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Seit er denken kann, geht David Soergel allen möglichen Dingen gerne auf den Grund. Der Leiter der Arzneimittelentwicklung für Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselkrankheiten bei Novartis ist der Ansicht, dass dieses frühe Interesse an Forschung massgeblich zu seinem Wissens- und Lerndrang beitrug.

Noch während seiner College-Zeit erhielt er eine Anstellung in einem Labor der National Institutes of Health (NIH) in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland. «Mir hat einfach alles daran gefallen – das Umfeld im Labor, die Durchführung von Experimenten, die Auswertung und Weiterleitung der Ergebnisse und dann die Entscheidung über das weitere Vorgehen.»

An den NIH wurde ihm aber auch bewusst, dass er beim Entwickeln neuer Therapien endlich auch ein traumatisierendes Ereignis in seiner Kindheit verstehen konnte: Soergel erinnert sich noch gut an alle Einzelheiten jenes Nachmittags, an das Warten auf den Vater, der von einer Geschäftsreise nach Hause kommen sollte, an die Nachricht von seinem Herzinfarkt und die Unfähigkeit, das Geschehene zu begreifen.

«Alles war geheimnisumwittert», erinnert er sich. «Niemand sprach mit mir und meinem Bruder darüber. Wir wussten nur, dass Papa krank war. Ich brauchte Wochen, Monate, ja sogar Jahre, um zu begreifen, was da passiert war.»

Soergels Vater lebte mit den Folgen seines Herzinfarkts, und Soergel erlebte beim Heranwachsen, wie die Krankheit das Leben seines Vaters bestimmte. «Ich wollte damals unbedingt verstehen, was er durchmachte: die Arrhythmien, die irgendwann zu Herzversagen führten. Ich wollte mich einfach in ihn hineinversetzen.»

David Soergel:
Leiter der Arzneimittelentwicklung für Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen.

Obwohl er keiner Arztfamilie entstammte und in seiner Kindheit keinen einzigen Arzt kannte, drängte sich das Medizinstudium geradezu auf. Besonders hatte es ihm Kardiologie angetan, da sie bildbasiert und quantitativ war. «Später entwickelte ich ein Interesse für Kinderkardiologie, weil dieses Gebiet noch viel komplexer ist. Denn hier gibt es nicht nur den Patienten, sondern auch seine Familie, der man durch grosse oder kleine Krisen helfen muss.»

Während seiner Ausbildung in Herzinsuffizienz und Transplantationsmedizin wurde Soergel auch klar, wie wichtig Teamarbeit ist. «Als Arzt bringt man seine Kenntnisse in Medizin, Wissenschaft, klinischer Versorgung und Teamführung mit ein. Aber im Grunde genommen tritt man ohne Pharmakologen, Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, Ernährungswissenschaftler und viele mehr auf der Stelle. Denn diese Menschen arbeiten gemeinsam daran, den Patienten und ihren Familien dabei zu helfen, den nächsten Lebensabschnitt zu erreichen.»

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Transplantationsmediziner erkannte er, wie ein engagiertes und pflichtbewusstes Team das Leben eines Patienten grundlegend verändern kann. Doch sein Wissensdrang war damit noch nicht gestillt, denn sein Interesse galt auch der Entwicklung von Arzneimitteln. «Es ist zumindest in den USA nicht üblich, vom Medizinstudium direkt zu einem Pharmaunternehmen zu gehen. Ich aber wollte diesen Weg ausloten.»

Anfangs war Soergel vom Schritt in die Industrie allerdings nicht ganz überzeugt: «Ich ging zum Gebäude, scannte mein Badge und ging rein. Als sich die Schiebetüren hinter mir schlossen, sagte ich mir stets: Ich kann ja immer wieder was anderes machen!» Das war vor 20 Jahren, aber Soergel blieb schliesslich dabei. «Ich mag meine Tätigkeit und bin erstaunt, was wir als Pharmaunternehmen bewirken können. Das Ausmass, in dem wir das Leben der Menschen verändern, ist enorm.»

