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Im Januar 2022 gab es viele Gründe zur Hoffnung im Kampf gegen die Coronapandemie. Mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung hatte mindestens eine Impfdosis erhalten, und es standen mehrere Behandlungen zur Verfügung. Aber die Sterblichkeitsraten bei der schwarzen und hispanischen Bevölkerung und anderen ethnischen Gruppen waren immer noch unverhältnismässig hoch. Das galt auch für die Impfskepsis.
Das Center for Global Health Innovation (CGHI), eine in den USA ansässige gemeinnützige Organisation, die sich für weltweite Gerechtigkeit im Gesundheitssystem einsetzt, war eine von vielen Organisationen im ganzen Land, die sich bemühten, diese Lücke bei den Impfquoten zu schliessen. Das CGHI hatte kurz zuvor Fördermittel von der US-Gesundheitsbehörde für seine Initiative zur Zugänglichkeit von Impfstoffen erhalten und machte Stephanie Adams zur Leiterin des Projekts, das auch messen sollte, inwiefern der hyperlokale Fokus das Vertrauen zu stärken vermag.
«Mein Team hatte annähernd 10 Millionen US-Dollar zur Verfügung, um innerhalb von acht Monaten den Zugang zu Impfstoffen zu verbessern, und es galt keine Zeit zu verlieren», so Stephanie Adams, die 2020 von ihrer Laufbahn im Patentrecht in die Gesundheitsfürsorge gewechselt hatte, um etwas gegen die immense Zahl der Todesfälle in unterversorgten und unterfinanzierten Gemeinden zu tun. «Der öffentliche Gesundheitssektor hatte erkannt, dass herkömmliche Ansätze nicht funktionierten, und wir alle mussten etwas Neues ausprobieren, um Gegensteuer zu geben.»

Zur Steigerung der Impfquoten in unterversorgten Regionen brauchte es auf die Gemeinden zugeschnittene Lösungen mit Feinanpassungen bis hinunter zu Stadtteilen und Kirchgemeinden. Darüber hinaus sollte das Vertrauen in die Gesundheitsfürsorge generell gestärkt werden, das Adams ebenfalls zu messen hatte.
«Dank den Fördermitteln konnten wir belegen, dass ein anhaltendes hyperlokales Engagement durch vertrauenswürdige Führungspersonen und Gesundheitsfachkräfte die Impfquote erhöhen und damit das Vertrauen steigern kann», sagt Adams. «Und der Erfolg war unglaublich, unsere Daten weisen es nach.»
Jetzt wendet Adams dieselben Strategien an, um erneut Leben zu retten, diesmal im Zusammenhang mit einer der häufigsten Todesursachen in den USA: den Herz-Kreislauf-Krankheiten. Sie ist Teil des Teams hinter dem Programm «Engage with Heart», das gemeinsam mit Gemeinden Lösungen zur Verbesserung der Herzgesundheit in Baltimore (Maryland) und möglicherweise auch in den gesamten Vereinigten Staaten entwickelt.
Eine Welle der Begeisterung
Schon vor der Pandemie wurde das Konzept des hyperlokalen Engagements diskutiert und partiell angewandt. Mittel, um den Ansatz in grösserem Umfang oder über einen längeren Zeitraum zu testen, standen jedoch keine zur Verfügung.
In den ersten beiden Pandemiejahren hatte das CGHI verschiedene Projekte vorangetrieben, die den Weg für ein solches Engagement ebneten. Dazu gehörte der Aufbau eines Netzwerks von über 400 vertrauenswürdigen zivilen und religiösen Führungspersonen im ganzen Land.
Dieses Netzwerk war der Ausgangspunkt für Adams und ihr Team. Zunächst ging es darum, den vertrauenswürdigen Persönlichkeiten die Wissenschaft und Technologie hinter der Coronavirus-Infektion, die notwendigen Gesundheitsmassnahmen und die Impfstoffe besser verständlich zu machen.
«Uns war wichtig, sie wissen zu lassen, dass wir nicht distanziert an die Sache herangehen, sondern von einem Ort des Mitgefühls, der Betroffenheit und der Empathie kommen», so Adams. «Bei früheren Engagements entstanden jeweils Fokusgruppen und ähnliche Aktivitäten, bei denen Informationen und Daten von der Gemeinde gesammelt wurden, die Gemeinde jedoch nichts als Gegenleistung erhielt. Dabei kommt es bei solchen Projekten letztlich darauf an, etwas in die Gemeinde einzubringen.»
