Publiziert am 01/07/2021
Erwiesenermassen hat die Farb-, Chemie- und Pharmaindustrie in den vergangenen 150 Jahren einen grossen Teil zur rasanten industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung der Region Basel beigetragen. Ihre Innovationen machten weltweit Furore, ihr unternehmerischer Erfolg und ihr Wachstum sorgten im ganzen Dreiland für Arbeit und Wohlstand.
Die Abfälle und Abwässer, die bei der Herstellung ihrer erfolgreichen Produkte anfielen, nahm man lange als unvermeidliche Begleiterscheinung des Fortschritts hin und entsorgte sie auf dem schnellsten und billigsten Weg. Welche Auswirkungen dies auf Mensch und Natur hatte, stand lange Zeit nicht zur Debatte.
«Schweizerhalle» als Fanal
Tatsächlich war bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus praktisch keine Sensibilisierung für Umweltschutz und Nachhaltigkeit vorhanden. Die Sicherheitsvorschriften im Umgang mit gefährlichen Stoffen waren lax, und die Abfallentsorgung kannte keinerlei gesetzliche Auflagen. Erst Havarien und Unfälle in den 1960er- und 1970er-Jahren führten zu einem neuen Bewusstsein für das Thema und in der Folge zu strengeren Richtlinien und Gesetzen. In der Region Basel wurde der Brand im Werk Schweizerhalle vom 1. November 1986 mit seinen schwerwiegenden Folgen für alles Leben im Rhein zum Treiber dieser Entwicklung. Der Vorfall erschütterte das Vertrauen der Bevölkerung in die chemische und pharmazeutische Industrie zutiefst. Die Aufarbeitung der Geschehnisse rund um «Schweizerhalle» führten in den darauffolgenden Jahren weltweit zu einem verstärkten Umdenken in der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Daraus resultierten unter anderem die Einführung strengerer Sicherheitsauflagen im Produktionsumfeld sowie neue Umweltgesetze. Auch in der Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich nur durch Offenheit und Transparenz das zwingend notwendige Vertrauen gewinnen und die positive Reputation eines Unternehmens langfristig sicherstellen lässt.
Lindan in Hüningen
Bis in die 1970er-Jahre gab es in der Region Basel weder für private Haushalte noch für die Industrie Vorschriften über die Abfallbeseitigung. Die Entsorgung erfolgte meistens nach der Devise «Aus den Augen – aus dem Sinn»: Abfälle, auch hochtoxische, wurden in den Rhein gekippt, vergraben oder gar offen gelagert. So geschah es auch auf dem Produktionsareal der Ugine Kuhlmann. Das Unternehmen lagerte die Lindan-Rückstände aus seiner Pestizidproduktion einfach unter freiem Himmel. Aus heutiger Sicht unvorstellbar!
Die damit in Kauf genommene Verseuchung des Bodens geschah also lange bevor das Areal durch die heutige Eigentümerin Novartis erworben wurde. Dennoch beschloss das Unternehmen nach Feststellung des Schadens, den Perimeter gründlich zu sanieren. Es dürfte nicht viele Fälle geben, in denen ein Unternehmen auf freiwilliger Basis für die Sanierung einer fremdverursachten Altlast aufkommt. Dieses Engagement wurde von der Politik – vor allem der französischen – sehr wohlwollend wahrgenommen und geschätzt. Der breiteren Öffentlichkeit hingegen waren das beispielhafte Vorhaben und die Planung der Sanierungsarbeiten ebenso unbekannt wie das Startdatum und der Verlauf der Arbeiten. Dies hing auch damit zusammen, dass das Areal auf französischem Boden liegt und zu jener Zeit von der STEIH als Eigentümerin und Betreiberin einer Abwasseraufbereitungsanlage genutzt wurde. Aus rechtlichen Gründen musste sie als französisches Unternehmen für das Sanierungsprojekt verantwortlich zeichnen; Novartis oblag «nur» die Federführung. Aus dieser Konstellation heraus ergab es sich, dass seitens der Projektleitung anfänglich kaum gegen aussen kommuniziert wurde.
