Herr Wieland, Sie leiten seit fünf Jahren den Bereich Umweltschutz in der Entwicklung bei Novartis. Wie hat diese Reise für Sie begonnen? Für mich begann sie schon vor 40 Jahren, als ich als Schulkind nach dem Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl darüber nachdachte, welchen Schaden die Menschen der Erde zufügen. Seitdem habe ich mein Leben in vielerlei Hinsicht umweltverträglich gestaltet und versucht, dies nach Möglichkeit auch in meine Karriere zu integrieren. Bevor ich vor 15 Jahren zu Novartis kam, war ich CFO einer NGO namens Solar Energy Foundation, die kleine Solarenergiegeräte in ländliche Haushalte in Ostafrika brachte. Für mich war Nachhaltigkeit schon immer das Richtige. Ich möchte alles tun, was möglich ist, um meinen Kindern diesen Planeten in einem lebenswerten Zustand zu übergeben. Ich habe beispielsweise vor vielen Jahren mein Auto verkauft, fliege nicht mehr, ernähre mich grösstenteils vegetarisch und investiere privat vor allem in den Bereich der erneuerbaren Energien. Seit Jahrzehnten engagiere ich mich in meiner Gemeinde für Umweltschutz, z.B. als Sprecher einer Gemeinderatsfraktion und der zivilgesellschaftlichen Vereinigung „Parents for Future“ sowie als Vorstandsmitglied eines Vereins zur Förderung nachhaltiger Mobilität im Breisgau. In meiner früheren Position als Finanzleiter bei Global Clinical Supply (GCS) bei Novartis haben wir damit begonnen, den CO2-Fussabdruck unserer Medikamententransporte – es sind Tausende – an Krankenhäuser zu berechnen. Bei der Auswertung der Daten haben wir wichtige Möglichkeiten identifiziert, um nicht nur Abfall und Transportemissionen zu reduzieren, sondern auch Millionen Franken an Kosten einzusparen. Unsere Initiative wurde 2019 mit dem „Better World Award” für Umweltschutz bei Novartis ausgezeichnet. Diese konkreten Ergebnisse zeigen, dass Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz Hand in Hand gehen – und sie lieferten ein starkes Geschäftsargument für einen systematischeren Ansatz. Auf dieser Grundlage wurde klar, dass ein stärkerer Fokus auf Umweltschutz in der Medikamentenentwicklung viele Vorteile versprach.
Jürgen Wieland.
Als Novartis beschloss, diesen Bereich zu stärken, konnte ich die Vision, die Prioritäten und das Geschäftssmodell für ein neues Team mitgestalten. Diese Arbeit führte schliesslich zur Schaffung der Funktion „Development Environmental Sustainability” – und zu meiner heutigen Position als deren Leiter. Warum ist Umweltschutz für Novartis so wichtig – insbesondere für ein Unternehmen, das sich auf die menschliche Gesundheit konzentriert? Für mich ist der Zusammenhang ganz klar: Die menschliche Gesundheit hängt von einem gesunden Planeten ab. Der Klimawandel und die Umweltzerstörung wirken sich bereits heute auf die Gesundheit aus. Wir beobachten mehr Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Zusammenhang mit Luftverschmutzung, mehr Hitzestress und hitzebedingte Todesfälle sowie veränderte Muster bei Infektionskrankheiten, da sich Temperaturzonen und Ökosysteme verschieben. Wasserknappheit und Überschwemmungen können die sanitären Einrichtungen und den Zugang zur Gesundheitsversorgung beeinträchtigen, während der Verlust der biologischen Vielfalt alles beeinflussen kann – von der Ernährungssicherheit bis zur Entdeckung neuer Medikamente. All dies steht in engem Zusammenhang mit dem Ziel von Novartis, das Leben der Menschen zu verlängern und zu verbessern. Wenn die Umweltbedingungen, denen die Menschen ausgesetzt sind, lebensfeindlicher werden, wird es schwieriger, dieses Ziel zu erreichen. Daher ist das Engagement für mehr Umweltschutz Teil unseres Ansatzes, die Gesundheit jetzt und für zukünftige Generationen zu schützen und zu verbessern. Aus Sicht von Novartis ist Nachhaltigkeit kein „nice to have“, sondern ein zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Zur Verringerung unseres ökologischen Fussabdrucks gehören dabei die Minderung klimabedingter Risiken für unsere Betriebe und Lieferketten, die effizientere Nutzung von Energie, Wasser und Materialien, was mit Kosteneinsparungen und betrieblicher Effizienz verbunden ist, sowie die Einhaltung sich wandelnder gesetzlicher Vorschriften