David Soergel: "Klinische Studien sind entscheidend für die Verbesserung der Ergebnisse bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Herr Soergel, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache weltweit. Haben sich die Ergebnisse im Herz-Kreislauf-Bereich gegenüber früher dennoch verbessert?

In den letzten rund 40 Jahren haben sich die Ergebnisse in diesem Bereich in einschneidender Weise verbessert. Erreicht wurde dies mit Massnahmen im Bereich der Prävention, etwa dem Rauchverbot im öffentlichen Raum, sowie mit der Entwicklung neuer Arzneimittel wie Lipidsenker, sogenannter Statine. Einen positiven Beitrag leisteten aber auch Antihypertonika und eine bessere Blutdruckkontrolle sowie die Verabschiedung von Leitlinien zur Unterstützung der Ärzteschaft beim möglichst zielführenden Behandeln der Krankheiten.

Wie haben sich diese Massnahmen ausgewirkt?

Die Sterblichkeitsrate sank um etwa 75 Prozent. Das heisst jedoch nicht, dass das Problem gelöst ist. Jedes Jahr sterben weltweit rund 18 Millionen Menschen an Herz-Kreis­-lauf-Erkrankungen. Die Mehrzahl dieser Leiden hängt mit dem sogenannten LDL-Cholesterin zusammen, das gemeinhin als schlechtes Cholesterin bezeichnet wird. Es besteht also noch immer Verbesserungsbedarf bei der Risikokontrolle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich bei der Behandlung von schlechtem Cholesterin?

Asymptomatische Krankheiten wie erhöhte Cholesterinwerte sind schwierig zu behandeln, da sich die Betroffenen häufig schwertun, ihr Arzneimittel regelmässig einzunehmen. Wer zum Beispiel Statine nimmt, fühlt sich nicht besser als jemand, der sie nicht mehr einnimmt. Das Risiko aber steigt exponentiell. Nach einem Herzinfarkt, der zu den einschneidendsten Lebenserfahrungen überhaupt gehört, nehmen fast alle Patienten hochintensive Statine ein, weil diese nachweislich zu besseren Ergebnissen führen. Ein Jahr später hält sich aber nur noch weniger als die Hälfte der Patienten an die Therapie. Viele Menschen nehmen einfach nicht gerne Medikamente.

Ist es für die Patienten inzwischen einfacher, sich an ihre Therapie zu halten?

Die nächste Therapiegeneration ist bereits da: Anstatt jeden Tag Statine zu nehmen, reicht eine Einnahme in der Arztpraxis – also eine Art «Einmal-nehmen-und-vergessen-Ansatz». Damit wird der Patient aus der Verantwortung entlassen, und ich denke, das wird im Laufe der Zeit noch viel grösseren Anklang finden. Es ist wie beim Smartphone: Als alle noch ein Klapphandy hatten, wusste keiner, dass man ein Smartphone braucht. Meines Erachtens hat diese nächste Medikamentengeneration ein unglaubliches Potenzial.

Wie hat sich die Branche im Bereich der Nierenerkrankungen entwickelt?

In den letzten 40 Jahren gab es bei Nierenerkrankungen nur wenig Innovationen. Die letzte grosse Neuerung dürfte die Entwicklung von ACE-Hemmern und ARBs gewesen sein, und das ist lange her. In letzter Zeit aber sind einige wichtige Dinge geschehen.

Können Sie das genauer beschreiben?

