.›» Der kurze Wortwechsel beim Anblick des Turms bleibt ihm als Schlüsselmoment in Erinnerung. «Mir wurde etwas klar, was ich im Medizinstudium nie hätte lernen können: Auf dem ehemaligen Sears-Gelände, das einst vier Häuserblöcke umfasste, waren rund 22 000 Menschen beschäftigt. Als Sears das Viertel verliess, wanderte auch das Kapital, das den Stadtteil einst getragen hatte, ins Stadtzentrum ab.»
Ansell begann seine Laufbahn 1978 im Cook County Hospital, bekannt für sein aktives Engagement für arme und benachteiligte Menschen, und war sich der Nöte Hunderttausender Einwohner von Chicago ohne Zugang zu medizinischer Versorgung schon damals bewusst. Doch als er den alten Sears Tower sah, wurde ihm klar, dass diese Menschen mehr brauchten als medizinische Versorgung: «Mir wurde bewusst, dass Medizin allein hier nicht in der Lage sein würde, tatsächlich Abhilfe zu schaffen. Um mehr Ärzte oder mehr Spitäler ging es nicht. Wirtschaftliche Not war die eigentliche Ursache des Problems.»
Viele Geschäfte wurden vor Jahren geschlossen. Die verbliebenen verkaufen oft vor allem Alkohol und Junkfood, was den Zugang zu gesunden Lebensmitteln erschwert.
Die Lücke schliessen Ansell hatte seine Mission gefunden: Er wollte den Schwächsten helfen und zugleich neue Strategien zum Überwinden von Rassenschranken und wirtschaftlichen Hürden entwickeln, die für das verantwortlich waren, was er als Sterblichkeitslücke bezeichnet. Nach seiner Tätigkeit am Mount Sinai Hospital wechselte Ansell 2005 zum Rush University Medical Center. Dort übernahm er als erster Chief Medical Officer die Leitung der Einrichtung und machte sie zu einer der leistungsstärksten Universitätskliniken des Landes. Doch das genügte Ansell nicht. Er setzte sich weiterhin engagiert für den Abbau struktureller Barrieren ein. Während seiner Zeit am Mount Sinai Hospital gründete er 2002 das Sinai Urban Health Institute, das den gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung erforscht und sich auf Massnahmen zur Verbesserung der Gesundheit in Gemeinden konzentriert. Am Rush half er bei der Einrichtung von Programmen wie der Metropolitan Chicago Breast Cancer Taskforce, heute bekannt als Equal Hope, sowie dem Rush BMO Institute for Health Equity. Ansell erkannte, dass es weitere Veränderungen brauchte: «Ich hatte nicht die Mittel, um tatsächlich etwas zu bewirken, bis ich zum Rush kam, einer Einrichtung, die über Ressourcen verfügt. Meine Aufgabe war es, das Rush zu einem erstklassigen Spital zu machen, was mit diesen Mitteln erreichbar war. Doch dann hatte ich ein Aha-Erlebnis – ich erkannte, dass ich mich auf das eigentliche Problem konzentrieren musste.»
Der alte Sears Tower, der heute Nichols Tower heisst, war einst das eindrucksvolle Zentrum eines weitläufigen Geschäftsviertels und ist ein Zeuge jener Zeit, als Gebäude aus rotem Backstein modern waren.
Im Jahr 2016 überzeugte Ansell Entscheidungsträger im Rush davon, den Auftrag ihrer Einrichtung anzupassen und darauf hinzuarbeiten, das Lebenserwartungsgefälle zwischen der West Side von Chicago und den wohlhabenderen Stadtteilen wie dem Loop mit seinen weltberühmten Wolkenkratzern, Luxusgeschäften und seinem privilegierten Lebensstil zu beseitigen. «Eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung bereitzustellen, genügt nicht. Wir müssen uns auch darauf konzentrieren, die Kluft bei der Lebenserwartung zu verringern», so Ansell, der 2016 der erste Leiter für gesundheitliche Chancengleichheit im Rush wurde. Im Sitzungssaal des historischen Sears Towers zeigte Ansell auf die Skyline von Chicago mit dem imposanten schwarzen Sears Tower, der jetzt offiziell Willis Tower heisst: «Die Lebenserwartung im Loop liegt bei durchschnittlich 85 Jahren. Wäre dieser Stadtteil ein Land, würde es zu den besten der Welt zählen. Nur sieben Stationen weiter mit der Blue Line sinkt die Lebenserwartung auf 66 oder 67 Jahre – wie in den US-Countys mit der niedrigsten Lebenserwartung.»