Neben ihrer wissenschaftlichen Expertise brachten Adams und ihr Team finanzielle Mittel und Ressourcen ein, um etwa 125 neue kommunale Gesundheitsfachkräfte einzustellen und für die Betreuung der Zielgruppen in den sieben Bundesstaaten, für welche die Fördermittel vorgesehen waren, auszubilden. Adams und ihr Team waren darüber hinaus sehr gespannt, welche Strategien die Führungspersönlichkeiten und neu eingestellten Fachkräfte für ihre Gemeinden aufgrund ihres Wissens als am besten geeignet halten würden.

Der Rekrutierungsprozess wurde fast ausschliesslich durch das Netzwerk des CGHI von Führungspersönlichkeiten der Gemeinde abgewickelt, von denen viele als regionale Koordinatoren am Projekt beteiligt waren. Stellenausschreibungen brauchte es keine. Im Netzwerk wusste man bereits, wer sich in den Gemeinden für diese neuen Positionen eignete.
«Was uns am meisten überrascht hat, war die Welle des Enthusiasmus und die Bereitschaft der Leute vor Ort, die ohnehin schon viel zu tun hatten, ihre Arbeit zu unterbrechen und diese Aufgabe zu übernehmen», erzählt Adams. «Dass wir innerhalb von sechs Wochen nach Projektstart 90 Prozent der kommunalen Gesundheitsfachkräfte einstellen konnten, hat uns doch sehr erstaunt.»
Während des gesamten Projekts bot das Team von Adams kontinuierliche Unterstützung und regelmässige Brainstorming-Meetings an, um lokale Herausforderungen zu meistern und die Öffentlichkeitsarbeit effektiver zu gestalten. Dazu gehörten Webinare, Impfstoffkliniken, Flyer, Social-Media-Posts, Veranstaltungen in religiösen Organisationen, Tür-zu-Tür-Besuche und die Teilnahme an Veranstaltungen der Gemeinde, etwa an Highschool-Footballspielen.
«An manchen Orten glich unser Einsatz einer politischen Kampagne», berichtet Adams und betont, wie wichtig es ist, Teilzeitarbeit anzubieten, damit die einzustellenden Fachkräfte ihren Arbeitsplatz nicht aufgeben müssen, und flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen.
«Das war wichtig, und wir haben am Anfang nicht wirklich darüber nachgedacht, aber man muss mit der Gemeinde nach ihrem Zeitplan interagieren, und zwar nicht während der normalen Arbeits- oder Schulzeit, sondern abends und am Wochenende.»
Leben retten und Vertrauen schaffen
Dank landesweiter Anstrengungen wie der Arbeit des CGHI übertrafen Anfang 2022 die Impfquoten in der hispanischen diejenigen der weissen Bevölkerung. Die Quoten in der schwarzen Bevölkerung erreichten im Lauf des Jahres annähernd das gleiche Niveau. Die Sterblichkeitsraten gingen insgesamt für alle Gruppen zurück, und die Kluft zwischen den Gruppen verschwand beinahe.
Zahlreiche Publikationen, unter anderem von der Rockefeller Foundation und der Kaiser Family Foundation, haben seither die entscheidende Rolle der kommunalen Gesundheitsfachkräfte für diesen Erfolg hervorgehoben. Zwar sollten im Rahmen des CGHI-Projekts nur begrenzt Daten über Impfraten und die langfristige Nachbeobachtung erhoben werden, aber im Lauf des Projekts kamen dann doch mehr als 27 000 Berichte und Erhebungen zusammen, die wichtige Erkenntnisse lieferten, etwa zur Stärkung des Vertrauens.
Dazu gehören über 14500 Berichte von kommunalen Gesundheitsfachkräften über jegliche von ihnen koordinierte Interaktionen oder Kontaktaufnahmen. In den Berichten wird nicht nur die Art der Aktivität beschrieben, sondern auch, wer und wie viele Personen daran teilgenommen haben. Zudem enthalten die Berichte subjektive Fragen dazu, ob die Aktivität nach Ansicht des Mitarbeitenden das Vertrauen gestärkt und die Hürden für eine Impfung abgebaut hat.
Darüber hinaus erklärten sich mehr als 13000 Gemeindemitglieder bereit, an einer freiwilligen Umfrage im Anschluss an eine Erst- oder Auffrischimpfung teilzunehmen.
