Neben dem Rustavi-Zentrum für psychische Gesundheit in Tiflis besuchte Martin Vogt ein halbes Dutzend Ärzte an Regionalspitälern und Universitäten. Zudem sprach er mit wichtigen Branchenvertretern wie Grigori Pirtskhalaishvili, der unter anderem als Berater für Novartis Social Business tätig ist. Er half Vogt, sich im georgischen Gesundheitswesen zurechtzufinden und lokal Kontakte zu knüpfen. Ein weiterer wichtiger Türöffner war Michael Kangas, Direktor für regionale Partnerschaften der Novartis Institutes for BioMedical Research.
Zu seinen eindrücklichsten Begegnungen zählten die Treffen mit Dr. Guga Kashibaze und dessen 90-jährigem Mentor Prof. Besik Iashvili. Kashibaze leitet als plastischer Chirurg das Zentrum für Verbrennungen des Simon-Khechinashvili-Universitätsspitals in Tiflis.
«Guga Kashibaze ist beeindruckend», erinnert sich Martin Vogt. «Mir fielen vor allem sein ernster und starrer Gesichtsausdruck und sein eigenwilliger Schnurrbart auf, mit dem er fast wie ein Hipster aussah – ein aussergewöhnlicher Mann mit grossem Herz.»
Martin Vogt konnte die Arbeit von Kashibaze im OP verfolgen, als dieser ein Mädchen mit schweren Verbrennungen behandelte. Nach dem Eingriff sprachen Martin und Guga über dessen Erfahrungen als Chirurg, die Herausforderungen bei seiner täglichen Arbeit und die Schrecken des Krieges, die ihn immer mal wieder einholen.
«Als ich in den 1990er-Jahren meine medizinische Laufbahn einschlug», so Kashibaze, «befand sich Georgien in einer sehr schwierigen Lage. Das Sowjetreich war zusammengebrochen. Doch statt einer strahlenden, freien Zukunft geriet das Land in einen Krisenmodus, in dem viele ohne Arbeit und Hoffnung blieben. Zahlreiche Freunde aus meiner Generation haben diese Zeit nicht überlebt. Mein Glück war es, dass die Medizin mir Kraft gegeben hat.»
Sein Wille, anderen zu helfen, gab Kashibaze in diesen schweren Jahren des Umbruchs Halt. Seine Hilfsbereitschaft war es auch, die ihn Mitte der 1990er-Jahre dazu bewegte, sich im Team von Besik Iashvili auf die Verbrennungschirurgie zu spezialisieren.
Iashvili, der in Georgien als Vater der Verbrennungsmedizin gilt, hatte in Moskau studiert und war nach Tiflis zurückgekehrt, um dort das Verbrennungszentrum zu gründen, das er mit ausländischen Sponsoren ausbaute und modernisierte. Sein Engagement kam gerade zur richtigen Zeit. In den frühen 1990er-Jahren begann eines der dunkelsten Kapitel des Landes. Die überall grassierende Gewalt führte zu einer Vielzahl von Verbrennungsopfern.
Obwohl Iashvili altersbedingt nicht mehr selbst operiert, ist er aber noch häufig im Zentrum anzutreffen. So auch an dem Tag, an dem Martin Vogt das Interview mit Kashibaze führte. Iashvili berichtete Vogt über die Vergangenheit des Instituts und die harten Jahre des Umbruchs, als das Spital mit Holz beheizt werden musste.
Er war voll des Lobes für Kashibaze. «Vor meinen Augen entwickelte sich Guga zu einem der besten Ärzte seiner Generation», so Iashvili, der sich regelmässig mit Kashibaze über neue Behandlungsmethoden austauscht, die bei Patienten des Verbrennungszentrums angewendet werden könnten.
Guga, den die Lobeshymnen sichtlich verlegen machten, behielt selbst nach der langen Operation, die ihn körperlich wie geistig stark mitgenommen hatte, seine konzentrierte Haltung bei. Vogt wollte wissen, wie er mit dem Stress umgehe. «Bergsteigen ist für mich ein toller Ausgleich», so Guga Kashibaze. «Ich mag Sport, der einem einen Adrenalinkick gibt – wie Klettern an steilen Felsen oder auch Paragliding. Gleichzeitig habe ich auch eine sehr meditative Seite. Ich male gerne und interessiere mich sehr für Grafikdesign», erzählte er.
Zum Ende des Interviews fragte Martin Vogt noch, ob sich Guga jetzt in sein Büro zurückzöge, um sich etwas auszuruhen. «Ich habe kein Büro. Mein Büro ist der OP», antwortete dieser.