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Florian Bombard lässt ein Nein als Antwort nicht gelten.

«Ein Arzt kann am Gang einer Person viel ablesen», so Ronenn Roubenoff, Global Head of Musculoskeletal Disease Translational Medicine bei den Novartis Institutes for BioMedical Research. «Viele Ärzte und insbesondere Altersmediziner betrachten die Gehgeschwindigkeit als ‹fünften Vitalparameter› der Gesundheit.»  

Der Gang eines Menschen gibt Auskunft über seine Ausdauer, seine Muskelfunktionen, über Schmerzen, über das Gleichgewichtsvermögen und sogar über kognitive Symptome. Gehtests erlauben eine erstaunlich präzise Prognose. Probleme beim Gehen weisen auf ein höheres Risiko für Stürze, Krankenhausaufenthalte, für kognitiven Abbau und tödliche Vorfälle beziehungsweise Erkrankungen hin.  

Im Zeitalter der allgegenwärtigen Fitness-Tracker, GPS-Geräte und Smartwatches bietet die Technologie sehr gute Möglichkeiten, herkömmliche Gehtests zu weitaus informativeren und bequemeren medizinischen Hilfsmitteln zu machen.   

Novartis unterhält innerhalb und ausserhalb Europas Kooperationen mit Wissenschaftlern, um sicherzustellen, dass diese Innovationen reguliert und klinisch geprüft werden, sodass sich damit neuartige mobilitätsorientierte Behandlungsmethoden und gegebenenfalls auch neue Therapieansätze entwickeln lassen.

Bekenntnis zur Mobilität

«Die Weltbevölkerung lebt immer länger, und der Verlust an Mobilität ist bei älteren Menschen einer der Hauptgründe für den Verlust ihrer Unabhängigkeit», so Roubenoff. «Auch chronische Krankheiten und Verletzungen sind Ursachen eines Mobilitätsverlusts, der die Lebensqualität der Betroffenen enorm beeinträchtigt, denn den Menschen ist es sehr wichtig, sich selbstständig bewegen und ihr gewohntes Leben führen zu können.»   

Der Unternehmensbereich Musculoskeletal Disease (MSD) von Novartis konzentriert sich seit Langem auf die Entwicklung pharmazeutischer Lösungen, mit denen die Menschen ihre Beweglichkeit aufrechterhalten können. Die Mobilität spielt auch bei vielen der Krankheiten eine Rolle, für die Novartis Behandlungsmöglichkeiten anbieten möchte. Digitale Mobilitätssensoren liefern dabei Erkenntnisse über die präzise Wirkweise von Therapien hinsichtlich der körperlichen Fähigkeiten eines Patienten. Teams aus verschiedenen Krankheitsbereichen sind deshalb bestrebt, klinisch geprüfte Mobilitätsvorrichtungen in die Forschung und Entwicklung sowie in klinische Studien für neue Therapien zu integrieren.    

«Die Mobilität ist für fast jedes Organsystem im Körper relevant – man denke beispielsweise an die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), an Herzinsuffizienz, Krebserkrankungen und Osteoarthritis. All diese Krankheiten beeinflussen die Mobilität. Die körperliche Aktivität wirkt sich wiederum auf die Symptome dieser Erkrankungen aus», so Roubenoff. «Mithilfe digitaler Technologien können wir die Mobilität jetzt viel detaillierter messen, sodass wir einen grundlegenden Aspekt des Patientenalltags besser berücksichtigen können, der sich wie in der Vergangenheit einfach nicht hinreichend erfassen liess.»

Jeder Schritt zählt
«Im Gegensatz zu den Geräten für den Privatkundenmarkt, die viele Menschen heute besitzen, entwickeln wir digitale Geräte, die nicht nur überwachen, wie viel sich die Patienten bewegen, sondern auch, wie gut sie sich bewegen, also wie schnell sie gehen, ob sie stolpern oder stürzen und was sie in ihrem Alltag tatsächlich unternehmen», erläutert Roubenoff.   

