Man kann den Ärger und Schmerz des Chemikers Alfred Kern gut nachvollziehen. Jahrelang hatte er für den Basler Farbenbetrieb Bindschedler & Busch gearbeitet, für bahnbrechende Innovationen gesorgt und den Weg für die industrielle Produktion wichtiger und später äusserst erfolgreicher synthetischer Pigmente geebnet. Da traf ihn die Zurückweisung des Firmenpatriarchs Robert Bindschedler sehr: In einem Brief aus dem Jahr 1887, rund drei Jahre nachdem er den Betrieb verlassen hatte, schreibt Kern noch immer verbittert: «… weil mir in der Fabrik von B&B von Seiten Bindschedler keine Ermutigungen zu Teil wurden, im Gegenteil hatte dieser nur ein absprechendes Urteil über meine Arbeit.» Doch seine Wut und Enttäuschung sollte ihm bald zu neuen Höhenflügen verhelfen und die Zeit bei Bindschedler & Busch rasch vergessen lassen.
Alfred Kern.
Kern, 1850 in Bülach im Kanton Zürich geboren, studierte Chemie am Polytechnikum in Zürich und trat kurz nach dem Studium in die Offenbacher Oehler-Werke ein, ein aufstrebendes Anilinwerk. Bereits mit rund 28 Jahren wechselte er aber zu Bindschedler & Busch nach Basel, einem der zahlreichen Farbstoffunternehmen, die sich entlang des Rheins niederliessen. Sie alle wollten am industriellen Goldrausch teilhaben, der nach 1856 Europa erfasste, nachdem der englische Chemiker William Perkin per Zufall die synthetische Herstellung von Farbstoffen aus Anilin entdeckt hatte. In kürzester Zeit entstanden in vielen Städten des Kontinents Fabriken, um diese neuartigen, äusserst attraktiven und im Vergleich zu Naturpigmenten preisgünstigen Farbstoffe herzustellen, die sich grosser Beliebtheit erfreuten. Chemischer Farbenrausch Es war die Geburtsstunde der industriellen Chemie. Sie war in der Lage, mit der Herstellung von Farbstoffen nicht nur Kapital aufzubauen, sondern auch immer mehr Talente für sich zu gewinnen, die die Forschung und Entwicklung in diesem Sektor vorantreiben wollten – nicht unähnlich dem heutigen Trend in der pharmazeutischen Forschung oder im Silicon Valley in den USA, nur in bescheidenerem Massstab. Einer dieser jungen Pioniere war Alfred Kern, der sich bei Bindschedler & Busch vor allem damit hervortat, dass er ein Verfahren zur industriellen Herstellung von Phosgen entwickeln konnte, das in der Farbherstellung wichtig werden sollte. Dabei gelangen ihm mit der Entwicklung von Kristallviolett und Auramin, das sich durch Beifügung von Blau zu verschiedenen Gelb-, Orange- und Rottönen mischen lässt, die Herstellung von zwei äusserst erfolgreichen Farbprodukten.
Muster von CIBA-Geigy-Farbstoffen, 1970er Jahre.
Mit freundlicher Genehmigung von Novartis Heritage & Company Archives.
Doch Kapital daraus zu schlagen, vermochte Kern nicht. Das in Zusammenarbeit mit BASF entwickelte Verfahren verhalf ihm zwar in Kreisen der jungen Forschergemeinde zu Ruhm, aber er konnte den Erfolg nicht in einen finanziellen Vorteil ummünzen. 1892 schreib er in sein Tagebuch: «… dass ich mich in der Folge genötigt sah, meine Stellung bei B&B aufzugeben, welches Geschäft nun in eine Aktiengesellschaft verwandelt wurde, und damit meine schönsten Erfindungen ganz ausschliesslich Fremden überlassen musste.» Der Frust über seine Zeit bei Bindschedler & Busch, die sich bald darauf in CIBA umfirmierte, legte sich jedoch rasch, nachdem er den Entschluss gefasst hatte, eine eigene Firma aufzubauen. Er fand dabei rasch einen Mitstreiter, nachdem der den Prokuristen Edouard Sandoz kennengelernt und beide beschlossen hatten, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen und sich im Basler St.-Johann-Quartier niederzulassen.
Edouard Constant Sandoz.
