Ein neuer Stern
Zwei Kulturen
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      Im Spiegel der Medien

      Als Ciba und Sandoz am 7. März 1996 die Fusion zu Novartis bekanntgaben, schaute die Welt nach Basel. Medien aus aller Welt berichteten über den bis dahin grössten Firmenzusammenschluss der Industriegeschichte. Für die Schweizer Zeitungen war angesichts der geplanten Stellenkürzungen neben der wirtschaftlichen auch die soziale Dimension der Fusion von Bedeutung, und für viele Basler läutete die «Elefantenhochzeit» das Ende der Chemiestadt ein. Die Kommentare umfassten die ganze Bandbreite zwischen Euphorie und Empörung.

      Zusammengestellt von Goran Mijuk

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      Marc Moret, Daniel Vasella und Alex Krauer an der Pressekonferenz vom 7. März 1996, als die Fusion von Ciba und Sandoz in Basel bekanntgegeben wurde.

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      Publiziert am 02/03/2021

      Nach dem Zusammenschluss von Ciba und Sandoz stand Novartis tagelang im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Die Schweizer sowie die internationale Presse waren alle von der Fusion überrascht, erkannten aber schnell deren historische Bedeutung.

      So schrieb die «Basler Zeitung» auf der Frontseite vom 8. März: «Dem Verwaltungsratspräsidenten der Sandoz AG, Marc Moret, war es gestern im Verwaltungsgebäude der Crossair im Flughafen Basel-Mülhausen vorbehalten, den historischen Entscheid der Fusion zwischen Ciba und Sandoz bekanntzugeben. Das Medieninteresse war enorm, und entsprechend gross war die Spannung.»

      Die «NZZ» doppelte nach und staunte über die Wertschöpfung der Fusion. «Ausdrücke wie ‹gewaltig›, ‹unheimlich› und ‹sagenhaft› scheinen für einmal angebracht: Nach der Ankündigung der Verschmelzung der beiden Basler Chemieriesen Ciba und Sandoz zum neuen Giganten Novartis – auch dies ein Name wie aus der Sagenwelt – stieg am Donnerstag der kumulierte Börsenwert der beiden Unternehmen innert weniger Stunden um rund 18 Mrd. Fr. auf fast 100 Mrd. Fr. Das sind Dimensionen, die man sich nur schwer vorstellen kann.»

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      An der Medienorientierung vom 17. Dezember 1996 unterrichtete das Unternehmen die Medien, die US-Kartellbehörde habe die Fusion bewilligt.

      Ein neu­er Stern

      Auch Investoren und Analysten freuten sich. So erklärte Jo Walton von Lehman Brothers gegenüber der «Finanz und Wirtschaft», dass «die Fusion der beiden Gesundheitsbereiche eine grössere Konzentration erlauben … und der Aufbruch der Industriebereiche Wertsteigerungen zur Folge haben werde». Arvind Desai von der New Yorker Investmentfirma Mehta and Islay konnte sich kaum zurückhalten: «Novartis ist ein neuer und aufsteigender Stern, dem wir eine glänzende Zukunft attestieren. Die Fusion der beiden Unternehmen kreiert ein glaubwürdiges und neues Konzept, dem andere Firmen nacheifern werden.» Er sollte Recht bekommen.

      Der britische «Guardian» dachte bereits über neue Deals nach und erwartete, dass nach der jüngsten Fusionswelle, in deren Zug damals Glaxo die Firma Wellcome übernommen und Rhône-Poulenc Fisons gekauft hatte, neue Pharmariesen entstehen würden. Selbst Verwaltungsratspräsident Alex Krauer heizte diese Hoffnungen an, als er gegenüber Reuters mit Blick auf weitere Übernahmen sagte: «Wir müssen unsere Augen offen halten und vorbereitet sein, falls sich neue Gelegenheiten bieten.»

