Ein Gebäude als soziale Landschaft
Die molekulare Schatzkammer
Transparenz und kurze Wege
Ein Meilenstein unter vielen
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Zukunft bauen

Im Juni wurde der Labor- und Bürobau Virchow 16 auf dem Novartis Campus in Basel eröffnet, in dem auch das Compound Management der Novartis Institutes for BioMedical Research mit 1,5 Millionen chemischen Verbindungen untergebracht ist. Diese «molekulare Schatzkammer» dient Forschern weltweit als Basis für die Medikamentenentwicklung. Mit seinem auf Nachhaltigkeit und Natur beruhenden Konzept hat der indische Architekt und Städteplaner Rahul Mehrotra ein eigenständiges Bauwerk geschaffen, das diese Forschungsarbeit unterstützt.

Text von Michael Mildner

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Eingangs- und Seitenfassade von Virchow 16.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich im Oktober 2015 publiziert.
Publiziert am 02/06/2020

Schon von Weitem fällt der natürliche Vorhang aus Hänge- und Kletterpflanzen auf, der sich wie ein grüner Wasserfall bis über den Eingang von Virchow 16 ergiesst. Auch im Innern des Gebäudes spielt die Natur eine wichtige Rolle: Ein Atrium mit mehr als 20 Pflanzenarten öffnet das Gebäude gegen den Himmel, so dass man den Eindruck hat, man befinde sich in einem lichtdurchfluteten Wald. Teile der Wände und Böden sind mit Dielen aus Eukalyptusholz bedeckt und viele der Sitzungszimmer sind mit erdfarbenen Webstoffen bezogen. Rund 220 Mitarbeitende erleben hier die Natur auf eine Weise, die im Campus einzigartig ist.

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Schatzkammer im Keller: die Compound Bank.

Ein Ge­bäu­de als so­zia­le Land­schaft

Dass der indische Architekt Rahul Mehrotra bei seinem Werk so sehr auf Natur und Nachhaltigkeit setzt, hat seinen Grund auch im Briefing, das er für dieses Projekt erhalten hat: Mehrotra sollte ein «Labor der Zukunft» bauen – was ihm einige schlaflose Nächte bereitete, wie er bei der Eröffnung des Gebäudes zugab. Denn die Zukunft könne auch er nicht vorhersehen, meinte der Architekt. Bei seinem Bau vertraute er deshalb auf Werte, die auch in 30 Jahren noch Bestand haben dürften.

«Für uns hat die Idee, die Fassade zu begrünen und Grünpflanzen ins Gebäude zu integrieren, mit der Beständigkeit der Natur zu tun», erklärt Mehrotra. «Alles ist im Wandel begriffen, unsere Technologie ebenso wie unsere Probleme. Die einzigen wirklichen Konstanten im Leben sind die Natur und der Mensch sowie die Beziehung des Menschen zur Natur.»

Für die Nachhaltigkeit im Gebäude sorgen unter anderem lokale und langlebige Materialien, wie etwa die Tessiner Granitplatten im Foyer, oder die innovative Erdspeicher-Anlage, die im Sommer für angenehme Kühlung und im Winter für Wärme sorgt. Aber Mehrotra erwähnt auch einen anderen Aspekt seines Architekturkonzeptes, ohne den er seinen Auftrag nicht hätte erfüllen können: «Um künftige Innovationen zu fördern, ist die soziologische Dimension entscheidend: wie Menschen miteinander interagieren, wie sie Kontakte knüpfen und aufrechterhalten.»

Aus diesem Grund hat der indische Architekt und Städtebauer ein Gebäude entworfen, das viele verschiedene Räumlichkeiten für unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit bietet – eine Art soziale Landschaft. Das Resultat ist ein verschachteltes Gebäude mit vier Labor- und fünf Bürostockwerken, dessen Gebäudeteile über das begrünte, mit natürlichem Oberlicht erhellte Atrium und zahlreiche Aufenthaltsräume miteinander verbunden sind.

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Substanzmuster für die NIBR-Forschung.

Die mo­le­ku­la­re Schatz­kam­mer

Diese neue Arbeitsumgebung kommt bei den Forschungsteams gut an, wie Sylvain Cottens, globaler Leiter des Centers for Proteomic Chemistry (CPC), bestätigt. Er war von Anfang an bei der Planung von Virchow 16 beteiligt: «Meine Aufgabe war es, die Perspektive und die Bedürfnisse der künftigen Nutzer einzubringen. Das bisherige Feedback zeigt uns, dass dieses Ziel weitgehend erreicht wurde.»

Dennoch bleibt im neu erstellten Gebäude einiges zu verbessern. So muss etwa der Lärmpegel in den offenen Gemeinschaftsräumen noch durch Schallschutzmassnahmen reduziert werden.

Für Cottens ist klar, dass Architektur auf dem Campus niemals Selbstzweck ist, so faszinierend sie auch sein mag. Was gebaut wird, muss die Angestellten in ihrer Arbeit unterstützen, und das ist hier sicher der Fall. «Die Hauptaufgabe der Mitarbeitenden in diesem Gebäude besteht darin, eine Verbindung zwischen den Erkenntnissen, die wir über eine Krankheit haben, und den Molekülen in unserer Substanzbibliothek zu schaffen. Sobald wir diese Verbindungslinie gefunden haben, können die Moleküle von Chemikern weiterentwickelt werden, bis hin zu einem neuen Medikament.»

