Als Johann Rudolf Geigy im Jahr 1758 an der Freien Strasse 42 in Basel eine «Drogen- und Materialwarenhandlung» eröffnete, konnte er sich wohl kaum vorstellen, damit den Grundstein für einen Weltkonzern gelegt zu haben, der mehr als 250 Jahre später zu den grössten und innovativsten Pharmaunternehmen der Welt gehören würde. Allein in solchen Dimensionen zu denken, dürfte ihm nicht in den Sinn gekommen sein. Die Welt, in der er sich in Basel als Kaufmann einen Namen machen wollte, ist weder gesellschaftlich, politisch noch technologisch mit dem «globalen Dorf» von heute zu vergleichen. Es gab weder Eisenbahn noch Telegraphen, und die wenigen, kaum leistungsfähigen Dampfmaschinen konnten weder Pferde noch Wassermühlen oder menschliche Muskelkraft ersetzen, welche die Wirtschaft am Laufen hielten. Zudem regelten strenge Zunftgesetze das Wirtschaftsleben. Von einer liberalen Ordnung keine Spur. In Europa gehörten Kriege zum Alltag. In Frankreich regierte Ludwig der XV., Friedrich der Grosse herrschte über Preussen. Die Schweiz war noch ein loser Bund von Kantonen. Und bis zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika würde es noch fast 20 Jahre dauern. Das 18. Jahrhundert war aber auch die Zeit der Aufklärung und der grossen Philosophen. Immanuel Kant, Denis Diderot, Voltaire, David Hume und Jean-Jacques Rousseau publizierten ihre Werke und legten mit ihren Schriften den Grundstein für neue gesellschaftliche Entwicklungen. Doch es sollte fast ein Jahrhundert dauern, bevor das von Geigy gegründete Unternehmen, beflügelt durch die zunehmende Industrialisierung, richtig Fahrt aufnahm. Mit den ersten Fabrikproduktionen in Basel wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen, nach der Entdeckung der künstlichen Farbstoffherstellung. Danach ging es Schlag auf Schlag. Bereits 1881 entstanden die ersten Fabriken im benachbarten Frankreich. Die Vorgängergesellschaft Durand & Huguenin, die 1900 von der Ciba übernommen wurde, baute eine Anlage in Saint-Fons bei Lyon und trieb auch die Expansion nach Deutschland voran. Geigy baute 1891 in Maromme bei Rouen ein Werk. Knapp ein Jahrzehnt später entstand das erste Produktionswerk in Russland. In Karawajewka bei Moskau stellte Geigy Farbholzextrakte her und baute eine Verkaufsorganisation auf. Im heutigen Polen erstellte die Ciba ebenfalls eine Produktionsstätte.
Mit der Geigy Aniline & Extract Company wurde 1903 die erste amerikanische Tochtergesellschaft ins Leben gerufen. Ein Jahr später entstand die erste Misch- und Produktionsanlage in New Jersey. Wenig später folgte auch der Schritt nach England – dem Mutterland der Farbproduktion und Motor der globalen Industrialisierung. Während die Produktion im Ausland ausgebaut wurde, waren die Vorgängergesellschaften beim Ausbau ihres Handels- und Vertriebsnetzes ebenfalls sehr aktiv. Ab den 1870er-Jahren waren die Vorgängergesellschaften bereits in Indien, China und Japan tätig und eröffneten Niederlassungen in Bombay, Kalkutta, Schanghai, Hongkong, Yokohama, Kobe und Osaka. Dieser ersten Phase der Globalisierung wurde mit dem Ersten Weltkrieg zwar ein jähes Ende gesetzt, doch in der Zwischenkriegszeit nahm die Internationalisierung des Geschäfts wieder an Fahrt auf. In Brüssel, Hongkong, den USA und Kanada investierten die Unternehmen erneut massiv. Und auch wenn der Zweite Weltkrieg die Internationalisierung ins Stocken geraten liess, begann in dieser Zeit eine zweite grosse Phase der Internationalisierung. Die Vorgängergesellschaften von Novartis waren auf allen Kontinenten aktiv und bauten ihr Netzwerk konsequent auf. Hatten die Unternehmen ihre Produkte zuvor vor allem von Basel aus exportiert und im Ausland einzelne Produktionsstätten aufgebaut, entwickelte sich ab den 1950er-Jahren ein dichtes globales Netzwerk aus Forschung, Produktion und Vertrieb. Neue Werke entstanden in Europa, Nord- und Südamerika sowie in Asien, unter anderem in England, Deutschland, Österreich, Portugal, den USA, Kanada, Brasilien, Mexiko, Indien und Japan. Gleichzeitig verlagerte sich erstmals auch Forschung ins Ausland: Moderne Forschungszentren in New Jersey, New York, Wien oder Mumbai ergänzten die Basler Labore und machten Innovation zu einer internationalen Gemeinschaftsaufgabe. Mit der Fusion von Ciba und Geigy im Jahr 1970 entstand einer der weltweit führenden Chemie- und Pharmakonzerne, dessen Standorte nicht länger als voneinander unabhängige Tochtergesellschaften arbeiteten, sondern als integriertes globales Netzwerk mit internationaler Arbeitsteilung. Bis zur Gründung von Novartis 1996 war aus den einstigen Basler Farbenfabriken ein weltweit präsenter Forschungs- und Gesundheitskonzern geworden, dessen Aktivitäten sich über alle wichtigen Wirtschaftsregionen der Erde erstreckten.