Sandoz und Kern Doch nicht die unverbauten 11 000 Quadratmeter auf der grünen Wiese, für die sie den Zuspruch erhielten, gaben den Ausschlag für den Entscheid, ins St. Johann zu ziehen, wo heute Novartis ihren globalen Hauptsitz hat. Es war vor allem die Bewilligung der Stadt Basel zur raschen und unentgeltlichen Entsorgung in den Rhein der bei der Farbstoffproduktion anfallenden Abfälle. Das Firmengelände «liegt weitab einer Verkehrsstrasse und wird daher Wohnungen und einer Vergrösserung der Stadt nicht im Wege … sein», heisst es im Gutachten des damaligen Kantonschemikers Carl Bulacher. Dieser hielt zudem fest, der Rhein sei «für die flüssigen und festen Abgänge eben doch der beste Beseitiger». Auch andere Unternehmen hatten sich diese laxe Art der Abfallentsorgung zunutze gemacht. Im St. Johann waren bereits die Häutehandlung Gebrüder Bloch & Cie., die chemische Fabrik Durand & Huguenin sowie das städtische Gaswerk angesiedelt. Und auch auf der anderen Rheinseite herrschte seit Mitte des 19. Jahrhunderts industrieller Hochbetrieb. Trotz Kerns früher Erfolge waren die Anfänge der Firma bescheiden. Bei der Gründung der Kollektivgesellschaft bestand das Unternehmen zunächst aus einem Bürogebäude mit einem angebauten Laboratorium, drei zusammenhängenden Shedbau-Produktionslokalen und einem Kesselhaus mit einer Dampfmaschine. «Colossal und piramidal» Doch wenige Jahre später konnte das Unternehmen bereits richtig durchstarten.
Zunächst gab es zwar Schwierigkeiten bei der Produktion von Alizarinblau, ein Produktionskessel explodierte, sodass die Einführung mit zwei Jahren Verspätung erfolgte. Doch mit «Pur Prune» konnte Kern bereits rasch ein erstes Produkt pantentieren, und ab 1889 kurbelte «Brilliantdelphinblau» die Verkäufe an. Dank dieses frühen Innovationsschubs verzeichnete die Chemische Fabrik Kern & Sandoz – anders als die meisten Basler Chemiebetriebe der ersten Stunde – schon bald ein dynamisches Wachstum. «Colossal, noch nie dagewesen, fabelhaft, piramidal», schrieb Edouard Sandoz drei Jahre nach der Gründung über die starke Umsatzentwicklung. Kern arbeitete mit grossem Erfolg weiter. Nach den ersten Phosgenfarben folgten Azorfarbstoffe. In kurzer Zeit entwickelte er mit seiner kleinen, aus weniger als einem Dutzend Chemiker bestehenden Mannschaft eine Reihe neuer Farben, darunter ein Pflaumenblau, das sich im Markt erfolgreich durchsetzen konnte. Innerhalb nur weniger Jahre konnte das Unternehmen über 20 neue Farben entwickeln.
Bereits 1888 müssen die ersten Bauten erweitert werden. Drei Jahre später wird dann ein zusätzliches Fabrikationsgebäude errichtet. Und auch die Laboratorien werden ausgebaut. Dazu kommen eine Schlosserei, eine Schreinerwerkstatt und eine eigene Küferei, da die Farbstoffe in Holzstanden fabriziert und in Holzfässer abgefüllt werden. 1891 entsteht eine Arbeiterunterkunft, da das Unternehmen bereits 90 Arbeiter beschäftigt. Zudem verfügt Sandoz & Kern auch über eine Arbeiterkantine. Doch das Essen ist relativ teuer. Das Mittagessen kostet 45 Rappen, etwa ein Drittel des Tagesgehalts einer Arbeitskraft. Kern ist überglücklich. Am 20. Dezember 1892 schreibt er in sein Tagebuch. «Mein Austritt von B&B erfolgte im Jahr 85 und im Juli desselben Jahres war ich entschlossen, mit Herrn Sandoz eine Fabrik zu bauen. Dieselbe kam im Juli 86 in Betrieb und seither haben wir so glückliche Fortschritte erzielt, dass ich nun dem Schicksal dankbar bin, das mich im Jahr 84 betroffen hat. Auf Regen folgt Sonnenschein und umgekehrt. Manches wird auch anders kommen.» Die Lage wird sich aber bereits kurz darauf wieder ändern.
Nur wenige Monate nach der Tagebuchnotiz, mit nur 42 Jahren, stirbt Kern an einem Herzleiden. Und auch Edouard Sandoz muss kurze Zeit später aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen ausscheiden, das später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde und von 1936 bis 1996 unter dem Namen Sandoz firmierte. Auch wenn Krankheit und Tod die Gründer bereits wenige Jahre nach der Gründung ausscheiden liess, war das von ihnen gebaute Fundament stark. Die von Kern entwickelten und von Sandoz vertriebenen Farben schufen den Kapitalstock für den kontinuierlichen Ausbau der Firma, und Farbstoffe blieben auch für lange Zeit das Hauptstandbein des Unternehmens. Zudem hatten die beiden auch eine glückliche Hand bei der Rekrutierung von Talenten. Mit Robert Gnehm konnte die Firma Sandoz kurz nach dem Ausscheiden ihrer Gründer einen wichtigen Akademiker und Geschäftsmann gewinnen, der die Zukunft des Unternehmens entscheidend mitprägen sollte, indem er die Firma verstärkt auf die Pharmazie ausrichtete und wichtige Talente an Bord holte.