Bevor aber ein neuer Wirkstoff zur Behandlung von Krankheiten entwickelt werden kann, müssen die NIBR-Forscher jeweils Tausende von Molekülen testen – manchmal sogar die gesamte Reihe von 1,5 Millionen Substanzen, die in Pulverform oder als Lösung im Untergeschoss von Virchow 16 lagern. Cottens beschreibt es so: «Entscheidend für die Auswahl der Versuchskonzepte ist, dass sich die Mechanismen der Krankheit so gut wie möglich in den Testplatten wiederspiegeln. Wenn komplizierte Prüfungen erforderlich sind, werden einige Tausend Verbindungen in zwei bis drei Monaten getestet. Für einfachere Fälle kann die gesamte Substanzbibliothek in zwei Wochen ‹gescreent› werden».

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Roboter stellen die Testplatten bereit.

Trans­pa­renz und kur­ze Wege

Durch Fenster in der weitläufigen Eingangshalle sieht man, wie die Mitarbeitenden chemische Verbindungen aus der Substanzbibliothek an Wissenschaftler in der ganzen Welt verschicken oder für Testreihen im eigenen Gebäude aufbereiten.

Diese Transparenz, die den eigentlichen Charakter des Gebäudes ausmacht, ist ein zentraler Aspekt des Architekturkonzepts. «Wir haben nichts zu verstecken», sagt Sylvain Cottens dazu, «im Gegenteil, wir sind stolz auf die Arbeit, die hier im Gebäude geleistet wird. Das dürfen auch die Besucher gerne sehen.»

Welche Vorteile das Gebäudekonzept von Rahul Mehrotra für die Zusammenarbeit hat, lässt sich am besten anhand eines konkreten Beispiels beschreiben: Eines der Forscherteams hat sich das Ziel gesetzt, die zelleigenen Mechanismen zum Abbau von krebsauslösenden Proteinen zu nutzen. Dieser Ansatz hätte das Potenzial, einen grundsätzlich neuen Zugang zur Krebstherapie zu eröffnen, denn bisherige Ansätze zielten nur darauf ab, diese krebsauslösenden Proteine in ihrer Funktion zu hemmen.

Die Forschergruppe besteht aus Vertretern verschiedener Bereiche, die in unterschiedlichen Gebäuden arbeiten: Novartis Onkologie (Klybeck-Areal), Friedrich Miescher Institute (Rosental), Global Discovery Chemistry (GDC, Virchow 16) und das Center for Proteomic Chemistry (CPC, Virchow 16). Anstelle einer räumlichen Trennung nach Funktionen, wie sie am vorherigen Standort auf zehn verschiedenen Stockwerken praktiziert wurde, sitzen die Teammitglieder von CPC und GDC nun an benachbarten Schreibtischen. So können Experten für biologische Tests, Strukturbiologie und Medizinalchemie Fragen oder neue Ergebnisse direkt miteinander diskutieren, ohne dass sie auf die nächste Projektsitzung warten müssten.

Das gleiche Prinzip gilt für Labormitarbeitende, die in den Grossraumlabors von Virchow 16 an diesem Forschungsprojekt beteiligt sind. Sie können Erkenntnisse, die sie beispielsweise bei der Reinigung, bei der Kristallisation oder beim Testen von Proteinen gewonnen haben, schnell und einfach miteinander besprechen. Auch in den zahlreichen Aufenthaltszonen, wo die Mitarbeitenden spontan aufeinander treffen, werden Ideen häufiger als früher ausgetauscht.

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Sylvain Cottens (Mitte) bei der Teambesprechung.

Ein Mei­len­stein un­ter vie­len

Die Eröffnung von Virchow 16 im Juni 2015 ist allerdings nur einer von vielen Meilensteinen auf dem Weg zu einem weltweiten Netzwerk von neuen Laborgebäuden, das sich NIBR als Ziel gesetzt hat.

All diese Gebäude – gleichgültig ob sie in der Schweiz, in China oder in den USA stehen – sind nach dem Konzept des offenen, innovativen Labordesigns (ILD) erstellt und mit den neuesten Technologien ausgerüstet, damit die multidisziplinären Wissenschaftlerteams hier das ideale Umfeld für ihre Arbeit finden.

Auch Sylvain Cottens und seine Mitarbeitenden blicken zuversichtlich in die Zukunft; für sie stimmt das Umfeld, das Rahul Mehrotra mit seinem individuellen Gebäudekonzept geschaffen hat. Selbst der Name des neuen Gebäudes scheint einen inspirierenden Einfluss auf ihre Arbeit zu haben, wie Cottens erwähnt: «Wir haben kürzlich einen Wirkstoffkandidaten entdeckt, der für die Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie bestimmt ist und sich momentan in der klinischen Entwicklung befindet. Diese Krankheit wurde vor 170 Jahren erstmals vom deutschen Arzt und Wissenschaftler Rudolph Virchow beschrieben, nach dem auch unser Gebäude benannt ist.»

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