Zeit und Vertrauen
Persönliche Begegnungen
Fotografie als Therapie
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Verborgene Wunden sichtbar machen

Auf Reisen lerne man am meisten, heisst es. Auf Martin Vogt trifft dies ganz besonders zu. Mit seiner Kamera erkundet der erfahrene Wissenschaftler Orte, die den meisten Reisenden verborgen bleiben. Dabei beleuchtet er die drängendsten Gesundheitsprobleme der Welt und hilft mit seinen Bildern, verborgene Wunden zu heilen und unsere Welt besser zu verstehen.

Text von Goran Mijuk, Fotos von Martin Vogt

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Chirurgische Instrumente, die während einer Operation im Verbrennungszentrum des Simon-Khechinashvili-Universitätsspitals in Tiflis verwendet wurden.

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Publiziert am 01/08/2023

Martin Vogt ist zwar kein Arzt, aber wenn der 43-jährige Pharmazeut seine Kamera in die Hand nimmt, nutzt er sie wie ein Chirurg sein Skalpell, um den Mechanismen der weltweit am wenigsten entwickelten Gesundheitssysteme auf den Grund zu gehen.

«Ich möchte hinter Fakten und Zahlen blicken und die konkreten Probleme verstehen, mit denen medizinische Fachkräfte in einem schwierigen sozialen Umfeld zu kämpfen haben», so Vogt. «Seit meinem Chemiestudium fühlte ich mich immer zu Medizin und Wissenschaft hingezogen, und meine Leidenschaft für die Fotografie hat ihr Übriges dazugetan.»

Vogt hat vor einigen Jahren als Hobby-Fotograf begonnen und dabei die Amateurphase schnell hinter sich gelassen. Er erhielt Preise und öffentliche Anerkennung für seine Arbeit, die ihn häufig an ferne und entlegene Orte bringt, wo er seine Linse vor allem auf Ärzte, Patienten und Gesundheitsfachpersonen richtet.

2017 reiste er nach Sambia und im gleichen Jahr noch für längere Zeit in die Mongolei, um Spitäler und Krankenstationen in diesen Ländern zu dokumentieren, die beide in finanzieller Not sind und unter einer schlechten Infrastruktur sowie dem Mangel an medizinischem Fachpersonal leiden (siehe auch live-Ausgabe 2/2019).

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Die georgische Hauptstadt Tiflis. Martin Vogt hatte sich auf einen vom Krieg gebeutelten Schauplatz eingestellt.

Zeit und Ver­trau­en

Seine Kamera spielt auf Vogts Reisen stets eine wesentliche Rolle. Noch wichtiger jedoch ist sein Drang, Menschen zu treffen, sich einzufühlen und seine Fotomodelle persönlich kennenzulernen. Dazu nimmt er sich gern all die Zeit, die nötig ist, um das Vertrauen der Leute vor Ort zu gewinnen und sie auch in ganz privaten Momenten mit der Kamera zu begleiten.

Als er 2019 nach Georgien reiste, besuchte er unter anderem einige Spitäler und Kliniken in der Hauptstadt Tiflis und führte mehrstündige Interviews mit Ärzten sowie Pflege- und Klinikpersonal, um sich ein Bild von der Wirklichkeit hinter der Fassade zu machen.

Georgien, das im Westen ans Schwarze Meer, im Norden und Osten an Russland und im Süden an die Türkei und Armenien grenzt, hat in den letzten 30 Jahren viele Turbulenzen erlebt, ausgelöst durch den Bürgerkrieg und einen bewaffneten Konflikt mit Russland, dem ehemaligen Verbündeten zu Zeiten der Sowjetunion.

Die lange Zeit der Unruhen mündete 2008 in den Kaukasuskrieg zwischen Georgien und Russland, in dem beide Seiten um die Kontrolle zweier abtrünniger Gebiete kämpften. Seitdem hat sich die politische Situation etwas stabilisiert. Auch die Wirtschaft steht inzwischen besser da.

Die Arbeitslosenquote liegt jedoch noch immer bei 12 Prozent, und das gebeutelte Gesundheitssystem des Landes hinkt weiter dem Ziel hinterher, den rund 3,7 Millionen Bürgerinnen und Bürgern eine allgemeine Gesundheitsversorgung zu bieten.

Angesichts der vom Krieg gezeichneten Vergangenheit und der wirtschaftlichen Not rechnete Vogt bei seiner Ankunft in Georgien im Februar 2019 mit einer düsteren Realität. «Ich hatte mich darauf eingestellt, Fotos von Klinikruinen aus der Sowjetzeit zu machen. Was ich dann vorfand, ähnelte, zumindest oberflächlich betrachtet, mehr oder weniger dem Gesundheitsstandard, wie wir ihn bei uns kennen. Erst im Gespräch mit den Leuten vor Ort erkannte ich die tiefer sitzenden Probleme.»

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Dr. Guga Kashibaze in einer Pause zwischen zwei chirurgischen Eingriffen.

Per­sön­li­che Be­geg­nun­gen

Neben dem Rustavi-Zentrum für psychische Gesundheit in Tiflis besuchte Martin Vogt ein halbes Dutzend Ärzte an Regionalspitälern und Universitäten. Zudem sprach er mit wichtigen Branchenvertretern wie Grigori Pirtskhalaishvili, der unter anderem als Berater für Novartis Social Business tätig ist. Er half Vogt, sich im georgischen Gesundheitswesen zurechtzufinden und lokal Kontakte zu knüpfen. Ein weiterer wichtiger Türöffner war Michael Kangas, Direktor für regionale Partnerschaften der Novartis Institutes for BioMedical Research.