und gesellschaftlicher Erwartungen. Letztendlich geht es um langfristige Wertschöpfung und nachhaltiges Vertrauen. Wie ist Umweltschutz in die Strategie von Novartis integriert – und was bedeutet das konkret für die Entwicklung? Auf Konzernebene hat Novartis klare Ziele festgelegt, darunter die Senkung der Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf netto null bis 2040 sowie die Reduzierung von Abfall und Wasserverbrauch. In der Entwicklung setzen wir diese Ziele in zwei Hauptbereichen in konkrete Massnahmen um. Können Sie etwas näher auf diese Massnahmen eingehen? Wir streben ein nachhaltiges Produktdesign an und arbeiten daran, Umweltaspekte so früh wie möglich in den F&E-Prozess einzubeziehen. Frühzeitiges Handeln eröffnet mehr Optionen und hilft uns, mehr Wirkung zu erzielen, ohne Kompromisse bei Qualität, Sicherheit oder Zeitplänen einzugehen. Ressourceneffiziente Prozesse und eine verbesserte Produktionsausbeute können auch zu einer erheblichen Senkung der Herstellungskosten führen. Zudem umfasst unsere Arbeit im Bereich nachhaltiges Produktdesign die Verwendung von Methoden zur Lebenszyklusbewertung, die Unterstützung von Projektteams bei der Auswahl von Prozessen, Technologien und Materialien, sowie die Zusammenarbeit mit Kollegen aus den Bereichen Technische Forschung und Entwicklung und Operations, um dazu beizutragen, dass Nachhaltigkeitsoptimierungen bis zur kommerziellen Serienfertigung umgesetzt werden. Werden die Mitarbeiter aktiv dazu ermutigt, in ihrer täglichen Arbeit einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten? Auf jeden Fall. Umweltschutz muss von der gesamten Organisation getragen werden – sie kann nicht nur von einem kleinen zentralen Team effektiv umgesetzt werden. Mitarbeiter aller Ebenen werden befähigt und ermutigt, die Umweltauswirkungen ihrer vielen täglichen Entscheidungen zu berücksichtigen. Dieser kulturelle Wandel und das Engagement der Mitarbeiter sind neben nachhaltigem Produktdesign und umweltfreundlicheren klinischen Studien die dritte Säule unserer Umweltschutz-Strategie in der Entwicklung. Wie unterstützen sie dies konkret? Wir nutzen zum Beispiel die «My Green Lab»-Zertifizierung. Dieses Programm hilft unseren Labors, ihre Umweltauswirkungen zu messen und zu verbessern. Es bietet konkrete Anleitungen zu Verhaltensweisen und Praktiken, die Labors umweltfreundlicher machen, ohne wissenschaftlichen Ergebnisse zu beeinträchtigen. Zudem organisieren wir Climate Fresk-Workshops, in denen die Klimawissenschaft in Form einer interaktiven Lernerfahrung vermittelt wird. Die Kolleginnen und Kollegen verlassen die Workshops mit einem besseren Verständnis der wissenschaftlichen Zusammenhänge und mit praktischen Ideen und hoher Motivation für konkrete Massnahmen an ihrem Arbeitsplatz. Bei Novartis gibt es ja auch ein Green Team-Mitarbeiternetzwerk. Was passiert hier? Viele Kollegen beteiligen sich an den auf Umweltschutz ausgerichteten Mitarbeiterinteressensgruppen (ERGs) in zahlreichen Novartis-Standorten. Sie tauschen sich über erfolgreiche Projekte aus, führen eigene lokale Initiativen durch und tragen dazu bei, das Thema sichtbar und relevant zu halten. Wie fühlen Sie sich heute, mehr als vier Jahrzehnte nach Tschernobyl und wie sieht ihre Vision für die Zukunft aus? Mein persönliches Ziel ist es, dass Nachhaltigkeit ein integrierter Teil unserer Arbeitsweise wird und nicht nur eine zusätzliche Aufgabe nebenbei ist. Wenn Menschen vor Ort unterstützt werden und sie die positive Wirkung ihres Einsatzes für mehr Umweltschutz erfahren, können wir gemeinsam viel erreichen.
Connect Der Problemlöser.
Visionär und lösungsorientiert Jürgen Wieland ist ein Problemlöser und langjähriger Verfechter der Nachhaltigkeit – und leitet seit fünf Jahren die Umwelt-& Klimaschutz-Aktivitäten im Bereich Development bei Novartis. Im Gespräch erzählt er uns, warum die Gesundheit unseres Planeten für Patienten wichtig ist, wie Nachhaltigkeit in unsere Pipeline integriert ist und wie jeder von uns Umweltschutz in seiner täglichen Arbeit voranbringen kann. Das Interview führte Katrin Schmid — Fotos von Florian Dietzenschmidt.
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