Die ersten Alarmglocken läuteten bereits 2015. Damals berichtete die Fachzeitschrift Nature, der «Myopie-Boom» betreffe zunehmend junge Menschen, besonders in Südostasien.
Laut den Studienergebnissen in Nature sind in China heute bis zu 90 Prozent aller jungen Erwachsenen kurzsichtig, während nach dem Zweiten Weltkrieg nur rund 10 bis 20 Prozent der gesamten chinesischen Bevölkerung davon betroffen waren. Auch Untersuchungen im benachbarten Südkorea zeigten, dass ein Grossteil aller 19-Jährigen an Myopie leidet.
In anderen Teilen der Welt ist die Lage ebenfalls düster. In den USA ist die Betroffenenquote nach Angaben des US-amerikanischen National Eye Institute in den letzten 40 Jahren auf fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung angestiegen. Ähnliche Trends zeichnen sich auch in Europa ab.
Ursachenforschung
Die Gründe für dieses Phänomen sind alles andere als klar. Während man die Myopie lange Zeit für eine genetische Veranlagung hielt, legten spätere Erkenntnisse nahe, dass die Augen beispielsweise durch langes Lesen ermüden und die Sehschärfe deshalb nicht mehr richtig anpassen können, sodass die Betroffenen Gegenstände in der Ferne nur noch unscharf erkennen.
In den letzten Jahren wurde aber auch diese weitverbreitete Ansicht verworfen. Um das Jahr 2000 kamen Augenärzte erstmals auf die Idee, die Kurzsichtigkeit könnte daher rühren, dass Menschen zu wenig Zeit im Freien verbringen.
In zwei unabhängigen Studien in den USA und Australien fanden Forscher heraus, dass Kinder genau dann anfälliger für Kurzsichtigkeit waren, wenn sie sich weniger im Freien aufhielten und deshalb weniger Licht ausgesetzt waren. Einige Ärzte empfahlen daraufhin, das Myopierisiko zu senken, indem man die Kinder mindestens drei Stunden täglich draussen verbringen lässt, wo sie mindestens 10 000 Lux ausgesetzt sind. Die in der Einheit Lux angegebene Beleuchtungsstärke reicht von 0,0001 Lux in einer mondlosen Nacht bis zu 100 000 Lux bei direkter Sonneneinstrahlung.
Eine intensive Wanderung
«Es gibt immer mehr Literatur über den Vormarsch der Myopie», erklärt Vanessa Leung, als wir das Ehepaar in ihrem Labor vor den Toren Basels besuchen, wo die Universität im Industrieviertel von Allschwil einige Räume angemietet hat. «Viele dieser Studien legen sich aber nicht auf eine Ursache für die Kurzsichtigkeit fest. Ausserdem gibt es zu wenig Daten, um die verschiedenen möglichen Ursachen miteinander in Korrelation zu setzen.»
Ist nur ein einziger Faktor dafür verantwortlich, dass die Augen das Gesehene nicht mehr richtig scharf stellen, oder gibt es mehrere Gründe? Wie könnte man diese Ursachen nachweisen? Welche Daten wären der Aufklärung dienlich, und wie könnte man diese erheben? Über diese und viele weitere Fragen diskutierten Vanessa Leung und ihr Mann auf ihrer langen Wanderung, bei der sie oberhalb des Genfersees das atemberaubende Alpenpanorama genossen.
Ihr Gedankenaustausch war besonders intensiv, weil sie erst kurz zuvor von der Forschungsplattform FreeNovation erfahren hatten. Diese Plattform wurde 2016 von Novartis geschaffen, damit junge Wissenschaftler innovative Ideen verfolgen können, die sonst keiner zu denken wagt.
Raum für unorthodoxe Ideen
Solche Start-up-ähnlichen Plattformen, die Wissenschaftlern Raum für «verrückte» Ideen geben, gewinnen immer mehr an Bedeutung. Es werden immer dringender bahnbrechende Innovationen benötigt, und viele Branchenführer erkennen heute, dass die klassischen Forschungsansätze keinen ausreichenden Nährboden für revolutionäre Ideen bieten.
«In der Schweiz gibt es ein starkes Ausbildungs- und Forschungsnetzwerk, vor allem im Bereich der Biowissenschaften», erklärt Hans Widmer, Leiter des FreeNovation-Programms von Novartis. «Besonders wichtig sind aber Investitionen in unorthodoxe Grundlagenprojekte, wobei genau für solche Themen wegen ihrer unsicheren Erfolgsaussichten kaum Gelder zu bekommen sind.»
Jedes Jahr werden in der Schweiz rund 16 Milliarden Franken in die Forschung und Entwicklung investiert. Mehr als die Hälfte dieser Gelder stammt von der einheimischen Industrie, gefolgt vom öffentlichen Sektor, gemeinnützigen Organisationen und Universitäten. Weil der Druck zur Erzielung greifbarer Ergebnisse aber so hoch ist, werden unkonventionelle Ideen normalerweise nur spärlich oder überhaupt nicht finanziert.
«Angesicht der soliden Forschungslandschaft in der Schweiz hat Novartis einen Bedarf gesehen, auf institutionalisierte Weise Projekte zu finanzieren, die nur aufgrund ihrer Originalität und unabhängig vom Karriererang des Urhebers ausgewählt werden», erläutert Widmer. «Deshalb hat die Novartis-Stiftung das Programm FreeNovation ins Leben gerufen.»