Die Grundlagenforschung hat sich weiterentwickelt, sodass wir die Pathophysiologie der Krankheit etwas besser verstehen. Die Entwicklung von Biomarkern hat stärker deutlich gemacht, wie sich Nierenschäden effektiv messen lassen: Anstatt eine Diagnose mit einer Nierenbiopsie zu stellen, werden Marker im Urin gemessen. Hinzu kommt, dass die Regulierer inzwischen aufgeschlossener sind, was die beschleunigte Zulassung dieser Biomarker für bestimmte Indikationen angeht. Diese drei Aspekte haben in den letzten fünf Jahren für viel Innovation bei der Entwicklung von Nierenmedikamenten gesorgt.

Wie sieht die Innovationslandschaft im Bereich der klinischen Studien aus?

Klinische Studien sind von einer komplexen Interaktion zwischen Patienten und Wissenschaftlern gekennzeichnet, die an der klinischen Forschung beteiligt sind. Und sie erstrecken sich über Jahre: Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen dürften von der Entdeckung eines Wirkstoffs bis zu dessen klinischer Erprobung und Verwendung als Arzneimittel sieben bis zehn Jahre vergehen. Die Zeitspanne eines Medikaments vom Labor zum Patienten und zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit lässt sich nicht verkürzen. In dieser Hinsicht müssen wir Aufklärungsarbeit leisten, denn je mehr Wissen die Leute besitzen, desto eher wollen sie an klinischen Studien teilnehmen.

Ist das Bewusstsein für klinische Studien gering?

Dass man überhaupt an klinischen Studien teilnehmen kann, ist kaum bekannt. Denn weniger als 5 Prozent der geeigneten Patienten machen mit. Übrigens sind auch nur 5 Prozent der Ärzte in klinische Studien eingebunden. Die Zahl der Menschen und Wissenschaftler in der klinischen Forschung ist also nicht hoch genug. Die Menschen müssen besser verstehen, was gerade vor sich geht. Und wir müssen klinische Studien demokratisieren, das heisst mehr Zentren erreichen und die Teilnahme für Wissenschaftler und Patienten vereinfachen.

Warum schrecken die Patienten Ihres Erachtens vor der Teilnahme zurück?

Ich denke, dass sich die Öffentlichkeit häufig auf Skandale versteift – also auf das, was in klinischen Studien schiefgeht. Die Erfolge bleiben unter dem Radar und werden in der Regel bloss in der Fachpresse oder in Ärztezeitungen veröffentlicht. Und da die meisten Menschen keine medizinische Fachliteratur lesen, sind die Patienten in gewisser Weise voreingenommen. Wir müssen besser erklären, was wir tun.

Was würde ein gesteigertes Bewusstsein für klinische Studien bewirken?

Wenn mehr Menschen bereitwilliger an Studien teilnähmen und wir diesen Prozess effi­zienter gestalten könnten, kämen neue Arz­neimittel schneller zum Patienten. Dies ist besonders wichtig bei Herz-Kreislauf-Studien. Eine typische Arteriosklerose-Studie mit 10000 bis 15000 Patienten dauert fünf bis sechs Jahre.

Wie liesse sich das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der Teilnahme an klinischen Studien schärfen?

Wenn beispielsweise ein Patient zu seinem Kardiologen geht und ein neues Medikament verfügbar ist, könnten beide über den Entwicklungsprozess dieses Medikaments sprechen. Dann würde sich auch zeigen, ob der Patient bereit wäre, an der nächsten Studie teilzunehmen. Die Menschen vertrauen ihrem Arzt mehr als jeder anderen Person.

Gibt es etwas, was die Rekrutierung für klinische Studien beschleunigen könnte?

Ich denke, der mittel- bis längerfristige Ansatz muss die Demokratisierung der Studien sein. Mit anderen Worten wäre es dann nicht mehr erforderlich, dass die Patienten einen Anbieter in einem Forschungszentrum und einen der bloss 5 von 100 Ärzten aufsuchen, die als Wissenschaftler teilnehmen. Vielmehr sollte es möglich sein, über den eigenen Hausarzt teilzunehmen. Obwohl dieser Ansatz noch nicht vollständig umgesetzt ist, werden inner- und ausserhalb von Novartis erhebliche Anstrengungen zur Demokratisierung der klinischen Forschung unternommen. Nach meiner Einschätzung bietet dies die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit – insbesondere bei grossen

Indikationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit ihren riesigen, mehrjährigen Studien. Liesse sich die Teilnahme an klinischen Studien für die Patienten vereinfachen?

