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Solarenergie ist eines der Standbeine der Umweltstrategie von Novartis. (Acciona)

In Sachen Qualität geht Montse Montaner keine Kompromisse ein. Die erfahrene Pharma-Managerin kann auf eine lange, erfolgreiche Karriere in der Branche zurückblicken. Sie weiss genau, dass in der Medikamentenproduktion jeder Fehler ein Fehler zu viel ist und dass in einem Sektor, dessen Ziel es ist, Millionen Menschen zu einem längeren und gesünderen Leben zu verhelfen, Sorgfalt und Vorsicht oberstes Gebot sind.

Dieses Bewusstsein, das sie im Laufe ihrer Tätigkeit als Group Head of Quality bei Novartis geschärft hat, nützt ihr nun auch in ihrer neuen Position als Chief Sustainability Officer. In dieser Rolle kümmert sie sich um den Umweltschutz und die Nachhaltigkeit bei Novartis und stellt sicher, dass sich die zahlreichen, den Globus umspannenden Projekte dieses Bereichs unter einem gemeinsamen Dach führen lassen.

«Qualität ist bei jedem Pharmaunternehmen ein entscheidender Faktor», so Montaner im Gespräch über ihre frühere Position. «Doch vor allem ist sie ein Anspruch an die eigene Arbeit und erinnert ständig daran, dass das eigene Handeln enorme Auswirkungen auf die Patienten hat.» Sorgfalt und naturwissenschaftliches Arbeiten haben ihre berufliche Laufbahn schon immer geprägt. Ihre neue Position verlangt von ihr nun noch mehr, auch von ihrer Familie, die einer der Gründe war, weshalb sie den neuen Posten annahm. Denn Montaner suchte nicht einfach nur eine neue Herausforderung. Es waren vor allem die Gespräche mit ihren Kindern im Teenageralter, die sie dazu veranlassten, ihren beruflichen Weg zu überdenken: «Eine Zeit lang ging es bei meinen Gesprächen zu Hause mit den Kindern oft um den Klimawandel», so Montaner. «Beide sind Teenager, die sich der Herausforderungen, die sich uns stellen, bewusst sind. Deshalb führten wir natürlich sehr ernsthafte Gespräche über die Auswirkungen der menschlichen Zivilisation auf die Umwelt.»    

Die Diskussionen im Familienkreis regten sie zum Nachdenken an, führt Montaner aus. Sie weckten auch Erinnerungen an ihre eigene Jugend, als sie in Brasilien studierte und vor Ort für eine gemeinnützige Organisation tätig war, die in Not geratenen Menschen half, von denen viele schon damals vom Klimawandel betroffen waren. «Als ich etwa 16 war, wohnte ich in Brasilien in den Armenvierteln, um mehr darüber zu erfahren, wie die Menschen in dieser Situation leben», erläutert sie. «Mir wurde nicht nur klar, wie wohlhabend und privilegiert ich bin, sondern auch, dass einige Menschen direkt von den ausser Kontrolle geratenen klimatischen Bedingungen betroffen sind. Ein Tropensturm kann ein Haus komplett zerstören und eine Familie ihres gesamten Hab und Guts berauben.»  

Auf gewisse Weise hat Montaner durch den beruflichen Wechsel die Verbindung zu ihrer eigenen Geschichte wieder hergestellt: «Insgesamt war die Entscheidung, neue Aufgaben zu übernehmen, das Ergebnis dieser speziellen Konstellation: meiner Erfahrung als ehrenamtliche Helferin für eine gemeinnützige Organisation, der Gespräche zu Hause mit meinen Kindern und meines Wunschs, mich einer neuen Herausforderung zu stellen und etwas zu leisten, was den Patienten wirklich nützt», erzählt Montaner. Es war für sie die richtige Entscheidung, mit ihrer Arbeit künftig dazu beizutragen, dass Novartis ihre ehrgeizigen Umweltschutzziele erreichen kann. Dazu zählt auch die vollständige CO2-, Wasser- und Kunststoffneutralität bis zum Jahr 2030. «Als Unternehmen kämpft Novartis dafür, den Menschen zu einem besseren und längeren Leben zu verhelfen. Ein Aspekt ist dabei der Umweltschutz. Wenn die Umwelt nicht intakt ist, ist es viel schwieriger, die Gesundheit der Menschen zu verbessern. So schliesst sich in meinem Fall der Kreis.»

Frau Montaner, Sie haben gerade die ersten 100 Tage in Ihrer neuen Position absolviert. Wie würden Sie Ihren bisherigen Weg beschreiben?

