Identität bewahren, Neues wagen
Einbezug der Bevölkerung
Keine Monumentalarchitektur
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Freie Sicht auf die Zukunft

2040 oder spätestens 2050 dürfte das Klybeck ganz anders aussehen als heute. Doch wie man die Zukunft gestalten will, ist heute schon klar. Nachhaltig, identitätsbewahrend und im Einvernehmen mit der Bevölkerung soll hier eine Stadt der kurzen Wege entstehen.

Text von Goran Mijuk und Patrick Tschan, Fotos von Adriano  A.  Biondo

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Führung durch das Klybeckareal, 2020.

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Publiziert am 25/10/2021

Wie das Klybeck in Zukunft einmal aussehen wird und welche Impulse von diesem Stadtteil ausgehen werden, ist noch ungewiss. Es wird Jahre, Jahrzehnte dauern, bis sich diese Frage auch nur annähernd beantworten lässt. Da machen sich auch die neuen Macher nichts vor.    

Doch vieles ist trotzdem bereits heute klar. Die strategischen oder zumindest ideellen Eckpfeiler sind gesetzt. Hier soll nicht rasch ein neues und im schlimmsten Fall gesichtsloses Quartier hochgezogen, sondern eine Stadtentwicklung vorangetrieben werden, die den Menschen dient und der modernen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Lebensweise der Stadtbewohner entgegenkommt. Stadtentwickler Lukas Ott bringt dies auf einen kurzen, visionären Nenner: eine Stadt der kurzen Wege. 

 Durchmischung ist ein Schlagwort, das während unseres Gesprächs oft fällt. Es sollen keine klassischen Arbeits- und Schlafquartiere entstehen, so wie das in der Vergangenheit der Fall war und die das Auto zu einem unverzichtbaren städtischen Bewegungsmittel werden liessen. Das Klybeck soll fussgänger- und radfahrerfreundlich sein – alles auf ein menschliches Mass zurechtgerückt. «Was uns wirklich sehr stark vorschwebt, dass wir jetzt die Chance haben, eine Stadt der kurzen Wege zu entwickeln, dass wir eine gute Durchmischung der Funktionen haben werden, so dass diese näher zueinanderrücken», erklärt Ott.    

Das Klybeck ist nicht nur einfach eine interessante Lage. Es ist eine Riesenchance, die Stadt neu zu beleben, ist sich Ott bewusst: «Ich möchte generell gerne die Verantwortung herausheben und betonen, dass dies tatsächlich jetzt eine historische Chance ist, die sich mit dieser Transformation im Klybeck unserer Stadt bietet. Ich denke, diese Entwicklung ermöglicht einen Schub, wie wir ihn seit über hundert Jahren nicht mehr erlebt haben, aufgrund des Strukturwandels, der das Klybeckareal respektive die Firmen, die dort tätig sind, erfasst hat. Und ich glaube, aus dieser grossen Chance leitet sich in erster Linie eine sehr grosse Verantwortung für alle Akteure ab, die sich mit dem Klybeck auseinandersetzen – wo auch immer sie an der Arbeit sind.»

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Am Tag der offenen Porte im Klybeckareal, Anfang Oktober 2020, stossen die ehemaligen Betriebsgebäude auf grosses Interesse.

Iden­ti­tät be­wah­ren, Neu­es wa­gen

Das sehen auch die professionellen Arealentwickler von Rhystadt und Swiss Life so. Stück für Stück soll hier die Stadt weiterentwickelt und Altes mit Neuem in Einklang gebracht werden. So soll auch das 1966 fertiggestellte 75-Meter-Hochhaus von Suter + Suter, in dem in den letzten Jahrzehnten intensiv Forschung betrieben wurde und auf dessen Dach früher das Novartis-Logo prangte, bestehen bleiben. Wie der Hafenkran Goliath, so soll auch der blaue Riese beim Rhein so etwas wie ein Scharnier zwischen Vergangenheit und Zukunft bilden, erklärt Jacek Rokicki, Head Site Operation/COO der Rhystadt AG.  

«Das ist ja ein inventarisiertes Gebäude, und da ist ja eine gewisse Identität mit dem Gebäude und dem Areal verbunden», erklärt Rokicki. Ich denke, dass man aus heutiger Sicht sagen kann, dass es sowohl für uns als auch für die Stadt Basel eine grosse Bedeutung hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gebäude wegkommt, ist wirklich marginal. Wir verfolgen dieses Ziel nicht. Fast schon Symbolcharakter hat die Tatsache, dass Rokicki sein Büro auch im Hochhaus von Suter + Suter bezogen hat, von wo aus er die beste Übersicht über die Stadt und das Klybeck geniesst: «Ich habe die luxuriöse Situation, dass ich hier im obersten Stockwerk sitzen darf und diese fantastische Aussicht auf die Stadt geniessen kann. Obwohl ich Basel wirklich wie meine Westentasche kenne, ist es so, dass man hier jeden Tag komplett neue Ausblicke geniesst.»   

