Live. Magazine

Stärkung des Gesundheitssystems
Tragödie in einem Akt.
Ein beinahe tödlicher Schuss
Marcus Kelley wurde bei seiner Arbeit als Fahrer eines Mitfahrdienstes angeschossen und ist seitdem von der Brust abwärts gelähmt. Ohne die Grundversorgung zu Hause durch das Outreach-Programm RUSH@Home wäre er möglicherweise an den Komplikationen gestorben. Jetzt, wo sein Leben gerettet ist, will er seine Selbstständigkeit wiedererlangen.
Text von Goran Mijuk, Fotos von Ashley Gilbertson und Laurids Jensen, Videos von Elia Lyssy und Laurids Jensen, graphisches Design von Regina Dziallas.
Nachdem wir uns durch das Strassenlabyrinth der West Side von Chicago geschlängelt hatten, fuhren wir die kleine Strasse hinauf, in der Marcus Kelley mit seiner betagten Mutter lebt, und waren überrascht von der idyllischen Ruhe der Allee mit ihren alten Eichen und der Reihe gepflegter roter Backsteinhäuser.
Ich hatte bereits im Vorfeld unseres Treffens mit Kelley gesprochen und ihn gefragt, ob es für ihn in Ordnung sei, bei unserer Ankunft im Rollstuhl zu sitzen. Schon nach wenigen Minuten unseres Online-Kennenlernens war ich von seiner Persönlichkeit beeindruckt gewesen.
Marcus Kelley auf der Veranda seines Hauses, in dem er mit seiner Mutter und einer Haushälterin lebt, die ihm bei der Bewältigung des Alltags hilft.

Wäre ich von einem Fremden angeschossen worden und über vier Jahre lang bettlägerig gewesen, wäre ich wahrscheinlich von einem bitteren Gefühl der Ungerechtigkeit erfüllt und auf Rache oder Vergeltung aus. Marcus Kelley zeigte jedoch keine Anzeichen dafür. Er strahlte heitere Gelassenheit und eine sofort spürbare Freundlichkeit aus.
Von seinen Gefühlen überwältigt wurde Kelley nur gerade, als er über seine 80-jährige Mutter sprach: «Sie sollte ihren Lebensabend geniessen, aber stattdessen verbringt sie ihn damit, sich in einer Weise um mich zu kümmern, wie man es von Eltern nicht erwarten darf. Das muss nicht so sein, und ich möchte das für uns beide ändern», sagte Kelley, während ihm die Tränen über die Wangen liefen.
«Wir können die Kugel nicht entfernen. Gewöhnen Sie sich daran, mit ihr zu leben.»
Diese Aussage wird Marcus Kelley für immer in Erinnerung bleiben. Sie stammt von dem Arzt, der ihn zuerst behandelte, unmittelbar nachdem er angeschossen worden war.

Notruf
Im Februar 2021 änderte sich Kelleys Leben schlagartig. Als Fahrer eines Mitfahrdienstes geriet er in Streit mit einem 15-jährigen Mitfahrer, der ihn beim Aussteigen aus dem Auto anschoss. Kelley merkte gleich, dass er seinen Körper nicht mehr bewegen konnte, sondern nur noch seine Hände, mit denen er sofort den Notruf wählte.
Die Rettungskräfte brachten ihn ins Krankenhaus, wo die Ärzte die Blutung stoppen konnten. Die von der Kugel verursachten Schäden hingegen blieben. Er erinnert sich an den Moment, als ein Arzt ihn fragte, ob er unterhalb seiner Hüfte etwas spüren könne. Als Kelley verneinte, antwortete der Arzt: «Wir können die Kugel nicht entfernen. Gewöhnen Sie sich daran, mit ihr zu leben.»
In den folgenden Monaten im Spital wurde es nicht besser. Erst entstand bei ihm ein schweres Druckgeschwür, von dem er erst zwei Tage vor seiner Entlassung erfuhr, dann wurde er nach Hause geschickt, wo er es nur mit einem Verband behandeln sollte.
Wäre da nicht eine befreundete Pflegekraft gewesen, die einen fauligen Geruch bemerkte, als sie ihn zu Hause besuchte, wäre er möglicherweise an einer Infektion gestorben. Die Freundin schickte Kelley ins Rush, wo nicht nur seine Wunde behandelt, sondern auch vorher nicht diagnostizierte Blutgerinnsel entdeckt wurden.
Quintonele Allen und Marcus Kelley bei einem Besuch bei ihm zu Hause.

