Ein kleiner Differenzialrechner des theoretischen Physikers Arnold Nordsieck.
Publiziert am 07/08/2020
In hundert Jahren werden sich Historiker vielleicht fragen, wann die Menschheit den Übergang ins digitale Zeitalter beschleunigte. Ein genauer Zeitpunkt lässt sich zwar nur schwer festmachen. Die Woche vom 5. bis 9. Oktober 2015 ist dabei jedoch sicherlich von grösserer Bedeutung. In diesem kurzen Zeitraum gewann das auf künstliche Intelligenz (KI) fokussierte Unternehmen DeepMind aus dem Google-Konzern in dem äusserst komplexen chinesischen Brettspiel Go gegen einen menschlichen Spieler. Das Turnier war kein Insider-Event für Game-freaks. Vielmehr handelte es sich um den Machbarkeitsnachweis, dass künstliche Intelligenz wenigstens zum Teil Dinge erreichen kann, die mit der menschlichen Leistungsfähigkeit vergleichbar sind.
In Expertenkreisen galt das uralte Spiel, das schon zu Zeiten des chinesischen Philosophen Konfuzius vor mehr als 2500 Jahren gespielt wurde, als zu schwierig, als dass ein Computer es beherrschen konnte.
Die Zahl möglicher Züge beim Go übersteigt die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum. Die für die Berechnung solch riesiger Zahlen erforderliche Rechenleistung hätte sogar die Kapazität der leistungsfähigsten Supercomputers überstiegen.
Um diese gigantische Herausforderung hinsichtlich der Rechenleistung zu meistern, ersannen die Forscher eine Art Abkürzung: Statt mit ihren neuen superschnellen Mikroprozessoren jeden möglichen Zug berechnen zu lassen, entwickelten die Ingenieure einen Prozess mit sogenannten tiefen neuronalen Netzwerken, die Millionen von Verbindungen aufweisen und ähnlich wie die Neuronen im menschlichen Gehirn angeordnet sind.
Dank der in Schichten angeordneten neuronalen Systeme wurde die erforderliche Rechenleistung reduziert. Der Suchraum wurde dadurch so eingegrenzt, dass nur die Züge berechnet werden mussten, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zum Sieg führten. Durch diese gestaffelte Vorgehensweise, die als «Deep Learning» bezeichnet wird, ging der Algorithmus das Problem auf «wesentlich menschlichere» Weise an, wie Demis Hassabis, CEO von DeepMind, das Verfahren beschrieb.
Die Fachwelt aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz war begeistert, nachdem Google die Ergebnisse im Januar 2016 veröffentlicht hatte. Einige Wochen später, nachdem DeepMind den südkoreanischen Go-Meister Lee Sedol geschlagen hatte, berichteten zahllose Medien in aller Welt von der Überlegenheit von KI-Systemen.
Die KI und somit auch das vielversprechende Potenzial der Daten- und Digitaltechnologie waren zu neuem Leben erwacht.







