Mediziner zu werden war für Peter Maurice so etwas wie eine Offenbarung. Denn als er als Kind eine Mandelentzündung bekommt und daraufhin ins Spital muss, folgt eine Phase der Verwöhnung. Um die Heilung nach seiner Operation voranzutreiben, muss Peter nämlich jeden Tag Eis essen. Dies im Namen der Gesundheit – was dieser nicht schlecht findet. Es ist auch der Moment, in dem er entscheidet, Arzt zu werden. Als Peter Maurice im Dezember 2025 mit dem Live Magazine redet, konkretisiert der 93-Jährige grinsend: «Also es war nicht nur wegen dem Eis». Peter Nigel Maurice, britisch-schweizerischer Herkunft und geboren in London, weiss ab diesem Zeitpunkt, was zu tun ist. Seine Kindheit und Jugend verbringt er ohne die Frage, was er beruflich machen soll; er ist getrieben von seiner naturwissenschaftlichen Neugierde und dem Verständnis, dass man als Arzt Menschen helfen kann. Und genau dies ist sein Anliegen. All diese Gedanken, zusammen mit seiner Kindheitserfahrung im Spital, führen dazu, dass er sich als junger Mann für das Medizinstudium am King’s College in London einschreibt. Sein Studium ist eine Zeit, in der Peter Maurice seinen Interessen nachgehen kann. Spiegelbildlich zu seiner Erfahrung als Kind im Spital entscheidet sich Peter Maurice schnell, mit Kindern zusammenarbeiten zu wollen. Nach seinem Studium arbeitet er zuerst in England in der Notfallmedizin, dann in der Kinderchirurgie und schliesslich in der Kindermedizin. Die Arbeit bereitet ihm Freude, und er merkt, dass sein Bedürfnis, Menschen zu helfen, erfüllt wird. Doch lässt ihn der Gedanke nicht los, dass er noch mehr Menschen helfen könnte, wenn er die klinische Tätigkeit mit direktem Patientenkontakt hinter sich lassen würde. Es ist ein Prozess des Ringens, der Skalierung und auch der Tatsache, dass Oberarztstellen zu dieser Zeit in England sehr rar sind. Auch prägt diese Zeit der Wunsch, wissenschaftlich arbeiten zu können. Er entscheidet sich nach 10 Jahren am Patientenbett, einen nächsten Schritt zu wagen.
Vorbereitung auf den Kampf.
Von Transitionen und Kulturschocks Der Gedanke, Menschen auf einer grösseren Skala helfen zu können, führt Peter Maurice schliesslich zu Ciba. Als er vor die Wahl gestellt wird, ob er in der Schweiz oder in seiner bisherigen Heimat England arbeiten möchte, entscheidet sich der junge Familienvater zusammen mit seiner Frau für den Umzug in die Schweiz. Es fühlt sich für ihn wie mehr als nur eine berufliche Entscheidung an. Bereits als Kind hatte er viel Zeit in der Schweiz verbracht, zudem ist seine Mutter gebürtige Schweizerin. Es ist auf eine Weise ein «Zurückkommen». Doch diesmal ist Peter Maurice kein kleines Kind mehr, sondern ein erwachsener Mann mit Frau und Kindern. Er will, dass sich alle wohl fühlen. Die junge Familie lässt sich in Birsfelden nieder, Peter Maurice beginnt seine Arbeit bei Ciba in Basel. Die Integration gelingt rasch, wobei dies ihm insbesondere mit Blick auf seine Kinder wichtig ist. «Als wir in die Schweiz kamen, waren die Kinder noch jung genug, um sich schnell zurechtzufinden», erinnert sich Maurice. Die Bestätigung, dass sich die Familie in der neuen Heimat eingelebt hatte, kam für ihn an einem Abend ganz unerwartet: «Es spielte im Fussball die Schweiz gegen England, und meine Kinder feuerten tatsächlich die Schweiz an. Da wusste ich, wir, und vor allem meine Kinder, waren angekommen.», erzählt Maurice mit Freude im Gesicht. Trotz seiner Vertrautheit mit der Schweizer Kultur blieb Peter Maurice jedoch nicht ganz von Kulturschocks verschont. So war sein Verständnis für die Kunst der diskordanten Guggenmusik anfangs begrenzt. Auch eine Begebenheit mit der Feuerwehr blieb ihm in Erinnerung: «Es war so, dass in der Nähe von uns ein Bauernhaus brannte und innert weniger Minuten ein Feuerwehrkommando aufkreuzte. Doch sie löschten den Brand zuerst nicht, sondern standen da und gaben sich die Hand.» Die Szene beunruhigte ihn zunächst. Erst später stellte sich heraus, dass es sich nicht um einen Ernstfall handelte, sondern um eine Übung an einem leerstehenden Bauernhaus, das zum Abriss freigegeben war: «Ich bin froh, dass die Schweizer Feuer auch löschen», sagt er und lacht. Qualität über Quantität In der Firma arbeitete Peter Maurice in der medizinischen Abteilung und war verantwortlich für die klinischen Studienprogramme. Dies umfasste alle Stufen der Arzneimittelentwicklung: Studien an Gesunden, Studien an Patienten, die Arbeit mit Studienzentren, die statistische Auswertung, die Berichterstattung und den Austausch mit Entscheidungsgremien. Zwar führte ihn diese Arbeit weiter vom Patienten weg, doch erfüllte ihn die wissenschaftliche Tätigkeit tief, und er konnte auf viel grössere Patientenzahlen Einfluss nehmen. So war er unter anderem an der Entwicklung von Antibiotika, Herz- und Kreislaufmedikamenten, Beruhigungsmitteln und Augentropfen beteiligt.