Die Betreuung, die er im Rush erhielt, unterschied sich um Welten von seiner Erfahrung im ersten Spital. Er erhielt auch die persönliche Unterstützung, die er braucht. Das Rush half ihm nicht zuletzt bei der Beschaffung eines motorisierten Rollstuhls.
«Als ich nach meiner Schussverletzung zum ersten Mal in Kontakt mit dem Gesundheitssystem kam, war das eine sehr ernüchternde Erfahrung. Mir wurde gesagt: «Hier haben Sie einen Rollstuhl. Gewöhnen Sie sich daran.» Im Rush hingegen wurde ich rund um die Uhr versorgt. Sie haben mir Hoffnung gegeben und das Rüstzeug, um eine Art von Freiheit wiederzuerlangen.»
Hauspflege
Kelley hatte Glück, denn er wurde in das 2018 eingeführte Hauspflegeprogramm des Spitals aufgenommen, das Patienten, die an ihr Zuhause gebunden sind oder komplexe gesundheitliche Bedürfnisse haben, eine Grundversorgung bietet.
Seit seiner Gründung hat RUSH@Home mehr als 200 Patientinnen und Patienten betreut, darunter auch Kelley, der nun hoffen kann, seine Selbstständigkeit ein Stück weit wiederzuerlangen. Im Rahmen des Hauspflegeprogramms bekommt Kelley nun regelmässig Besuch von seinem Pflegeteam, und im Rush steht ihm und anderen Teilnehmenden des Programms ein Team zur Verfügung, das im Hintergrund Unterstützung bereitstellt.
Bei einem Treffen im Rush besprach das sozialmedizinische Betreuungsteam seinen weiteren Bedarf. Im Vordergrund stehen der regelmässige Wechsel des Blasenkatheters und die Pflege seiner Mutter zu Hause. «Das Programm des Rush ist toll», unterstreicht Kelley. «Sie kommen zu uns, machen die nötigen Untersuchungen, helfen bei der Behandlung von Infektionen und pflegen meine Mutter. Das ist viel leichter, als ständig ins Spital zu fahren, und mit meinen Erfahrungen im ersten Spital nicht zu vergleichen.»
Kelley spürt die Hingabe des Teams. «Bei Rush ist es für sie nicht nur eine Arbeit», sagt er. «Ich habe das Gefühl, dass sie mir wirklich helfen wollen. Sie haben mir sogar empfohlen, auf einen motorisierten Rollstuhl umzusteigen, weil der manuelle auf Dauer Schmerzen verursache.»
Für Marcus Kelley verbesserte sich das Leben deutlich, als er im Rush Hospital in ein sozialmedizinisches Betreuungsprogramm aufgenommen wurde.
Soziale Verantwortung
Für die Sozialarbeiterin Therese Byrne ist ihr Beruf ihr Lebenselixier: «Ich hatte das grosse Glück, in einer wohlhabenden Familie aufzuwachsen, aber meine Eltern haben uns immer daran erinnert, dass das reines Glück ist», sagt sie. «Sie haben uns beigebracht, dass wir die Verantwortung haben, etwas zurückzugeben.»
Byrne ist bewusst, dass es für viele Menschen in der Gegend schwer ist, Hilfe zu erhalten. Sie ist deshalb besonders stolz auf die Arbeit von Gesundheitshelferinnen und -helfern wie Quintonele «Q» Allen, die Kelley regelmässig besucht und für ihn wie eine Freundin geworden ist. «Unsere Patienten können ihre Grundbedürfnisse oft kaum decken. Die Arbeit von Gesundheitshelferinnen wie Quintonele Allen ist entscheidend, um diese Lücken zu schliessen», sagt Byrne.
Die Freundlichkeit ist nicht gespielt: Kommt Allen zu Marcus Kelley nach Hause, findet sie immer Zeit, um einen Moment zu plaudern. Ihr Hauptaugenmerk liegt jedoch auf den anstehenden Aufgaben und dem, was Kelley braucht, um mit der Physiotherapie beginnen zu können, dank der er die meisten seiner Alltagsaufgaben selbstständig erledigen kann.
Die Mutter von Marcus Kelley vermag über das, was ihrem Sohn passiert ist, kaum zu sprechen. Über das Schicksal ihres Sohnes reden mochte sie nicht, aber sie war bereit, sich neben Marcus Kelley und Quintonele Allen fotografieren zu lassen.

Pokémon-Jagd
Das grosse Ziel von Kelley ist mehr Autonomie. Er ist fest entschlossen, seine älter werdende Mutter zu entlasten, die zu seiner primären Betreuungsperson geworden ist. «Im Moment sind wir mit der Physio- und Ergotherapie auf einem guten Weg. Mein Hauptziel ist, trotz meiner Einschränkungen so viel Selbstständigkeit wie möglich wiederzuerlangen», betont er.
Er hat ein realistisches Gespür dafür, was möglich ist. «Ich möchte das, wozu ich in der Lage bin, einfach möglichst gut erledigen können: Ein- und Aussteigen aus dem Rollstuhl, Toilettengang oder Zähneputzen. Wenn ich diese Grundlagen beherrsche, kann ich mich besser um mich selbst kümmern.
Marcus Kelley erzählt von seiner Hoffnung, eines Tages seine Selbstständigkeit wiederzuerlangen und seiner Mutter weniger zur Last zu fallen.
Heute verbringt Kelley die meiste Zeit mit seiner Mutter und hat kaum andere Kontakte. «Letztlich möchte ich in der Lage sein, mich in meinen Rollstuhl zu setzen und am Leben draussen teilzuhaben, ohne rund um die Uhr auf jemanden angewiesen zu sein. Das ist mein oberstes Ziel.»
Pokémon spielen ist eines von Marcus Kelleys Lieblingshobbys. Er geniesst nicht nur den Nervenkitzel der Verfolgungsjagd, sondern trainiert beim Spielen auch seine Finger.
Unterdessen trainiert Kelley seine Finger und Arme, indem er auf seinem iPhone Pokémon spielt. Vorerst jagt er die niedlichen Monster noch digital, aber er hofft, sie eines Tages draussen jagen zu können, wie es Hunderttausende von Pokémon-Fans auf der ganzen Welt tun.
Für ihn wäre es ein grosser Schritt zurück in ein halbwegs normales Leben. Angesichts dessen, was er durchmachen musste, wird seine wiedergewonnene Freiheit zum Beleg für das Engagement des Rush und von David Ansell, so viel wie möglich für Patienten in Not zu tun und ihnen das Leben zu ermöglichen, das sie verdienen.
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3. Ein beinahe tödlicher Schuss
Der Augenblick der Markus Kelleys Leben verändert.
Epilog: Eine Erfolgsmeldung
E3 ist bereit Chicago zu verändern.
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