      Tabubruch

      Dem 2006 verstorbenen Marc Moret, der zusammen mit Ciba-Ehrenpräsident Louis von Planta die Fusion aufgegleist hatte, war klar, dass diese «zweite Basler Hochzeit» hohe Wellen schlagen würde. «Ein solcher Schulterschluss wäre noch vor fünf Jahren politisch undenkbar und kulturell nicht akzeptabel gewesen», erklärte er der «Finanz und Wirtschaft». «Aber heute, in einem Zeitpunkt, in dem man sieht, dass auch die Schweiz gewisse Probleme hat, lässt sich leichter über Dinge sprechen, die früher als tabu galten», und ergänzte: «Das Zusammengehen hat nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch eine politische Resonanz.»

      Politisch korrekt und ungeschminkt

      Anders als die Finanzgemeinde hatte die Politik ein gespaltenes Verhältnis zur «Elefantenhochzeit», wie die «Handelszeitung» die Fusion bezeichnete, auch weil geplant war, durch den Zusammenschluss weltweit rund 10 000 Stellen abzubauen, davon 3000 in der Schweiz.

      So erklärte der Bundesrat, dass er von den Verantwortlichen der Firmenfusion erwarte, «die sozialen Dimensionen des Zusammenschlusses nicht hinter reine Rentabilitätsüberlegungen zu stellen. Der Mensch sollte auch im Wirtschaftsbereich im Vordergrund stehen.»

      Auch der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt war wegen des Stellenabbaus besorgt. Doch Regierungsrat Jörg Schild sah in der Fusion auch einen Meilenstein. «Der Fusionsentscheid ist ein Tatbeweis für unternehmerischen Mut und unternehmerisch konsequentes Handeln, der Respekt und Anerkennung verdient», wurde er im «Tages-Anzeiger» zitiert.

      Der «Tages-Anzeiger» hörte sich aber auch bei den Basler Stamm­tischen um: Im «Rössli» an der Brombacherstrasse war die Angst vor dem Stellenabbau gross, und die Gäste nahmen kein Blatt vor den Mund, um ihren Frust loszuwerden. «Das isch doch aifach ä Sauerei», zitierte der «Tages-Anzeiger» einen Arbeiter. «Do verdiene sich e paar Millionär mit ihre Aktie über Nacht und ohni eppis z tue grad ä paar Millione drzue. Und d Arbeiter verliere ihri Stell.»

      Krauer versprach einen sozialverträglichen Abbau, was auch eingehalten wurde. Schliesslich entwickelte sich Novartis in den nachfolgenden Jahren auch so stark, dass das Unternehmen die Mitarbeiterzahl ständig erhöhen konnte und im Jahr 2000 bereits mehr Mitarbeitende beschäftigte als zum Zeitpunkt der Fusion.

      Pharmastadt Basel

      Für den damaligen Chefredaktor der «Basler Zeitung», Hans-Peter Platz, war die Fusion auch der Beginn einer neuen «Zeitrechnung» und der endgültige Abschied von der Chemiestadt Basel, die angesichts der jüngsten Entwicklungen zu einem Relikt der Vergangenheit geworden sei.

      Zwar spielte Platz die Angst vor Jobverlusten nicht herunter, doch er kam zum Schluss: «Der offenbar leicht und überzeugend zu begründende Zwang multinational operierender Konzerne zur Grösse müsste in dieser Stadt als Chance zu einem folgenreichen Bekenntnis zur Diversifikation genutzt werden.» Diese, so Platz, könnte auch neue, innovative Unternehmungen anziehen, wenn Basel als neue «Pharmastadt» die entsprechenden Rahmenbedingungen anzubieten verstehe.

      Auch die «Finanz und Wirtschaft» sah grosse Chancen. «Der Mega-Deal, mit dem sich die Schweiz vor allem in Amerika viel Respekt eingespielt hat, wird das Selbstvertrauen unserer Wirtschaft heben – noch rechtzeitig, um der No-future-Stimmung, die sich breitmacht, zu begegnen», so der damalige Chefredaktor Peter Bohnenblust, der erwartete, dass das «Novartis-Signal neue Kräfte freisetzt».