Ich bin enorm zufrieden. Ich lerne viel, und das ist gut so. Ich treibe mich ständig selbst an, stelle viele Fragen und lese viel über den Klimawandel und den Klimaschutz sowie Fachliteratur, um mein Wissen zu vertiefen. Ich spreche auch mit Kolleginnen und Kollegen von Novartis und mit Menschen aus anderen Unternehmen, die nichts mit der Pharmaindustrie zu tun haben. Ich lerne von deren Erfahrungen, weil wir bei Novartis und in der gesamten Branche noch jede Menge zu tun haben, und zwar schnell.

Ihr Fachgebiet ist die Pharmatechnologie. Können Sie Novartis erfolgreich darauf vorbereiten, ihre ehrgeizigen Umweltschutzziele zu erreichen?

Während meiner beruflichen Laufbahn habe ich die meiste Zeit als pharmazeutisch-technische Fachkraft im Bereich Qualitätsmanagement gearbeitet, in den letzten vier Jahren als Leiterin der Bereiche NTO Quality und Group Quality. Mein Entscheid, die Stelle zu wechseln, hatte berufliche und private Gründe. Ich muss mir noch einiges erarbeiten, aber zwei wichtige Aspekte meiner neuen Position bestehen darin, Glaubwürdigkeit zu erzeugen und eine übergeordnete Struktur aufzubauen, die das Unternehmen beim Erreichen der Ziele unterstützt.

Und wie wollen Sie das schaffen?

Mein Hintergrund und meine Erfahrung helfen mir dabei. Als Leiterin des Bereichs Group Quality habe ich gelernt, dass wir endlos über unsere Ziele und Visionen reden können. Um aber glaubwürdig zu sein und das Vertrauen unserer Patienten, Kunden, Stakeholder und der Gesellschaft insgesamt zu erlangen, müssen wir unsere Versprechen auch einhalten. Wenn man ein führendes Pharmaunternehmen sein will, muss die Qualität des Produkts einwandfrei sein. Dasselbe gilt auch, wenn es um unsere Umweltschutzziele geht.

Wie wollen Sie Glaubwürdigkeit schaffen?

Vor allem brauchen wir intern und extern Transparenz, damit man versteht, was wir tun. Wir haben uns sehr ehrgeizige Ziele gesetzt, an denen wir uns messen müssen. Deshalb benötigen wir klare Vorgaben, um unsere Ergebnisse prüfen, unsere Fortschritte überwachen und neue Ansätze entwickeln zu können. Ausserdem müssen wir die richtigen Prioritäten setzen. Es gibt viele gute Ideen, die unsere Mitarbeitenden umsetzen möchten. Doch wir brauchen unbedingt einen klaren Weg und Disziplin, damit uns der Wandel gelingt.

Konsequentes Handeln stärkt die Glaubwürdigkeit?

Auf jeden Fall. Nehmen Sie als Beispiel nur unsere Bemühungen, in unseren Betriebsstätten die Verwendung von Einwegartikeln aus Plastik zu reduzieren. In Basel war es das Green-Team, das diese Initiative angestossen hat. Doch wirklich ins Rollen kam das Ganze erst, als wir eine konzernweite Initiative starteten. Damit lassen sich Rohstoffe in beträchtlichem Umfang einsparen. Und noch wichtiger: Wir beweisen damit, dass Novartis entschlossen ist, etwas zu verändern.

Wo sehen Sie die grössten Chancen für Veränderungen?

Einer unserer wichtigsten Erfolge war sicherlich der virtuelle Stromabnahmevertrag, den wir vor einigen Jahren in den USA ausgehandelt haben. Er dient jetzt als Vorlage für vergleichbare Verträge über den Bezug erneuerbarer Energie in Europa und andernorts.

Können Sie uns dieses Potenzial erläutern?

Mit diesen neuen, gemeinsam ausgearbeiteten Verträgen über den Bezug umweltfreundlicher Energie können wir nicht nur unsere eigene CO2-Bilanz verbessern. Angesichts des Umfangs dieser Verträge können unsere Lieferanten dazu gebracht werden, ihren CO2-Ausstoss ebenfalls zu senken. Als führendes Pharmaunternehmen mit Tausenden von Lieferanten können wir wirklich viel bewirken, was die betriebliche Praxis in der heutigen Wirtschaft betrifft, und zwar nicht nur bei uns selbst, sondern auch bei unseren Geschäftspartnern. Wir können mit unseren Bemühungen also viel Glaubwürdigkeit sichern, wenn es uns gelingt, Lösungen zu entwickeln, die den Klimawandel auf ganzheitlichere Weise betrachten.

Treiben Sie noch andere Initiativen voran, um die Energie- und Rohstoffnutzung bei Novartis zu verändern?

Da ich aus dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich des Unternehmens komme, ist es mein Ziel, unsere Grundannahmen, von denen wir bisher bei unserer Umweltbilanz ausgegangen sind, infrage zu stellen. Entscheidend dabei ist, den Patienten ganz ins Zentrum unserer Umweltanstrengungen zu rücken und darüber nachzudenken, wie sich der gesamte Lebenszyklus eines Medikaments nachhaltig gestalten lässt.