Kommunikation verbessert
Dies änderte sich mit der temporären Einstellung der Sanierungsarbeiten. Luftmessungen der baselstädtischen Behörden und von Novartis hatten ergeben, dass sich die durch die Arbeiten verursachten Geruchsemissionen nicht wie erhofft hatten reduzieren lassen. Durch den Stopp am 24. September 2013 erlangten die ARA STEIH und ihre Vergangenheit grössere Bekanntheit, und das Sanierungsprojekt wurde auch in den Medien zum Thema. Diese Aufmerksamkeit machte eine rasche, offene und transparente Kommunikation notwendig. Als eine der ersten Sofortmassnahmen wurde eine Informationswebsite aufgeschaltet. Zudem nutzten die Verantwortlichen den mehrmonatigen Sanierungsunterbruch für eine noch gründlichere Risikoanalyse und evaluierten einen neuen Betreiber für die Sanierungsarbeiten. Parallel zur angepassten Sanierungsplanung wurde ein Kommunikationskonzept erarbeitet und mit den Behörden in Frankreich und der Schweiz abgestimmt. So wurden beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Amt für Umwelt und Energie (AUE) des Kantons Basel-Stadt fortlaufend die Messresultate zur Belastung von Luft und Wasser publiziert.
Öffentlichkeitsarbeit verstärkt
Zudem wurde die Öffentlichkeitsarbeit mit Blick auf die Anwohnerinnen und Anwohner in Basel-Stadt, Huningue und Saint-Louis intensiviert, unter anderem dadurch, dass Novartis öffentliche Informationsveranstaltungen unter Beteiligung von Behörden durchführte. Diese neu geschaffene Dialogplattform diente dem regelmässigen Informationsaustausch mit der Öffentlichkeit und ermöglichte den direkten Kontakt mit dem Projektteam und den beauftragten Unternehmen.
Hatten die Verantwortlichen zunächst die Öffentlichkeit ausgeklammert, informierten sie nun offen und transparent. Die Lindan-Sanierung durch Novartis wurde auch technisch erklärt, und gerade diese Message förderte die Akzeptanz und den Bekanntheitsgrad des Projekts, das bald weit über die Region hinaus ausstrahlte und zu einer Vielzahl von Anfragen aus Politik und Industrie führte. Unter anderem wurden Arealbegehungen und Informationsveranstaltungen für Medienschaffende und die Politik angeboten, die auf reges Interesse stiessen. Der regelmässige Dialog und Austausch mit den verschiedenen politischen Ämtern und Dienststellen wurde im Rahmen der neuen Projektorganisation festgeschrieben. Zudem hielt man mit einigen Anwohnern engeren Kontakt; diese amteten teilweise gar als inoffizielle «Spürnasen» und meldeten Geruchsemmissionen direkt dem Projektteam. Dieser unkomplizierte Austausch erwies sich als besonders wertvoll, ermöglichte er doch notwendige Optimierungen der Prozesse ohne Zeitverlust.
Das Echo in den Medien
Die offene und transparente Kommunikations- und Informationspolitik trug ihre Früchte auch in den Medien. So schrieb die «Basler Zeitung» am 30. Juni 2014: «Neuer Anlauf für Sanierung der Giftgrube. Eine neue Firma soll mit der Sanierung der Lindanabfälle in Hüningen betraut werden. Novartis hat den Auftrag neu ausgeschrieben. Die Schadstoffkonzentrationen in der Luft werden künftig rund um die Uhr gemessen.» Ein weiterer Aspekt, für den sich die Bevölkerung und damit auch die Medien sehr interessierten, war der durchgehende Rheinuferweg von der Dreirosenbrücke nach Huningue. Schon die Fertigstellung des Schweizer Abschnitts des verlängerten Elsässerrheinwegs fand ihren medialen Widerhall, so in der «bz Basel» vom 2. März 2016: «Ab April ist der Rheinuferweg unterhalb des Novartis Campus hindurch endlich offen. Doch die Wanderlust kann man nur am Wochenende uneingeschränkt ausleben. Wochentags ist an der Landesgrenze Schluss. Denn die Lindansanierung am Rheinufer ist noch nicht abgeschlossen.»
Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte sich das Interesse der Bevölkerung und der Medien auf die Frage, wann die Verbindung für den Langsamverkehr entlang des Rheins nach Huningue durchgehend offenstehen würde. Weil aber die Menge an kontaminiertem Erdreich wesentlich höher war als erwartet und Niederwasser des Rheins dessen Abtransport zeitweise verlangsamte oder gar verunmöglichte, musste das Abschlussdatum der Arbeiten und damit die Eröffnung des durchgehenden Rheinuferwegs mehrmals hinausgeschoben werden. Im Rahmen eines Informationsanlasses für Behörden- und Medienvertreter vom 3. Mai 2018 wurden als Worst Case der Abschluss der Sanierungsarbeiten und die Eröffnung der Verkehrsverbindung für das zweite Quartal 2021 in Aussicht gestellt. Das kommentierte wiederum die «bz Basel» so: «Eigentlich sollte die Ara STEIH Ende 2017 fertig saniert sein. Daraus wird aber nichts. Wie Matthias Leuenberger, Präsident von Novartis Schweiz, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz verkündete, sollen die Sanierungsarbeiten noch bis 2021 andauern. Bei der ehemaligen Abwasserreinigungsanlage muss der gesamte Boden von giftigen Stoffen befreit werden.»
Umso erfreulicher war der Umstand, dass schliesslich der Abschluss der Sanierung sowie die Eröffnung der durchgehenden Langsamverkehrsachse bereits auf den 25. Oktober 2019 angekündigt werden konnten. Die «Basler Zeitung» liess denn an diesem Tag auch verlauten: «Der Rheinuferweg von Basel nach Hüningen (F) ist ab sofort durchgehend offen. Der Weg konnte freigegeben werden, weil Novartis die Sanierung eines verseuchten Areals abschliessen konnte, wie das Basler Bau- und Verkehrsdepartement am Freitag mitteilte.» Nebst dem offiziellen Feierakt mit Behördenvertretern fanden am darauffolgenden Wochenende zwei «Bürgerzmorge» statt, in deren Rahmen der Abschluss der Arbeiten ausgiebig gefeiert wurde.
Fazit
Sanierungsprojekte wirken sich auf die Reputation eines Unternehmens nicht per se positiv aus. Die öffentliche wie die veröffentlichte Meinung gehen davon aus, die Behebung eines Schadens liege zwingend im Verantwortungsbereich des Unternehmens. Wie erreicht man also, dass eine freiwillige Sanierung, die das schuldlose Unternehmen schliesslich rund 300 Millionen Schweizer Franken kostete, in der öffentlichen Wahrnehmung positiv ausfällt? Ist gar ein Reputationsgewinn für das ausführende Unternehmen möglich?
Rückblickend darf man die Frage bejahen – und muss gleichzeitig feststellen, dass im Fall der Lindan-Sanierung auf dem Areal der ARA STEIH diese Chance nicht von Anfang an erkannt worden ist. In der ersten Projektphase wurde auf eine konsequente Öffentlichkeits- und Medienarbeit verzichtet – nicht zuletzt deshalb, weil die tatsächlichen Dimensionen des Projekts zu Beginn deutlich unterschätzt und deshalb einer grösseren Kommunikationsanstrengung nicht würdig befunden worden waren. Mit dem heutigen Wissensstand wäre der Aspekt der Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit zweifellos höher gewichtet worden. Kolleginnen und Kollegen, die sich in Zukunft mit ähnlichen Sanierungen befassen, sollten diese Erfahrung beherzigen, wenn es um die Frage geht, ob, wann und wie über eine Sanierung kommuniziert wird. Im Zweifelsfall: immer.