      Die Einschätzungen von Bohnenblust und Platz erwiesen sich später als richtig. Die Schweizer Unternehmenslandschaft veränderte sich in der Folge massiv, und Basel wurde zu einem international vielbeachteten Innnovations- und Forschungsstandort.

      Innovation

      Während Moret und Krauer den Medien die Hintergründe des Zusammenschlusses erklärten, betonte CEO Daniel Vasella von Anfang an die Bedeutung der Innovation.

      Im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» sagte er, dass die Fusion kein defensiver Schritt gewesen sei und vor allem die Innovationskraft stärken solle: «Innovation ist für uns das Wichtigste … Ganz besonders wichtig ist Grösse für Forschung und Entwicklung, die immer teurer geworden sind.» Aber er gab sich überzeugt: «Novartis wird bei der Innovation zur Spitze gehören.»

      Nur einige Monate später konnte der Blutdrucksenker Diovan® lanciert werden, der zum umsatzstärksten Medikament avancierte. Einige Jahre später sollte mit Glivec® ein medizinischer Durchbruch in der Krebstherapie gelingen.

      Gegenüber Reuters erklärte Daniel Vasella, dass das Unternehmen auch weiter in den Ausbau der Pipeline investieren werde, was in den nachfolgenden Jahren auch geschah. Nicht nur wurde die pharmazeutische Entwicklung stark ausgebaut, Novartis diversifizierte auch in neue Bereiche wie das Generikageschäft und baute die Aktivitäten im Bereich der Selbstmedikation und der Impfstoffe aus.

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      Newsreel
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      An der Generversammlung vom 24. April 1996 stimmten 98,7 Prozent der Ciba-Aktionäre der Fusion mit Sandoz zu.

      Zwei Kul­tu­ren

      Daniel Vasella sprach auch über die Herausforderungen, die beiden kulturell doch sehr verschiedenen Gesellschaften zusammenzuführen.

      Gegenüber dem «Wall Street Journal» verglich er die Aufgabe mit der Kindererziehung. «Es ist, wie wenn man ein Kind hat. Jedes Elternteil schaut nach den Ähnlichkeiten in den Augen und im Gesicht. Doch das Kind hat seine eigene Identität. Beide Seiten werden etwas zurücktreten müssen und dem Unternehmen nicht die eigene Kultur aufdrücken.»

      Auch Verwaltungsratspräsident Krauer wusste um die Schwierigkeit einer solchen Aufgabe: «Für das neue Management ist es tatsächlich eine grosse Herausforderung, eine neue Identität und eine neue Kultur zu entwickeln», sagte er der «Finanz und Wirtschaft.» «Es wird eine Gratwanderung sein, das Gute des Bestehenden mitzunehmen und gleichwohl etwas Neues heranzubilden.»

      Doch viele Medien blieben skeptisch, ob dies gelingen würde. Der «Economist» erinnerte daran, dass es Jahre in Anspruch genommen hatte, bis nach der Fusion von Ciba und Geigy im Jahr 1970 eine einheitliche Kultur entstand.

      Vor allem der «Spiegel» war hart in seinem Urteil, auch weil Ciba und Sandoz als extrem unterschiedlich wahrgenommen wurden. «Während Ciba seit Jahren nach innen und aussen grösstes Gewicht auf Offenheit und Ehrlichkeit legt, gilt Sandoz als verschlossen und unaufrichtig», schrieb der «Spiegel». «Bei Ciba wurden alle Titel abgeschafft, die Hierarchien sind flach, alle Mitarbeiter sind in ihrem Bereich unterschriftsberechtigt … Nichts dergleichen bei Sandoz. Hier herrscht noch das Prinzip von Befehl und Gehorsam; zu den herausragenden Eigenschaften von Vorgesetzten gehören Durchsetzungskraft und Strenge gegenüber Untergebenen.»