Der Ausblick, auch auf die zukünftige Arbeit, beflügelt Rokicki: «Ich glaube nicht, dass ich nochmals in meinem Leben die Möglichkeit bekommen werde, ein gesamtes Stadtquartier – insbesondere in der Schweiz – mitgestalten zu dürfen … Wir wollen nicht grüne Wiesen verbauen, sondern möchten dort, wo schon Bestehendes ist, in eine Transformation gehen, dafür sind wir hier prädestiniert.»  

Auch bei Swiss Life will man bei den ersten Projekten Bestehendes bewahren, so Portfoliomanager Philipp Fürstenberger, der als Basler ebenfalls sehr stolz darauf ist, an diesem neuen Stadtquartier mitzuarbeiten und ihm ein neues Gesicht zu geben. Bei drei Bauten habe man bereits sehr klare Vorstellungen, erklärt Fürstenberger: «Für drei Gebäude haben wir mit der Projektierung der Sanierung begonnen. Beim einen Gebäude handelt es sich um das K-25 neben dem ehemaligen Ciba-Hauptsitz. Ein anderes ist das in den 1930er-Jahren entstandene Laborgebäude K-410. Ein weiteres Gebäude ist das K-26, das ursprünglich als Eisfabrik konzipiert wurde. Diese drei Häuser wollen wir so belassen. Sie bilden nicht nur ein sehr schönes Ensemble, sondern sind für das Klybeck auch identitätsstiftend.»   

Bis die ersten Mieter in die sanierten Immobilien einziehen, werde es aber noch ein wenig dauern, führt Fürstenberger aus. Erst müssen nämlich die konkreten Baugesuche ausgearbeitet und eingereicht und muss das Areal für den Wohnungsbau umgezont werden, handelt es sich beim Klybeck doch um eine klassische Industriezone. Doch trotz dieses Umstands, der auch politische Verfahren voraussetzt und deshalb zeitintensiv sein kann, ist Fürstenberger zuversichtlich, dass 2023 hier die ersten neuen Mieter einziehen. 

Neben Start-ups aus dem Biotechbereich würde Fürstenberger gerne auch neue Industrien ansiedeln: «Bei der ehemaligen Eisfabrik arbeiten wir an der Idee eines ‹House of Foods›. Im Erdgeschoss hätten wir gerne Gastronomie, beispielsweise eine Mikrobrauerei oder eine Kaffeerösterei, jemand, der Lebensmittel produziert oder veredelt. Die oberen Etagen könnten ebenfalls Unternehmen aus dem Lebensmittelbereich anziehen, während die obersten Stockwerke Büroräume beherbergen sollen.»   

Etwas schneller dürfte es bei der Porte 31 gehen, gleich neben dem Klybeck-Kantine, wo sich vielleicht bald schon Start-ups einmieten können. Auch wenn Fürstenberger mit der Entwicklung des Areals in einem raschen Tempo vorankommen möchte – wichtig ist ihm und Swiss Life, mit Rhystadt und dem Kanton eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben, die nicht zuletzt zu einer guten Durchmischung des Quartiers beiträgt und die Menschen, die jetzt schon hier leben, sowie die erhofften rund 10 000 Zuzügler am Entwicklungsprozess teilhaben lässt.   

Wichtig für die 10 000 Zuzügler ist natürlich auch eine attraktive Anbindung an das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel. Befragt nach bereits konkreteren Projekten, erklärte Katrin Oser, Projektleiterin im Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt: «Das Konkreteste, was wir jetzt haben und auch forcieren, weil wir darin einen Entwicklungsmotor sehen, ist die Tramverbindung: das neue Tram, das vom Riehenring bis zum zukünftigen Klybeckplatz, wie wir ihn jetzt nennen, gehen soll. Die Eingabe ist bereits erfolgt, deshalb ist damit zu rechnen, dass die zukünftigen Bewohner des Areals auch wirklich eine Tramhalte­stelle vor ihrer Haustüre vorfinden werden.»

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Jacek Rokicki, Head Site Operation / COO der Rhystadt AG.

Ein­be­zug der Be­völ­ke­rung

Dass die Transformation des Klybeckareals von einem riesigen Industriegelände zu einem neuen städtischen Wohn- und Arbeitsquartier begonnen hat, zeigt sich auch an anderen, stilleren Ecken des 42 Fussballfelder grossen Areals. Dort sieht es noch ganz anders aus als im bereits brummenden Zwischennutzungsweiler im nördlichen Teil des Geländes an der Klybeckstrasse.  

Hier, im Osten, am hinteren Ende der Mauerstrasse, wo das Areal an das Flüsschen Wiese stösst, stehen einstige Produktionshallen, Werk- und Reparaturstätten oder Kleinlabors verlassen und leer da. Ein paar dieser Gebäude, kleinere, in rotem Backstein gemauerte Depots und Magazine, gehören zu den ältesten Zeugen der ehemaligen stolzen chemischen Industrie Basels, die von hier aus über ein Jahrhundert lang die Welt mit innovativen Farbstoffen und chemischen Zwischenprodukten belieferte.   