Sein Antrieb war stets klar: Er wusste, dass seine Arbeit und die seiner Kollegen sicherstellte, dass Patienten ein gutes Produkt erhalten. Geduld gehörte zu seinem Alltag, denn ein Medikament kann nur dann einen positiven Einfluss haben, wenn Verträglichkeit und Nebenwirkungen gründlich erforscht sind. Auch wenn sein Einfluss abstrakter war als am Patientenbett, spürte er ihn besonders, wenn Medikamente die Entwicklungsphase überstanden und auf den Markt kamen: «Es erfüllt mich heute noch mit Stolz, wenn ich Medikamente der ersten Reihe im Einsatz sehe, die noch aus meiner Zeit stammen», sagt Peter Maurice im Interview. Gleichzeitig weiss er: In der Qualitätssicherung zeigt Erfolg sich oft im Schweigen. «Ich habe meinen Job erfolgreich gemacht, wenn ich nichts höre», erklärt er. Denn die Frage nach Produktesicherheit drängt sich oftmals nur auf, wenn etwas schiefläuft. Gerade diese Verantwortung im Hintergrund hat Maurice’ Verständnis von Sinn und Wirkung geprägt. Für ihn liegt dieser Weg im Wesen des Menschen: sich um andere zu kümmern und einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. «Bei mir war das, sicherzustellen, dass nur sichere Produkte auf den Markt kommen», so Maurice. Dies sei ein kleiner Beitrag im grösseren Gefüge: «Jeder sollte sich um die anderen kümmern. Das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen, die unsere Welt teilen. Es geht zurück zur Verbindung mit Mutter Natur. Jeder soll seinen eigenen Beitrag leisten», fügt der 93 Jährige hinzu. Dieses Engagement für den Menschen zieht sich durch Peter Maurice’ Leben wie ein roter Faden. Die Entgleisung von Forschungsinteressen Die Forderung nach verbindlichen ethischen Standards in der Medizin entstand nicht im luftleeren Raum. Besonders in den USA machten im 20. Jahrhundert Studien Schlagzeilen, in denen Menschen ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung in medizinische Experimente einbezogen wurden. Der bekannteste Fall ist die Tuskegee-Syphilis-Studie, die von 1932 bis 1972 durchgeführt wurde. Dabei wurden an Syphilis erkrankten Menschen bewusst wirksame Behandlungen vorenthalten. Die Versuchspersonen waren zum grossen Teil Schwarz, arm und analphabetisch. Obwohl mit Penicillin bereits Ende der 1940er Jahre eine wirksame Therapie zur Verfügung gestanden hätte, wurde diese nicht eingesetzt, da die Forschenden den unbehandelten Verlauf der Erkrankung beobachten wollten. Infolge dieser Vorenthaltung starben zahlreiche Patienten. Der Fall führte zu öffentlicher Empörung und zu lauten Forderungen nach ethischen Standards sowie nach einer unabhängigen Kontrolle klinischer Forschung. Die menschenverachtende Durchführung der Studie sorgte zunächst landesweit, später weltweit für Aufmerksamkeit.
Nie ruhen – so könnte das Lebensmotto von Peter Nigel Maurice lauten.