      Heute sind diese kulturellen Unterschiede längst aufgehoben, und Novartis hat es als leistungsorientiertes Unternehmen geschafft, Werte wie Innovation, Qualität, Zusammenarbeit, Integrität und Mut als eigenständige kulturelle Pfeiler fest im Unternehmen zu verankern.

      Nomen est omen?

      Auch der Name des neuen Unternehmens wurde heiss diskutiert. In der «Handelszeitung» äusserten sich Marketingexperten kritisch über das Konstrukt: «Novartis? Das tönt wie eine neue Kunstgalerie oder eine Vermittlungsagentur für Zirkusartisten», spöttelte Namensspezialist Helmuth J. Höfler von der Kilchberger Agentur Phaenomina. «Als Name eines Chemiekonzerns ist er eine absolute Katastrophe.»

      Keinen guten Faden liess Höfler im Gespräch mit der Zeitung auch am Logo: «Die gleiche Flauheit wie beim Namen.» Die Antiquaschrift mit weiter Sperrung wirke traditionell, statisch. Und das Bildelement, ein Feuerchen darstellend, stehe beziehungslos und etwas zaghaft links neben dem Schriftzug. So scheint die Novartis eher zu einem esoterischen Kunstverlag zu passen als zu einem international orientierten Konzern.»

      Malcolm Parkinson von der Agentur Siegel + Gale, die den Namen entwickelten und weltweit registrierten, hatte deshalb im «Wall Street Journal» einiges zu erklären. «Es ist ein zusammengezogener Name aus dem Lateinischen. Novo steht für neu und artis für Geschicklichkeit/Fähigkeit. Wir suggerieren damit Innovation und Talent.»

      Auch das Novartis-Symbol musste erklärt werden. «Das neue Logo mit dem dünnen türkisfarbenen Pfeil, der in einer birnenförmigen Schüssel steckt, die durch eine rote und gelbe Linie angedeutet ist, soll die Blume des Lebens oder einen Mörser mit Keule darstellen», erklärte Parkinson. «Der Pfeil bedeutet Präzision, weil sie in einem Präzisionsgeschäft tätig sind. Rot und Gelb symbolisieren die Wärme der Sonne und die Flamme des Bunsenbrenners, der in der Forschung zum Einsatz kommt. Das ganze Paket», erklärte er, «suggeriert, dass das fusionierte Unternehmen nicht nur innovativ, sondern auch sehr fürsorglich sein wird.»

      Vorbild

      Bereits wenige Jahre nach der Fusion waren die meisten der früheren Ängste vergessen und der Name Novartis wurde für viele zum Inbegriff für Innovation und Fortschritt. «Die Bilanz nach zehn Jahren Novartis lässt sich sehen: Der Konzern erzielt laufend neue Rekordgewinne, stellt seit Jahren wieder zusätzliche Mitarbeiter ein und hat an der Börse besser abgeschnitten als sämtliche Konkurrenten, inklusive der erfolgreichen Roche», hielt die «Bilanz» in ihrem ausführlichen Rückblick ein Jahrzehnt nach der Fusion fest.

      Als der «Economist» 1999 der Frage nachging, was erfolgreiche Fusionen ausmacht, nannte das einflussreiche Magazin den Zusammenschluss von Ciba und Sandoz und erklärte, dass ein wesentliches Element von geglückten Zusammenschlüssen weder die physische Nähe zweier Konzerne noch die Ähnlichkeit ihrer operativen Ausrichtung sei, sondern dass man einen gemeinsamen Ausblick teile.

      Dies war bereits am 7. März 1996 spürbar, als Alex Krauer erklärte: «Im raschen Wandel gut zu sein, reicht nicht aus. Nur die Besten werden es schaffen. Novartis ist der Ausdruck dieses Willens.» Dies gilt auch heute noch.

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