Jetzt dienen die Gebäudehüllen Tauben und Spatzen als Niststätten, überall tropft Wasser durch die undichten Dächer, und eine Uhr an der Wand hat die Zeitangabe längst eingestellt. Die Bauten harren entkernt ihrer Zukunft: Egal ob Abriss oder Umnutzung, sie werden ein Teil der Geschichte des Klybeck bleiben.   

Wie diese Geschichte im Klybeck fortgeschrieben werden soll, stösst seit Jahren auf breites, öffentliches Interesse, seit das Stadtentwicklungsprojekt ins Leben gerufen wurde. Diese Stimmung erlebte man an einer trotz der Coronapandemie bestens besuchten Arealbegehung der Stiftung «Architektur Dialoge», die den Baslern die Spitzenarchitektur der Stadt – man zählt in Basel Gebäude von zwölf Pritzker-Preisträgern – näherbringen soll. Dabei schaute man sich bei diesem Rundgang im Oktober 2020 vor allem die stolzen roten Backsteinhallen von Suter + Suter, aber auch die Fabrikationsgebäude genauer an, die das Ciba-Baubüro entworfen hatte.   

Am Anlass nahm auch Jacek Rokicki teil, gehören doch die betreffenden Gebäude nun der Rhystadt AG. Den Interessierten konnte er zwar noch nichts Genaues zur Zukunft der einzelnen Gebäude sagen. Doch es wurde klar, dass man hier im Tandem mit den zukünftigen Partnern arbeiten möchte.   

Viele Künstler, Anwohner und Lokale haben sich bereits an den vielen Veranstaltungen zur Gestaltung des Areals zu Wort gemeldet, selbst Ideen entworfen und wollen ihren Beitrag zur Zukunft der Stadt leisten. Auch Swiss Life will diesen Schwung mitnehmen und hat mit der Community-Plattform klybeq.ch einen digitalen Raum geschaffen, der die verschiedenen Gruppen näher aneinanderführen soll.    

Philipp Fürstenberger gefällt dieser Austausch, weil man dabei viel über die Geschichte des Areals mitbekommt. Am Tag der offenen Porte, den Swiss Life im Oktober 2020 organisierte und der trotz des grassierenden Coronavirus ebenfalls gut besucht war, wartete der Verein für Industrie- und Migrationsgeschichte der Region Basel mit einigen interessanten Anekdoten auf. Dabei erzählte ein Vereinsmitglied den interessierten Besuchern vom sogenannten Stinksack, den die Ciba der Bevölkerung bereitstellte, damit diese Geruchsemissionen melden und so potenzielle Gefahrenherde ausschalten konnte.

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Lukas Ott, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt.

Kei­ne Mo­nu­men­tal­ar­chi­tek­tur

Für Lukas Ott, den Stadtentwickler, sind solche Veranstaltungen wichtig. Auch der Mut, Neues und Ungewohntes auszuprobieren, kann dem Kreativitätsprozess nur guttun. Denn nur so, Schritt für Schritt, wird dem Klybeck neues Leben eingehaucht: nicht durch einen von oben herab verordneten Generalplan, sondern durch gemeinschaftliches Entwickeln. «Wichtig ist, dass wir wirklich versuchen, uns Zugänge über Nutzungsideen zu schaffen, dass wir mit Nutzungsideen einsteigen, bevor wir genau wissen, wie gross die Volumen überhaupt sein müssen, die wir dann realisieren wollen», erklärt Ott die Vorgehensweise der Stadt.    

Er will aus dem Klybeck auch kein hyperfuturistische Défense-Quartier wie in Paris machen, das mit seiner pompösen Architektur schon fast zu einem Unort der Moderne geworden ist: «Aus der Perspektive der Stadtentwicklung geht es nicht primär um Volumen und um Architektur. Die Stadtentwicklung braucht auch nicht primär ein Wahrzeichen, sondern wir versuchen, von den Strukturen her zu denken, starke Nutzungsideen in den Vordergrund zu stellen, damit man dann auch weiss, wofür man überhaupt Volumen entwickeln muss.»  

Ob das gelingt, weiss heute niemand. Doch es scheint, dass die Grundlagen da sind, die Erfolgs­story des Klybeck weiterzuschreiben. Auch wenn hier in Zukunft weder Farb- und Kunststoffe noch Tabletten produziert werden – die Geschichte des Klybeck wird durch seine Menschen vorangetrieben.  

Gleichgültig, womit sie sich befassen werden: Falls es so etwas wie einen Genius Loci gibt, kann man mit Grossem rechnen. Die Sicht auf die Zukunft öffnet sich schon heute.

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