Als wir vom Universitätsspital Basel vor rund sieben Jahren von Novartis kontaktiert wurden, ob wir Interesse hätten, im Bereich der Augenheilkunde zusammen mit der Universität Basel ein neues Forschungs- und Entwicklungsinstitut zu gründen, konnte meine Antwort nur ein Ja sein. Denn erfolgreiche Forschung – heute mehr denn je – wird von der Interaktion unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche vorangetrieben. In der Medizin ist diese Zusammenarbeit zentral. Dies ist nicht nur der rasanten technologischen Entwicklung geschuldet, die einen intensiveren interdisziplinären Dialog erfordert, sondern auch dem Umstand, dass sich medizinische Praxis und Forschung oft in Silos bewegen. Auf der einen Seite stehen Spitäler, Kliniken und Arztpraxen, die sich hauptsächlich den Patientenbedürfnissen widmen, auf der anderen Seite finden sich hochtechnisierte Labors, in denen Wissenschaftler versuchen, biologische Prozesse auf molekularer Stufe zu verstehen. Ein institutionelles Scharnier, das beide Welten mit ihren unterschiedlichen Fokuslängen miteinander verbindet, fehlt in der Regel. Diese Lücke zu füllen, war eines der tragenden Elemente des IOB: nicht nur reine Forschung zu betreiben, sondern die Arbeit im Labor in Zusammenarbeit mit erfahrenen Klinikern zu entwickeln und eng an die medizinischen Bedürfnisse der Patienten zu binden. Am IOB sollte an praxisnahen Lösungen zur Entwicklung neuer Therapien gearbeitet werden.
Diese Vision ist nicht nur inspirierend, sondern erlaubt auch, darüber nachzudenken, wie medizinische Forschung in Zukunft vorangetrieben werden kann. In einer Stadt wie Basel, die mit Roche und Novartis wie nur wenige Forschungsstandorte weltweit über zwei international führende Pharmaunternehmen verfügt, lässt sich dies vielleicht sogar besser tun als anderswo. Dieser Gedanke ist weder überheblich noch anbiedernd, sondern er soll ausdrücken, was durch diese besondere Situation entstehen kann, wenn das Beste aus Akademie, Industrie und Klinik in einer Stadt zusammengeführt wird, in der heute bereits mehr als 700 Firmen aus dem Life-Science-Bereich angesiedelt sind. Das Wissen, das in diesen Firmen, Forschungsinstituten und in der medizinischen Praxis erarbeitet wird, gilt es durch kreative Zusammenarbeit zu potenzieren. Kreative Zusammenarbeit und der Mut, neue Wege zu gehen, waren immer die besten Voraussetzungen dafür, Forschung voranzutreiben und bahnbrechende Erkenntnisse zu gewinnen. Dies war schon beim vom Roche geförderten Basler Institut für Immunologie der Fall, das vom Zeitpunkt seiner Gründung im Jahr 1969 bis zur Schliessung um die Jahrtausendwende drei Nobelpreisträger hervorbrachte: Georges J. F. Koehler, Niels K. Jeren sowie Susumu Tonegawa. Der besondere Geist, der am Institut herrschte, brachte eine Generation Forscherinnen und Forscher hervor, die Basel jahrzehntelang prägten, darunter auch Marcel Tanner, den ehemaligen Leiter des Swiss Tropical and Public Health Institute (Swiss TPH). Tanners Erfahrung am Institut, an dem man, wie er erzählte, «seinen Gedanken wirklich freien Lauf lassen und auf einer sehr grundlegenden Ebene forschen konnte», inspirierten nicht nur seine Arbeit im Labor und im Feld, sondern boten ihm auch eine Stütze, als es darum ging, eine robuste Führungs- und Arbeitskultur im rasch wachsenden Swiss TPH zu etablieren. Ähnlich geht es auch am Friedrich-Miescher-Institut (FMI) zu, das von der damaligen Ciba-Geigy und der Universität Basel 1970 gegründet wurde, um die Grundlagenforschung voranzutreiben und eine Brücke zwischen Industrie und Akademie zu bauen. Diese wurde heuer weiter verstärkt: Das FMI ist nun auf dem Novartis Campus zu Hause und gibt ihm die Möglichkeit, einen neuen Rahmen zu schaffen, in dem sich universitäre und industrielle Forschung gegenseitig stützen können.
Das IOB, das seine Forschung im Klybeck betreibt, und die Augenklink im St.-Johann-Quartier sind zwar geographisch getrennt. Doch das Institut strebt eine enge Verzahnung an, wenn es darum geht, Kliniker und Forschende zusammenzubringen und einen intensiven Austausch zu fördern. Neben regelmässigen Treffen zwischen Wissenschaftlern und Klinikern ist das Institut auch daraufhin ausgelegt, die translationale Medizin zu fördern. Diese entwickelt aus den Grundlagenerkenntnissen robuste Prozesse, die in die medizinische und pharmazeutische Praxis überführt werden können. Nur rund sieben Jahre nach der Gründung konnte das IOB bereits einen ersten Spin-off durchführen, im Rahmen dessen eine am Institut erarbeitete Gentherapie zur Behandlung eines erblichen Augenleidens nun durch das Start-up-Unternehmen RhyGaze AG weitergeführt wird. Das IOB hat dabei nicht nur eine überzeugende Proof-of-Concept-Studie entwickelt, sondern den technologischen und biologischen Prozess dieser Gentherapie so weit vorangetrieben, dass RhyGaze schon bald mit den ersten klinischen Versuchen beginnen und Patienten die Hoffnung auf eine neue Therapie geben kann. Ähnliche Transaktionen dürften in Zukunft folgen, denn die Forscherinnen und Forscher am IOB haben ein grosses Ziel vor Augen: Sie wollen dem Feld der Ophthalmologie, das in den vergangenen Jahrzehnten im Vergleich zur Onkologie und Kardiologie zurückgefallen ist, neue Impulse verleihen. Die Entwicklung neuer Therapieansätze im Bereich der Bio- und Gentechnologie soll es ermöglichen, Krankheiten zu behandeln und vielleicht sogar zu heilen, für die es bislang keine oder nur unzureichende Therapiemöglichkeiten gibt. Die jungen Forscherinnen und Forscher, die aus aller Welt nach Basel gekommen sind, werden – davon bin ich überzeugt – nicht nur die Augenheilkunde mit ihrer Arbeit revolutionieren. Sie werden vor allem auch den Forschungsstandort Basel stärken und ein Argument für engere Zusammenarbeit zwischen Akademie, Industrie und medizinischer Praxis liefern. Jeder Erfolg, den sie erzielen, wird nicht nur den Patienten zugutekommen, sondern auch dafür sorgen, dass neue Formen der Kollaboration entstehen, die die Medizin voranbringen und den Patienten helfen. Dies ist eine Chance für Basel und die Schweiz, die es zu nutzen gilt.
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Blick in die Zukunft Basel ist unübertroffen. Eine Chance, die es zu nutzen gilt Essay von Werner Kübler, Spitaldirektor und Vorsitzender der Spitalleitung des Universitätsspitals Basel sowie ehemaliges Mitglied des Board of Trustees des IOB. Fotos Laurids Jensen. Die Gründung des Instituts für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel (IOB) im Jahr 2017 war ein Glücksfall für den regionalen und nationalen Forschungsstandort. Das partnerschaftliche Modell des Instituts könnte sich auch in anderen Bereichen der Medizin als erfolgsversprechend erweisen.
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