David Ansell blickt vom alten Sears Tower auf einen Stadtteil, der zu einem der ärmsten der USA gehört.
Der Sitzungssaal des alten Sears Tower wird noch genutzt. Die reale Wirtschaftskraft hat sich jedoch ins Stadtzentrum verlagert.
Ansell will diesen grossen Unterschied umkehren. «Diese Kluft ist ungerecht», fährt er fort, «unfair und unnötig. Wir wissen, dass wir daran etwas ändern können, doch es braucht dazu mehr als nur eine bessere Gesundheitsversorgung. Wir müssen die Ursachen wie strukturellen Rassismus und wirtschaftliche Not bekämpfen, indem wir Chancen für den Aufbau von Wohlstand schaffen. Das ist jetzt meine Mission.» Das Vermächtnis von Martin Luther King In seinem neuen Aufgabenbereich befasst er sich nun vor allem mit Management. Zwar behandelt er nach wie vor regelmässig Patienten. Er ist aber auch auf der Suche nach neuen Geschäftsoptionen, die finanzielle Wertschöpfung ermöglichen und sich zugleich nachhaltig auf die Gesundheitsversorgung auswirken. «Wenn man sich den Sears Tower anschaut, erinnert er eindrucksvoll und handfest daran, was passiert, wenn ganze Stadtteile den Zugang zu Arbeitsplätzen und zum Schaffen von Wohlstand verlieren», unterstreicht Ansell. «Die Menschen sterben nicht nur an Krankheiten, sondern auch am wirtschaftlichen Niedergang, den diese nach sich ziehen. Soziologen sprechen von «dreifacher Benachteiligung». Um dies zu erfassen, braucht man nicht nur medizinisches Wissen, sondern muss sich auch in Soziologie und Wirtschaft auskennen.»
Blick auf die Skyline von Chicago aus dem Fenster von Quintonele Allen in einem Viertel der West Side.
Um den Status quo zu ändern, hat Ansell zusammen mit seinem Team sowie Mitgliedern der Gemeinde innovative Programme und Geschäftsvorhaben ins Leben gerufen. Dazu zählen die West Side United, eine Initiative für Chancengleichheit im Gesundheitswesen, und das von Novartis geförderte Herz-Kreislauf-Programm E3 (Engage, Empower, Evaluate). Gemeinsam mit Kapitalgebern hat er zudem einen Wäscheservice eingerichtet, der das Waschen der Bettwäsche und weiterer Textilien vom Rush übernimmt.
Mitarbeiter bei Fillmore Linen Service, einem der wenigen Unternehmen, das in den letzten Jahren ein Geschäft in Chicagos West Side eröffnet hat.
Die Gründung des Unternehmens sei alles andere als einfach gewesen, erzählt Ansell. Im Anschluss an eine Analyse, wonach das Rush mit dem neuen ausgelagerten Wäscheservice mindestens 700 000 US-Dollar pro Jahr einsparen würde, erhielt er die Unterstützung der Rush-Geschäftsleitung. Nun arbeitet er nicht mehr nur daran, den Betrieb aufrechtzuerhalten, sondern er will ihn ausbauen. Zudem setzt er sich für die Schaffung eines neuen Wellness-Centers im Viertel ein. Während wir aus dem Fenster schauen und die Landschaft betrachten, zeigt er uns einen weiteren Ort. «Nur rund anderthalb Kilometer nördlich der Wäscherei entsteht im Garfield Park das Sankofa Village Wellness Center. Im selben Viertel lebte einst Martin Luther King Jr., als er sich für wirtschaftliche Gerechtigkeit, Wohnungs- und Bildungsrechte einsetzte und erkannte, dass der Kampf mehr als nur Bürgerrechte umfasste», so Ansell.
Ehemaliges Wohnviertel von Martin Luther King Jr. Garfield Park
Blick vom alten Sears Tower auf den Garfield Park im ehemaligen Wohnviertel von Martin Luther King Jr., von wo aus er zu seinem Marsch aufbrach, um das Schicksal der USA zu ändern.
Er fuhr fort: «Martin Luther King sagte einmal: ‹Was nützt es, am Tresen des Lokals sitzen zu dürfen, wenn man sich den Hamburger nicht leisten kann?› King kam nach Chicago, um dies zu demonstrieren, wohl wissend, dass der Kampf für wirtschaftliche Gerechtigkeit noch härter sein würde. Genau in diesen Vierteln war er vor seiner Ermordung politisch aktiv.»