Was haben Sie in dieser Hinsicht bisher geleistet?

Wir sind daran, Methoden einzuführen, mit denen wir die Umweltbilanz für den gesamten Medikamenten-Lebenszyklus berechnen können. Diese fachspezifische Herangehensweise wird sich auch auf die Unternehmenskultur auswirken: Sie stellt unsere Mitarbeitenden vor die Aufgabe, schon zu einem frühen Zeitpunkt darüber nachzudenken, wie man Medikamente möglichst umweltfreundlich entwickeln und produzieren kann. Wir arbeiten bereits heute an chemischen und biologischen Verfahren, mit denen sich umweltbezogene Nachhaltigkeitskriterien in unsere Geschäftstätigkeit einbeziehen lassen. Einige dieser Bemühungen erfolgen isoliert. Unser Ziel ist es jedoch, diese Verfahren im gesamten Unternehmen zu verbreiten und im grossen Massstab einzusetzen.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration, den Wandel zu fördern?

Ich lese zurzeit viel, um mich zu informieren, was international im Bereich des Umweltschutzes läuft. Natürlich beobachte ich die Initiativen von Greta Thunberg und dem World Wildlife Fund, doch ich bewundere auch Christiana Figueres sehr, die 2010 bis 2016 Leiterin des Sekretariats der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) war. Sie zählt zu den wichtigsten Führungspersönlichkeiten im Bereich des Klimaschutzes. Und ich stehe mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Branchen im Kontakt, um dazuzulernen.

Können Sie näher auf diese externen Kontakte eingehen?

Wenn man mit Menschen aus anderen Unternehmen und Branchen spricht und von deren Erfahrungen lernt, ist das sehr inspirierend und anregend. Durch diese Offenheit können wir unsere Situation besser beurteilen und erkennen, wo wir Fortschritte gemacht haben und wo wir nachbessern müssen. Dank meinen Gesprächen mit Kollegen von Firmen wie Microsoft kann ich unsere eigenen Bemühungen besser einordnen und erfahre, wo wir noch besser werden können.

Was haben Sie in dieser Hinsicht gelernt?

Ich bin wirklich beeindruckt, was Novartis in den vergangenen Jahren erreicht hat. Unsere Zielsetzungen für den Umweltschutz sind ambitioniert und wir verfügen bereits über leistungsstarke Strukturen. Was ich zum Teil auch bei anderen Unternehmen gesehen habe: Wir müssen bei unseren strategischen Prioritäten an einem Strang ziehen und an den Projekten arbeiten, die am meisten bewirken. Ausserdem müssen wir den Lebenszyklus unserer Produkte detaillierter betrachten. Um unsere Ziele zu erreichen, ergreifen wir einerseits technische Massnahmen, arbeiten aber andererseits auch an der Unternehmenskultur.

Können Sie uns den Aspekt der Unternehmenskultur näher erläutern?

Ich halte es für sehr wichtig, dass die Mitarbeitenden unsere Bemühungen unterstützen. Wir müssen jeden Einzelnen mobilisieren, um wirklich etwas zu bewirken. Letztlich geht es um Konsequenz. Sie ist untrennbar mit unseren Anstrengungen verknüpft, intern und extern Glaubwürdigkeit zu erzielen. Denn eines habe ich in der Qualitätssicherung gelernt: Man muss seine Versprechen halten, um seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und die Erwartungen der Patienten zu erfüllen. Die Fehlertoleranz ist gleich Null. Genau dieses Bewusstsein brauchen wir, wenn es um unsere Umweltschutzbemühungen geht. Sie sind nicht nur ein nettes Extra, sondern ein wesentlicher Aspekt unserer Geschäftstätigkeit.

Wo wird Novartis Ihrer Meinung nach in fünf Jahren in Sachen Umweltbilanz stehen?

Unser Ziel ist es, 2025 bei unserer eigenen Geschäftstätigkeit CO2-neutral zu wirtschaften und bis 2030 vollständige CO2-, Wasser- und Kunststoffneutralität zu erreichen. Um dies umzusetzen, sehe ich meine Aufgabe im Unternehmen als Bindeglied, das Führungskräfte aus unterschiedlichen Bereichen miteinander vereint. Wichtig ist dabei, an den Projekten zu arbeiten, die am meisten bewirken können. Dank dem Rückhalt seitens des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung bin ich zuversichtlich, dass wir unsere Zielsetzungen erreichen und zudem eine Bewusstseinsänderung bei Novartis und bei unseren Lieferanten anstossen können, die Nachahmungseffekte in der Gesellschaft auslöst. Um dies zu schaffen, müssen wir jedoch hart, unermüdlich und qualitätsorientiert arbeiten.

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