Im Vergleich zu den herkömmlichen Gehtests der ärztlichen Praxis, die normalerweise nur wenige Schritte oder höchstens etwa sechsminütiges Gehen umfassen, bietet die digitale Überwachung umfassendere und objektivere Informationen darüber, wie sich Menschen im Alltag bewegen, ohne dass sie sich dafür in eine Klinik begeben müssen. «Machine Learning und Analyseverfahren machen es möglich, sich sehr grosse Datenmengen zunutze zu machen, mit deren Erschliessung wir gerade erst beginnen», so Roubenoff.

Wirksame Endpunkte

Bevor diese Methoden und Behandlungen in der ärztlichen Praxis eingesetzt werden können, müssen sie zunächst jedoch dieselben regulatorischen Auflagen erfüllen wie jedes andere Medikament und jede andere Therapie. Die Branche muss diese Innovationen standardisieren und regulieren und den Nutzen für Ärzte, Patienten, Gesundheitsbehörden und Krankenkassen nachweisen.  

«Wenn ein Gerät dem Patienten mitteilt, dass er mehr Schritte getan hat oder dass sich sein Gang verbessert hat, wie können wir dann nachweisen, dass der Patient sich dadurch besser fühlt, dass er besser funktioniert oder länger lebt?», fragt Roubenoff. «Die Zulassungsbehörden verlangen von uns den Nachweis, dass diese digitalen Messungen tatsächlich mit medizinisch relevanten Ergebnissen in Zusammenhang stehen, sodass die Entwicklung neuer Endpunkte und die Entwicklung neuer Medikamente Hand in Hand gehen.»  

Diese zentrale Aufgabe hat Wissenschaftler aus der gesamten Pharmaindustrie, aber auch aus medizinischen und akademischen Einrichtungen in ganz Europa zusammengeführt. Gemeinsam mit der britischen Newcastle University hat Novartis das Projekt Mobilise-D angestossen, bei dem Algorithmen für die digitale Messung der Mobilität entwickelt und validiert werden. Anfang dieses Jahres hat das Gemeinsame Unternehmen IMI2 (Initiative Innovative Arzneimittel) der Europäischen Union (IMI2 JU) für das Projekt Mobilise-D Fördermittel in Höhe von 50 Millionen Euro zugesagt. Diese Initiative finanziert öffentlich-private Kooperationen, um unerfüllte medizinische Bedürfnisse zu decken, die beide Seiten auf sich allein gestellt nur sehr schwer bewältigen könnten.

Gemeinsam nach vorn

«Unser vorrangiges Ziel ist es, eine Möglichkeit zur präzisen Messung der zurückgelegten Schritte zu schaffen, die nicht davon abhängt, welches Medizinprodukt der Patient verwendet», so Roubenoff, der bei Mobilise-D gleichzeitig der aus dem Industriesektor stammende Projektleiter ist. «Wenn uns dies gelungen ist, wird es im zweiten Schritt um den Nachweis gehen, dass die betreffenden Mobilitäts-Endpunkte mit den medizinischen Ergebnissen in Zusammenhang stehen.»   

Das Konsortium Mobilise-D besteht aus insgesamt 34 Hochschulen, Kliniken und Unternehmen aus der pharmazeutischen Industrie und der Technologiebranche. In den teilnehmenden Kliniken sind bereits laufende Studien zur Heilung von Hüftfrakturen, zu Erkrankungen wie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, der Parkinson-Krankheit, der multiplen Sklerose und der kongestiven Herzinsuffizienz vorhanden. Das zweite Ziel des Projekts wird mit diesen bereits laufenden Studien kombiniert.

   

«Die Tools, die sich aus diesem mit öffentlichen Mitteln finanzierten Projekt ergeben, werden öffentlich verfügbar sein; Hersteller aus aller Welt werden die Algorithmen nutzen können, um eigene Geräte zu entwickeln und diese einfacher validieren zu lassen», so Roubenoff. «Wir möchten, dass diese Algorithmen zum neuen Standard werden, den die US-amerikanische Food and Drug Administration und die Europäische Arzneimittel-Agentur als valide Endpunkte für klinische Studien anerkennen. Wir hoffen, dass diese neuen Endpunkte für Medikamente gegen alle Krankheiten, bei denen die Mobilität eine Rolle spielt, angewandt werden können.»

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