Als Reaktion auf solche Fehlentwicklungen sollten die Grenzen des ethisch und rechtlich Zulässigen neu bestimmt werden. Der US-Kongress setzte eine «Kommission zum Schutz von Versuchspersonen» ein, deren Aufgabe es war, verbindliche Standards für die Forschung am Menschen zu formulieren. Ergebnis dieser Arbeit war 1979 der sogenannte Belmont Report. Er definierte zentrale Prinzipien der Forschungsethik, darunter den Respekt vor der Autonomie der Versuchspersonen, die Verpflichtung zur Fürsorge und Schadensvermeidung sowie das Prinzip der Gerechtigkeit. Der Bericht gilt als Ausgangspunkt der modernen Bioethik. Das Echo erreicht auch Europa Doch blieb der Ruf nach verbindlichen Regelwerken nicht auf die USA beschränkt, sondern wirkte bald über die Landesgrenzen hinaus. Besonders spürbar war diese Entwicklung für jene Pharmafirmen, die Arzneimittel in den USA zulassen wollten und die dort geltenden Standards einhalten mussten. So auch die Ciba. Peter Maurice erkannte die Bedeutung dieses Wandels früh. Er verfolgte die Entwicklungen in den USA aufmerksam und setzte sich dafür ein, dass auch sein Unternehmen klare Prüfpläne und eine systematische Überwachung klinischer Studien einführte. Damit war er vielen seiner Kollegen voraus. Qualitätssicherung galt zunächst als aufwendig, teuer und nicht prioritär; entsprechend gering waren die dafür vorgesehenen Ressourcen. Gemeinsam mit Kollegen begann Maurice dennoch, Richtlinien zu erarbeiten. Schliesslich zog auch Ciba nach und beauftragte ihn, die Qualitätsstrukturen für die klinische Forschung aufzubauen. Compliance gewann damit zunehmend an Bedeutung in der Arzneimittelentwicklung, ein Wandel, den Maurice massgeblich mitprägte. Klinische Studien mussten fortan nicht nur wissenschaftlich korrekt, sondern auch ethisch vertretbar durchgeführt werden. Dieser Prozess war nicht geradlinig: Die klinische Freiheit der Ärzte musste zugunsten standardisierter Abläufe teilweise zurücktreten: Ein Schritt, der heute als Grundlage moderner klinischer Forschung gilt.
In der Ruhe liegt die Kraft.
Engagement über die Ciba hinaus Nach 27 Jahren bei Ciba entschied sich Maurice, seine Erfahrung gezielt in den Aufbau und die Weiterentwicklung internationaler Richtlinien einzubringen. Er wechselte in die internationale Beratungs- und Gremienarbeit und wirkte fortan an zentralen Fragen der Good Clinical Practice (GCP), der Qualitätssicherung und der Forschungsethik mit. In dieser Funktion nahm er Schlüsselrollen in internationalen Fachgremien ein und war unter anderem an der Ausarbeitung von WHO-GCP-Guidelines beteiligt. Diese Tätigkeit begleitete ihn bis ins hohe Alter. Seine Pension bedeutete keinen Rückzug, sondern lediglich eine Verschiebung seines Engagements. In der Beratung und Unterstützung von Klinischer Forschung setzte sich Maurice international, bei den Behörden, Universitäten, NGOs und Pharmaindustrie weiterhin für sichere und ethisch verantwortbare Standards ein. Auch nachdem er sich heute aus diesen Tätigkeiten zurückgezogen hat, bleibt sein Credo bestehen, anderen behilflich zu sein. Der mittlerweile 93-Jährige engagiert sich heute für tibetische Flüchtlingsfamilien in Nepal, wo er den Ausbau von Bildung und medizinischer Versorgung unterstützt. Noch immer kanalisiert er seine Energie darauf, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Es ist weniger ein Kampf als ein stetiges, nachhaltiges Gerechtigkeitsempfinden, das ihn antreibt. Und doch führt er Kämpfe weiterhin – auf der Fechtbahn, zu der er nach fast 7 Jahrzehnten zurückgekehrt ist. Er ist heute der älteste Fechter der Schweiz.
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Connect Ethik in der klinischen Forschung. Ein Kampf für mehr Sicherheit Text Ann Weber. Fotos Sophia Lavater. Die Entwicklung und Zulassung eines Arzneimittels ist ein langwieriger Prozess, der nicht selten mehr als zehn Jahre dauert. Der Gedanke diesen Ablauf zu beschleunigen, mag verlockend erscheinen. Peter Nigel Maurice weiss jedoch, dass dieser Prozess überlebenswichtig ist. Den grössten Teil seines Berufslebens setzte sich der Mediziner für die Ethische Klinische Forschung und Sicherheit von Arzneimitteln ein. Dabei musste er immer wieder feststellen, dass dieser Einsatz oft ein Kampf war – und nicht selten ein einsamer.
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