Inspiriert von Martin Luther King hat sich Ansell einer Herkulesaufgabe verschrieben. Selbst mit 72 Jahren, wenn die meisten Menschen ihren Ruhestand geniessen, scheint ihn kaum etwas aufhalten zu können. Nach einer halben Stunde im Sitzungssaal des historischen Sears Tower muss Ansell zu einem weiteren Meeting im Rush aufbrechen, während wir noch ein wenig bleiben, bevor wir ihm nach unten folgen, um mehr über die Arbeit seines Teams zu erfahren. Um die Story-Serie weiterzulesen, klicken Sie unten auf der Karte auf Artikel Nr 2.
Lesen Sie die gesamt Story-Serie Stärkung des Gesundheitssystems
Prolog: Sieben Stationen mit der Blue Line Eine Reise durch Raum und Zeit. → Story lesen
Sie sind hier 1. Die zwei Türme Wachsende Türme, schrumpfender Wohlstand.
Als nächstes lesen 2. Das Potenzial erkennen Chicago aus Sicht der Wirtschaftsentwicklung. → Story lesen
3. Ein beinahe tödlicher Schuss Der Augenblick der Markus Kelleys Leben verändert. → Story lesen
4. Ich bin eine von Ihnen Empathie als Ausweg aus der Krise. → Story lesen
5. Mehr als nur Baseball Gemeinschaft im besten Sinne. → Story lesen
6. Sozialmedizin umsetzen Gesundheitsversorgung beginnt in der Wirtschaft. → Story lesen
7. Zusammenarbeit Daten können Leben retten. → Story lesen
8. Zurück auf der Bühne Das Wiederaufleben von Guitar Mike. → Story lesen
Epilog: Eine Erfolgsmeldung E3 ist bereit Chicago zu verändern. → Story lesen
Stärkung des Gesundheitssystems Aufstieg und Fall eines Wirtschaftssystems.
Die zwei Türme David Ansell ist zur Erkenntnis gelangt, dass Medizin allein nicht ausreicht, um das Gesundheitssystem der USA zu reformieren. Um das zu schaffen, was er Sozialmedizin nennt, müssen vielmehr die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geändert werden. Text von Goran Mijuk, Fotos von Ashley Gilbertson und Laurids Jensen, Videos von Elia Lyssy und Laurids Jensen, Illustrationen von Lehel Kovacs, graphisches Design von Regina Dziallas.
The beiden einstigen Sears Towers.
Luftaufnahme des Nichols Tower in der West Side von Chicago, der bis 1973 als Sears Tower bekannt war. Der Turm war das Herzstück einer riesigen Verpackungsanlage, als Sears noch hier tätig war.
Der 1973 erbaute Willis Tower in der Innenstadt von Chicago, einst das höchste Gebäude der Welt, hiess bis 2009 Sears Tower. So nennen die Einheimischen das Gebäude nach wie vor.
Die zwei Türme Chicago Durchschnittliche Anzahl Jahre, die ein Mensch voraussichtlich leben wird. Quelle: Chicago Health Atlas, chicagohealthatlas.org
Lebenserwartung Chicago Durchschnittliche Anzahl Jahre, die ein Mensch voraussichtlich leben wird. Quelle: Chicago Health Atlas, chicagohealthatlas.org
David Ansell erinnert sich an den Moment, als er erkannte, dass die Notlage in Chicagos West Side in direktem Zusammenhang mit dem alten Sears Tower steht.
Das Stadtzentrum von Chicago ist wie ein kleines New York. Die Wolkenkratzer zeugen von der Finanzkraft und dem wirtschaftlichen Erfolg der Stadt.
Ein ganz anderes Bild zeigt sich in Chicagos West Side, nur ein paar Häuserblocks vom Stadtzentrum entfernt. Es ist eine Brache mit verfallenen Gebäuden und leer stehenden Fabriken.
David Ansell teilt seine Vision für die Zukunft der West Side von Chicago.
Vielen Dank für das Lesen des Live Magazins
Bleiben Sie auf dem Laufenden, indem Sie unseren Newsletter abonnieren.
AbonnierenMit dem Absenden Ihrer E-Mail erklären Sie sich damit einverstanden, dass die Novartis AG Ihre E-Mail-Daten für den internen Gebrauch von Novartis, in Übereinstimmung mit unserer Datenschutzrichtlinie und mit geschützten technischen Mitteln erfasst und verarbeitet.