Origgio, Italien: CIBA Bürogebäude im Jahr 1964.
Nach der Gründung von Novartis konzentrierte sich das Unternehmen vermehrt auf Pharma und Life Sciences. Zunächst beherrschten noch Anlagen für kleinmolekulare Wirkstoffe das Gros der Produktion, doch es kamen bereits die ersten Biotechanlagen dazu, unter anderem in Huningue. Die Forschung nahm einen immer zentraleren Platz ein. Während die Vorgängerunternehmen ihre weltweite Präsenz vor allem durch den Aufbau von Produktionsstätten und Vertriebsorganisationen ausgebaut hatten, entwickelte sich Novartis zu einem global integrierten Forschungs- und Gesundheitsunternehmen. Forschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung wurden zunehmend in internationalen Kompetenzzentren organisiert, die über die Kontinente hinweg eng zusammenarbeiteten. Einen entscheidenden Meilenstein markierte Anfang der 2000er-Jahre der Aufbau des Forschungsstandorts in Cambridge, Massachusetts. Mit der bewussten Ansiedlung eines der weltweit grössten biomedizinischen Forschungszentren im Herzen des Bostoner Innovationsclusters verlagerte Novartis einen wesentlichen Teil ihrer Spitzenforschung in das weltweit führende Innovationsökosystem rund um Boston, wo sich Spitzenuniversitäten, Kliniken, Biotechnologieunternehmen und wissenschaftliche Talente auf einzigartige Weise bündeln. Cambridge wurde damit neben Basel zum zweiten globalen Forschungszentrum des Unternehmens und steht sinnbildlich für den Wandel von einem multinationalen Konzern mit internationalen Niederlassungen zu einem weltweit vernetzten Innovationsunternehmen.
Parallel dazu fokussierte sich Novartis konsequent auf das Gesundheitswesen und trennte sich schrittweise von Geschäften ausserhalb der Pharma- und Life-Sciences-Branche. Ab Mitte der 2010er-Jahre fokussierte sich das Unternehmen vermehrt auf die Entwicklung hochinnovativer Therapien. Mit dem Aufbau der Forschung und Produktion von Gen- und Zelltherapien, dem Vorstoss in den Bereich von RNA-Therapien sowie der Nuklearmedizin ging Novartis ab 2015 neue Wege, um Krankheiten zu behandeln, die bis zu diesem Zeitpunkt kaum zu behandeln waren. Heute verbindet Novartis ihre Basler Wurzeln mit einem globalen Netzwerk von Forschungszentren, Produktionsstandorten und Partnerschaften in über hundert Ländern. Was als kleine Handelsfirma an der Freien Strasse begann, hat sich zu einem weltweit vernetzten Innovationsunternehmen entwickelt, das gemeinsam mit Wissenschaftlern, Kliniken und Biotechnologieunternehmen rund um den Globus daran arbeitet, medizinische Durchbrüche schneller zu den Patientinnen und Patienten zu bringen.
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Novartis Geschichte Eine Weltreise. Vom Basler Handelshaus zum globalen Forschungsnetzwerk Text Goran Mijuk. Fotos Novartis Heritage and Company Archives. Was 1758 mit einer kleinen «Drogen- und Materialwarenhandlung» an der Freien Strasse in Basel begann, entwickelte sich über zweieinhalb Jahrhunderte zu einem weltumspannenden Forschungs- und Gesundheitsunternehmen. Die Geschichte von Geigy, Ciba, Sandoz und Novartis ist zugleich die Geschichte einer aussergewöhnlichen Internationalisierung – von den ersten Exporten entlang des Rheins bis zu einem globalen Netzwerk von Forschungszentren, Produktionsstandorten und Partnerschaften auf allen Kontinenten.
Karawajewka bei Moskau: Geigy-Produktionsstätte um 1900.
Saint-Fons, Frankreich: Industrieanlage von CIBA. Um 1910.
Charlotte, North Carolina: CIBA in den 1920ern.
Charlton Street, New York: Rückseite der Sandoz Chemical Works, Inc. 1930er-Jahre.
Summit, New Jersey: CIBA Niederlassung im August 1946.
Rio de Janeiro: Lieferwagen vor dem Geigy-Depot, 1951.
Indien: Walter Singer, Leiter des Geigy Farbstoffgeschäfts, im Jahr 1912 zusammen mit indischen Vertretern.
Osaka, Japan: Verpackung von Elbon um 1927.
Tschechische Republik: Verpackung von Digifolin (CIBA) um 1930.
Shanghai, China: Buchhaltungsbüro von CIBA. Vermutlich 1938.
San Francisco: Sandoz Sekretariat im Jahr 1944.
Hong Kong, China: CIBA Labor im Jahr 1949.
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