Auch Investoren und Analysten freuten sich. So erklärte Jo Walton von Lehman Brothers gegenüber der «Finanz und Wirtschaft», dass «die Fusion der beiden Gesundheitsbereiche eine grössere Konzentration erlauben … und der Aufbruch der Industriebereiche Wertsteigerungen zur Folge haben werde». Arvind Desai von der New Yorker Investmentfirma Mehta and Islay konnte sich kaum zurückhalten: «Novartis ist ein neuer und aufsteigender Stern, dem wir eine glänzende Zukunft attestieren. Die Fusion der beiden Unternehmen kreiert ein glaubwürdiges und neues Konzept, dem andere Firmen nacheifern werden.» Er sollte Recht bekommen.
Der britische «Guardian» dachte bereits über neue Deals nach und erwartete, dass nach der jüngsten Fusionswelle, in deren Zug damals Glaxo die Firma Wellcome übernommen und Rhône-Poulenc Fisons gekauft hatte, neue Pharmariesen entstehen würden. Selbst Verwaltungsratspräsident Alex Krauer heizte diese Hoffnungen an, als er gegenüber Reuters mit Blick auf weitere Übernahmen sagte: «Wir müssen unsere Augen offen halten und vorbereitet sein, falls sich neue Gelegenheiten bieten.»
Tabubruch
Dem 2006 verstorbenen Marc Moret, der zusammen mit Ciba-Ehrenpräsident Louis von Planta die Fusion aufgegleist hatte, war klar, dass diese «zweite Basler Hochzeit» hohe Wellen schlagen würde. «Ein solcher Schulterschluss wäre noch vor fünf Jahren politisch undenkbar und kulturell nicht akzeptabel gewesen», erklärte er der «Finanz und Wirtschaft». «Aber heute, in einem Zeitpunkt, in dem man sieht, dass auch die Schweiz gewisse Probleme hat, lässt sich leichter über Dinge sprechen, die früher als tabu galten», und ergänzte: «Das Zusammengehen hat nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch eine politische Resonanz.»
Politisch korrekt und ungeschminkt
Anders als die Finanzgemeinde hatte die Politik ein gespaltenes Verhältnis zur «Elefantenhochzeit», wie die «Handelszeitung» die Fusion bezeichnete, auch weil geplant war, durch den Zusammenschluss weltweit rund 10 000 Stellen abzubauen, davon 3000 in der Schweiz.
So erklärte der Bundesrat, dass er von den Verantwortlichen der Firmenfusion erwarte, «die sozialen Dimensionen des Zusammenschlusses nicht hinter reine Rentabilitätsüberlegungen zu stellen. Der Mensch sollte auch im Wirtschaftsbereich im Vordergrund stehen.»
Auch der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt war wegen des Stellenabbaus besorgt. Doch Regierungsrat Jörg Schild sah in der Fusion auch einen Meilenstein. «Der Fusionsentscheid ist ein Tatbeweis für unternehmerischen Mut und unternehmerisch konsequentes Handeln, der Respekt und Anerkennung verdient», wurde er im «Tages-Anzeiger» zitiert.
Der «Tages-Anzeiger» hörte sich aber auch bei den Basler Stammtischen um: Im «Rössli» an der Brombacherstrasse war die Angst vor dem Stellenabbau gross, und die Gäste nahmen kein Blatt vor den Mund, um ihren Frust loszuwerden. «Das isch doch aifach ä Sauerei», zitierte der «Tages-Anzeiger» einen Arbeiter. «Do verdiene sich e paar Millionär mit ihre Aktie über Nacht und ohni eppis z tue grad ä paar Millione drzue. Und d Arbeiter verliere ihri Stell.»
Krauer versprach einen sozialverträglichen Abbau, was auch eingehalten wurde. Schliesslich entwickelte sich Novartis in den nachfolgenden Jahren auch so stark, dass das Unternehmen die Mitarbeiterzahl ständig erhöhen konnte und im Jahr 2000 bereits mehr Mitarbeitende beschäftigte als zum Zeitpunkt der Fusion.
Pharmastadt Basel
Für den damaligen Chefredaktor der «Basler Zeitung», Hans-Peter Platz, war die Fusion auch der Beginn einer neuen «Zeitrechnung» und der endgültige Abschied von der Chemiestadt Basel, die angesichts der jüngsten Entwicklungen zu einem Relikt der Vergangenheit geworden sei.
Zwar spielte Platz die Angst vor Jobverlusten nicht herunter, doch er kam zum Schluss: «Der offenbar leicht und überzeugend zu begründende Zwang multinational operierender Konzerne zur Grösse müsste in dieser Stadt als Chance zu einem folgenreichen Bekenntnis zur Diversifikation genutzt werden.» Diese, so Platz, könnte auch neue, innovative Unternehmungen anziehen, wenn Basel als neue «Pharmastadt» die entsprechenden Rahmenbedingungen anzubieten verstehe.
Auch die «Finanz und Wirtschaft» sah grosse Chancen. «Der Mega-Deal, mit dem sich die Schweiz vor allem in Amerika viel Respekt eingespielt hat, wird das Selbstvertrauen unserer Wirtschaft heben – noch rechtzeitig, um der No-future-Stimmung, die sich breitmacht, zu begegnen», so der damalige Chefredaktor Peter Bohnenblust, der erwartete, dass das «Novartis-Signal neue Kräfte freisetzt».
Die Einschätzungen von Bohnenblust und Platz erwiesen sich später als richtig. Die Schweizer Unternehmenslandschaft veränderte sich in der Folge massiv, und Basel wurde zu einem international vielbeachteten Innnovations- und Forschungsstandort.
Innovation
Während Moret und Krauer den Medien die Hintergründe des Zusammenschlusses erklärten, betonte CEO Daniel Vasella von Anfang an die Bedeutung der Innovation.
Im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» sagte er, dass die Fusion kein defensiver Schritt gewesen sei und vor allem die Innovationskraft stärken solle: «Innovation ist für uns das Wichtigste … Ganz besonders wichtig ist Grösse für Forschung und Entwicklung, die immer teurer geworden sind.» Aber er gab sich überzeugt: «Novartis wird bei der Innovation zur Spitze gehören.»
Nur einige Monate später konnte der Blutdrucksenker Diovan® lanciert werden, der zum umsatzstärksten Medikament avancierte. Einige Jahre später sollte mit Glivec® ein medizinischer Durchbruch in der Krebstherapie gelingen.
Gegenüber Reuters erklärte Daniel Vasella, dass das Unternehmen auch weiter in den Ausbau der Pipeline investieren werde, was in den nachfolgenden Jahren auch geschah. Nicht nur wurde die pharmazeutische Entwicklung stark ausgebaut, Novartis diversifizierte auch in neue Bereiche wie das Generikageschäft und baute die Aktivitäten im Bereich der Selbstmedikation und der Impfstoffe aus.