Zu seinen eindrücklichsten Begegnungen zählten die Treffen mit Dr. Guga Kashibaze und dessen 90-jährigem Mentor Prof. Besik Iashvili. Kashibaze leitet als plastischer Chirurg das Zentrum für Verbrennungen des Simon-Khechinashvili-Universitätsspitals in Tiflis.

«Guga Kashibaze ist beeindruckend», erinnert sich Martin Vogt. «Mir fielen vor allem sein ernster und starrer Gesichtsausdruck und sein eigenwilliger Schnurrbart auf, mit dem er fast wie ein Hipster aussah – ein aussergewöhnlicher Mann mit grossem Herz.»

Martin Vogt konnte die Arbeit von Kashibaze im OP verfolgen, als dieser ein Mädchen mit schweren Verbrennungen behandelte. Nach dem Eingriff sprachen Martin und Guga über dessen Erfahrungen als Chirurg, die Herausforderungen bei seiner täglichen Arbeit und die Schrecken des Krieges, die ihn immer mal wieder einholen.

«Als ich in den 1990er-Jahren meine medizinische Laufbahn einschlug», so Kashibaze, «befand sich Georgien in einer sehr schwierigen Lage. Das Sowjetreich war zusammengebrochen. Doch statt einer strahlenden, freien Zukunft geriet das Land in einen Krisenmodus, in dem viele ohne Arbeit und Hoffnung blieben. Zahlreiche Freunde aus meiner Generation haben diese Zeit nicht überlebt. Mein Glück war es, dass die Medizin mir Kraft gegeben hat.»

Sein Wille, anderen zu helfen, gab Kashibaze in diesen schweren Jahren des Umbruchs Halt. Seine Hilfsbereitschaft war es auch, die ihn Mitte der 1990er-Jahre dazu bewegte, sich im Team von Besik Iashvili auf die Verbrennungschirurgie zu spezialisieren.

Iashvili, der in Georgien als Vater der Verbrennungsmedizin gilt, hatte in Moskau studiert und war nach Tiflis zurückgekehrt, um dort das Verbrennungszentrum zu gründen, das er mit ausländischen Sponsoren ausbaute und modernisierte. Sein Engagement kam gerade zur richtigen Zeit. In den frühen 1990er-Jahren begann eines der dunkelsten Kapitel des Landes. Die überall grassierende Gewalt führte zu einer Vielzahl von Verbrennungsopfern.

Obwohl Iashvili altersbedingt nicht mehr selbst operiert, ist er aber noch häufig im Zentrum anzutreffen. So auch an dem Tag, an dem Martin Vogt das Interview mit Kashibaze führte. Iashvili berichtete Vogt über die Vergangenheit des Instituts und die harten Jahre des Umbruchs, als das Spital mit Holz beheizt werden musste.

Er war voll des Lobes für Kashibaze. «Vor meinen Augen entwickelte sich Guga zu einem der besten Ärzte seiner Generation», so Iashvili, der sich regelmässig mit Kashibaze über neue Behandlungsmethoden austauscht, die bei Patienten des Verbrennungszentrums angewendet werden könnten.

Guga, den die Lobeshymnen sichtlich verlegen machten, behielt selbst nach der langen Operation, die ihn körperlich wie geistig stark mitgenommen hatte, seine konzentrierte Haltung bei. Vogt wollte wissen, wie er mit dem Stress umgehe. «Bergsteigen ist für mich ein toller Ausgleich», so Guga Kashibaze. «Ich mag Sport, der einem einen Adrenalinkick gibt – wie Klettern an steilen Felsen oder auch Paragliding. Gleichzeitig habe ich auch eine sehr meditative Seite. Ich male gerne und interessiere mich sehr für Grafikdesign», erzählte er.

Zum Ende des Interviews fragte Martin Vogt noch, ob sich Guga jetzt in sein Büro zurückzöge, um sich etwas auszuruhen. «Ich habe kein Büro. Mein Büro ist der OP», antwortete dieser.

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Vorbereitung für den nächsten Eingriff.

Fo­to­gra­fie als The­ra­pie

Nach der einwöchigen Reise benötigte Martin Vogt Monate, um das Material auszuwerten und die besten Bilder und Geschichten auszuwählen.

Dabei stach eine Erzählung ganz besonders hervor: Es war der Bericht von Guga Kashibaze über seine Erlebnisse im Kaukasuskrieg, in dem er nicht nur georgische Landsleute, sondern auch zwei russische Piloten behandeln musste, die abgeschossen worden waren und sich bei ihrem Absturz schwere Verbrennungen zugezogen hatten.

«Es war natürlich eine schwierige Situation», erinnerte sich Kashibaze. «Aber während des gesamten Eingriffs zählte für mich ausschliesslich meine Pflicht als Arzt. Im OP waren die Piloten Patienten mit Schmerzen, die meine Hilfe und ungeteilte Aufmerksamkeit benötigten, auch wenn sie mit ihren Waffen mich und meine Familie hätten töten können.»

Martin Vogt war tief beeindruckt. Es sind genau solche Geschichten über den Krieg und die individuellen Momente des Heldentums, die es nur selten in die Schlagzeilen schaffen und oft in Vergessenheit geraten.

Umso wichtiger ist es, solche persönlichen Berichte zu finden und zu dokumentieren. Denn sie helfen uns nicht nur, unsere komplexe Welt besser zu verstehen, sondern sind selbst eine Art Therapie, indem sie verborgene Wunden offenlegen.

Durch die Bilder von Martin Vogt von Menschen wie Guga Kashibaze zu erfahren, öffnet die Tür zu einer Welt, in der Wissenschaft und Vernunft vorherrschen und in der trotz widrigster Umstände immer eine Chance auf Heilung besteht.

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