Robert Gnehm.
Take-off auf dem St.-Johann-Areal In der Zwischenzeit brummte das Geschäft mit den Farbstoffen aber weiter, und das Firmengelände im St. Johann nahm immer konkretere Formen an. Zehn Jahre nach der Gründung war das Areal auf eine Fläche von über 63 000 Quadratmeter angewachsen. Schön war es hier allerdings nicht. Die noch ungeteerten Arealstrassen waren laut einem Augenzeugenbericht bei schönem Wetter staubig und bei Regenwetter fast nicht zu begehen: «Die vielen Fuhrwerke, die täglich Eis, Kohlen und sonstige Lasten brachten, verwandelten die Strassen in Morast. Ohne Holzschuhe wäre man kaum durchgekommen, und so lief ungefähr jedermann, der mit dem Betrieb zu tun hatte, das ganze Jahr in Holzschuhen umher.» Doch der Erste Weltkrieg sollte diesen Umstand nachhaltig ändern. Mit dem Wegfall der übermächtigen deutsche Konkurrenz wurden die Basler Chemieunternehmen gleichsam über Nacht zum wichtigsten Farbstofflieferanten der englischen Textilindustrie, dem Branchenführer jener Zeit. Das Geschäft florierte. Betrug der Umsatz der «Chemischen Fabrik vormals Sandoz», wie das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt hiess, 1914 noch 6 Millionen Schweizer Franken, schnellte dieser 1916 bereits auf 29,5 Millionen hoch, um 1918 dann auf 37 Millionen Franken anzusteigen. Damit gehörte Sandoz zu den erfolgreichsten Firmen in der Schweiz.
Dank des starken Geschäftsgangs setzte während des Ersten Weltkriegs im St.-Johann-Areal auch eine tiefgreifende Modernisierung ein, die über die 1920er- bis in die 1930er-Jahre hinein dauerte: Die alten Shedbauten wichen mehrstöckigen Fabrikationslokalen, in denen erstmals die vertikale Arbeitsweise zur Anwendung kam. Auf Farben folgt Pharma Während die Farbstoffproduktion auf Hochtouren lief, fing das Unternehmen schon früh an, seine Fühler in den Pharmabereich auszustrecken. Zwar beschränkte man sich zunächst darauf, Nachahmerprodukte auf den Markt zu bringen, aber Sandoz beschloss noch während des Ersten Weltkriegs, eine eigene Forschungsabteilung aufzubauen. Auf Anraten von Robert Gnehm heuerte das Unternehmen den ETH-Wissenschaftler Arthur Stoll an, dem es bereits nach wenigen Jahren gelang, ein erstes Medikament zu entwickeln. Das aus dem Mutterkorn gewonnene Gynergen® war das erste einer Reihe wichtiger Produkte, die dem Unternehmen erlaubten, im Pharmamarkt Fuss zu fassen und ein neues Kapitel der Firmengeschichte aufzuschlagen.
History of Novartis Aus Kohle wird Farbe.
«Pur Prune» und Brilliantdelphinblau: das farbige Fundament der Basler Chemie Ohne den Chemiker Alfred Kern und die mehr als ein Dutzend von ihm entwickelter Farbstoffe gäbe es weder Sandoz noch Novartis. Die Geschichte beginnt aber nicht mit einer genialen Idee, sondern mit der schwierigen Beziehung zu einem anderen grossen Vertreters der Basler Farbenchemie. Von Goran Mijuk.
Mit freundlicher Genehmigung von Novartis Heritage & Company Archives.
Musterbuch mit Alizarin- und Chromfarbstoffen von Sandoz, 1900er Jahre.
Frühe Fotografie des Sandoz-Standorts in St. Johann, 1886
Vielen Dank für das Lesen des Live Magazins
Bleiben Sie auf dem Laufenden, indem Sie unseren Newsletter abonnieren.
AbonnierenMit dem Absenden Ihrer E-Mail erklären Sie sich damit einverstanden, dass die Novartis AG Ihre E-Mail-Daten für den internen Gebrauch von Novartis, in Übereinstimmung mit unserer Datenschutzrichtlinie und mit geschützten technischen Mitteln erfasst und verarbeitet.