Wir haben kürzlich eine Studie zu Herzinsuffizienz bei Kindern durchgeführt. Es gibt nicht so viele Zentren für pädiatrische Herzinsuffizienz, weswegen die Patienten vier Stunden lang mit dem Auto fahren mussten, um zu einem Forschungszentrum zu gelangen. Wir suchten nach Möglichkeiten für eine Vereinfachung, indem wir beispielsweise selbst bei den Kindern vorbeigingen oder die erforderlichen Tests mit einem lokalen Labor durchführten. Die physische Präsenz bei diesen Studien ist für viele Menschen eine Belastung. Covid hat das mit Telemedizin und der videogestützten Interaktion etwas einfacher gemacht. Wir hoffen, dass wir einige dieser Neuerungen übernehmen können. Digitaltechnologie und Datentechniken können helfen, Patienten zu finden oder sie durch die Studie zu begleiten.

Könnte mehr getan werden, um die Entwicklung von Arzneimitteln zu verbessern?

Wir können noch besser herausfinden, welche Patienten bisher noch nicht von Medikamenten profitieren. Es gibt Patienten, die wir anhand genetischer Risiko-Scores oder anderer Biomarker identifizieren können. Ein neues Medikament hätte für sie potenziell den höheren Nutzen als für die Gesamtbevölkerung. Dies könnte dazu führen, dass Medikamente speziell für diese Patienten entwickelt werden. Wir können zwar allerlei Aspekte berücksichtigen, die unsere Arzneimittelentwicklung verbessern. Aber der grundlegende Prozess dürfte gleich bleiben.

Was kann aus Sicht der Wissenschaftler getan werden, um den Prozess zu verein­fachen?

Unsere klinischen Studien fordern die Wissenschaftler in hohem Masse. Sie müssen Videoschulungen durchlaufen, sich durch Programme klicken, Daten eingeben und vieles mehr. Wir haben denn auch nach Möglichkeiten gesucht, Daten direkt aus elektronischen Patientenakten zu extrahieren.

Welche Innovationen haben bislang zu effizienteren klinischen Studien beigetragen?

Es gab immer wieder wichtige Neuerungen; so sind elektronische Datenerfassungssysteme heute viel besser als noch vor 15 Jahren. Auch das Verfahren für das Verpacken und Versenden von Laborkits konnte optimiert werden. Gleiches gilt für die Randomisierung von Patienten. Vieles wurde durch Web-Technologie oder interaktive Sprachdialogsysteme verbessert.

Werden wir die Herausforderung so meistern?

Um den Anteil der Ärzte, die an Studien teilnehmen, wirklich von 5 auf 10 oder sogar 15 Prozent zu erhöhen, müssen wir mehr tun und bei den Abläufen ansetzen. Ich wette, dass die meisten Ärzte sagen werden: «Ich habe einfach keine Zeit dafür. Ich kann keine halbe Stunde dafür opfern, einem Patienten eine Studie zu erklären – nur damit er Ja oder Nein sagt. Und dann kommt erst noch das ganze Training und die Frage, wo ich das Arzneimittel bekomme. Wie soll das gehen? Ich habe keine Unterstützung.» Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir unsere Prozesse für die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern unter die Lupe nehmen und die Teilnahme einfacher machen. Dies könnte helfen, den Stein ins Rollen zu bringen, und für die Patienten ein Segen sein. Das gilt vor allem im Herz-Kreislauf-Segment, wo für die Erprobung von Wirkstoffen eine grosse Anzahl von Patienten erforderlich ist.