Insgesamt erfassen die Berichte über 750000 Interaktionen mit Gemeindemitgliedern an allen Projektstandorten. Die Berichte und Umfragen ergaben, dass über 80 Prozent der Befragten der Meinung waren, dass die Aktivitäten dazu beitrugen, Vertrauen aufzubauen und erfolgreich über das Coronavirus und Impfstoffe aufzuklären. Fast ebenso viele (77 Prozent) gaben an, dass durch die Massnahmen auch Barrieren für die Gesundheitsversorgung beseitigt wurden.
Laut den Ergebnissen waren die häufigsten Formen des Engagements Tür-zu-Tür-Besuche, Veranstaltungen in Glaubensorganisationen, Flyer und Social-Media-Posts. Was die Effektivität anbelangt, so deuten die Rückmeldungen darauf hin, dass eine erste persönliche Interaktion am ehesten dazu führt, dass jemand den Impfstoff dann auch tatsächlich erhält. Wer nicht bereits beim Erstkontakt überzeugt war, liess sich beim Nachhaken kaum noch gewinnen.
«Dieses Ergebnis war überraschend, weil einige dachten, lang gehegte Überzeugungen hielten die Leute davon ab, sich impfen zu lassen», führt Adams aus. «Mittlerweile belegen viele Daten, dass die Mehrheit der Menschen bereit ist, sich überzeugen zu lassen, wenn man sie auf die richtige Weise anspricht, und dass Freunde oder Familienmitglieder in dieser Hinsicht den grössten Einfluss haben. Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine vertrauenswürdige Gesundheitsfachkraft ein Stellvertreter für diese freundliche Stimme sein kann.»
Auf dem Weg zur Herzgesundheit
«Es ist unglaublich, wie durchweg positiv die Ergebnisse dieses Modells ausfielen, von Arizona bis Detroit, vom Rio Grande Valley bis zur Stadt Baltimore», betont Adams. Eine weitere Überraschung im Projektverlauf war die extrem hohe Verbleibsquote der Projektmitglieder: Nur 2 Prozent der Mitarbeitenden kündigten ihre Stelle. Als das Projekt um fünf Monate verlängert wurde, erklärten sich 100 Prozent der vom Team eingeladenen Mitarbeitenden bereit, ihre Arbeit fortzusetzen.
Zwar war der Einsatz während der Pandemie weitgehend erfolgreich, aber die Interaktionen des CGHI mit den betroffenen Gemeinden rückten auch andere langjährige Ungleichheiten in den Fokus, darunter die Tatsache, dass diese Gemeinden unter der Last anderer chronischer und tödlicher Erkrankungen leiden, die nie so viel Unterstützung und Aufmerksamkeit auf sich lenken wie die Pandemie. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Krankheiten, die in zahlreichen Gemeinden die Todesursache Nummer eins darstellen.

«Während der Pandemie wurde massiv Kritik laut. Man erzählte uns, dass seit 30 Jahren Leute an Herzkrankheiten sterben und niemand ihnen je geholfen hat», erzählt Adams und ergänzt: «Dass wir zugehört haben und zurückgekommen sind, um bei Herzerkrankungen helfen zu können, freut uns umso mehr.»
Adams verliess das CGHI 2023, um für das High Impact Network of Responsible Innovators zu arbeiten, einen Partner des Programms «Engage with Heart». Ihre Aufgabe dort ist letztlich dieselbe wie während der Pandemie, nur dass ihre Teams jetzt an der Verbesserung der Herzgesundheit arbeiten.
Wie schon beim Vorgängerprojekt koordiniert auch das «Engage with Heart»-Programm eine Reihe von Aktivitäten, darunter Veranstaltungen und gemeinsam eingenommene gesunde Mahlzeiten, einen verbesserten Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen, Aufklärung über Herz-Kreislauf-Krankheiten und die präventiven Vorteile von Ernährung und Bewegung. Auch diese Aktivitäten werden in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden selbst konzipiert und umgesetzt.
«Wir haben gesehen, dass sich dieses Modell im Prinzip auf jede Gemeinde und jede gesundheitliche Ungleichheit ausdehnen lässt. Ein Netzwerk, das nur darauf wartet, in Anspruch genommen zu werden, existiert bereits», so Adams. «Wenn wir dieses Netzwerk unterstützen, können wir bloss noch staunen, wie schnell vertrauenswürdige Partnerschaften entstehen, mit denen sich gemeinsam Ziele erreichen lassen, die die Gemeinden gesünder machen.»


