Während seiner Ausbildung zum Augenoptiker lernte Nils Schaerer, Retinitis pigmentosa, eine erbliche Augenerkrankung, die häufig zur Erblindung führt, sei nicht behandelbar. Später, während seines Optometriestudiums an der Fachhochschule, wurde die Krankheit ausführlicher und in ihren verschiedenen Varianten diskutiert, aber das Fazit blieb dasselbe: keine Behandlungsmöglichkeit. Erst im Rahmen seiner Anstellung am IOB und seiner Tätigkeit als Studienkoordinator an der Augenklinik Basel erfuhr er, dass es bereits erste Gentherapien gab, die Behandlungsoptionen für eine der Krankheitsvarianten boten – und dass die Forschung mit Hochdruck an weiteren innovativen Ansätzen arbeitete. Diese Perspektive und die tägliche Zusammenarbeit mit Patienten und Ärzten in der Augenklinik faszinieren und motivieren ihn auch heute noch – mehr als fünf Jahre nach seiner Entscheidung, den Beruf als Optometrist aufzugeben und als Studienkoordinator tagtäglich an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis zu arbeiten. Breites Projektportfolio IOB-Mitarbeitende, Studienkoordinatoren und Augenärzte der Augenklinik treffen sich regelmässig, um vielversprechende Forschungsansätze so schnell wie möglich in die klinische Praxis und zum Wohl der Patienten umzusetzen. Für Nicolas Feltgen, seit April 2024 Chefarzt a. i. der Augenklinik Basel, ist dieser Austausch ein wertvolles Element der Zusammenarbeit. «Das IOB präsentiert seine Forschungsprojekte, beispielsweise im Bereich der gesellschaftlich relevanten Netzhauterkrankungen, und wir berichten über Themen aus dem klinischen Bereich. Die wichtigsten aktuellen Themen sind die Myopieforschung und neue Möglichkeiten zur Vermeidung von Narbenbildung nach Augenoperationen. Diese intensiven Gespräche ermöglichen beiden Seiten, neue Erkenntnisse zu gewinnen und weitere Fortschritte zu erzielen. Vor allem aber bietet dies den Patienten die einmalige Chance, von den neuesten und innovativsten Behandlungsmöglichkeiten zu profitieren.»
Nicolas Feltgen im Hörsaal der Augenklinik in Basel.
Feltgen und sein 24-köpfiges Ärzteteam haben verschiedene klinische Gruppen mit jeweils vier bis zwölf Teilnehmenden gebildet, die sie den Forschungsschwerpunkten des IOB zuordnen. Neben epidemiologischen Projekten oder weit verbreiteten Krankheiten wie der Kurzsichtigkeit liegt der Fokus der Zusammenarbeit nicht zuletzt auf Netzhautdystrophien, also Fehlbildungen von gesundem Gewebe, die unter anderem durch Gendefekte verursacht werden. «Die enge Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschern und dem medizinischen Team ist in diesem ganz speziellen, noch wenig erforschten Bereich besonders wichtig. Hier leistet die Forschungsgruppe Ophthalmic Genetics des IOB Pionierarbeit», erläutert Nicolas Feltgen. Der Austausch zwischen dem IOB und der Augenklinik findet in unterschiedlichen Abständen und zu verschiedenen Anlässen statt. So trifft sich die Planungsgruppe alle zwei Wochen, das Dystrophie-Arbeitsteam alle vier Wochen. Ausserdem finden jährlich mindestens vier medizinisch-wissenschaftliche Fortbildungsveranstaltungen im Hörsaal der Augenklinik statt. Zusätzlich gibt es einmal im Jahr ein mehrtägiges Retreat. Ansätze für die Genforschung Diese regelmässigen Treffen und der Datenaustausch zwischen den Ärzten der Augenklinik und den Forschern auf dem Gebiet der Ophthalmogenetik des IOB haben bereits dazu beigetragen, den Bereich und die Patientenversorgung voranzubringen. «Es ist so wichtig, dass Ärzte und Wissenschaftler zusammenarbeiten, denn jede neue Behandlung braucht beide Welten», unterstreicht Lucas Janeschitz-Kriegl, einer der wenigen klinischen Wissenschaftler am IOB. Zur Hälfte seiner Zeit ist er als Augenarzt in der Augenklinik und zur anderen Hälfte als Doktorand in der Gruppe von Bence György tätig. «Wir müssen die molekularen Details eines neuen pharmazeutischen Ansatzes verstehen und wissen, wie gut dieser den Patientenbedürfnissen in der klinischen Praxis gerecht wird. Der Erfolg vieler Behandlungen hängt von der engen Zusammenarbeit zwischen diesen Disziplinen ab.»
Meeting IOB und Augenklink
Es gibt über 80 verschiedene bekannte genetische Variationen von Retinitis pigmentosa. Einer der wertvollsten Vorteile dieser Kooperationen ist die hohe Wahrscheinlichkeit, genau bestimmen zu können, welche Variante der Patient oder die Patientin hat. Das IOB bietet eine Vielzahl von genetischen Analysen mit neuesten Testmethoden, darunter am IOB entwickelte Instrumente, sowie modernste Methoden dank Kooperationen mit externen Unternehmen. Als letzter Schritt jeder Diagnose werden alle Befunde durch ein klinisch zertifiziertes externes Labor bestätigt. Anhand dieser Informationen kann das Forschungsteam zudem Vorhersagen über die wahrscheinlichen molekularen Folgen jeder genetischen Variante treffen. «Unsere hohe Erfolgsquote wird durch diese innovativen Methoden in Verbindung mit dem engen Austausch mit den Ärzten ermöglicht», erläutert Janeschitz-Kriegl. «Wir können beispielsweise genetische Befunde mit klinischen Symptomen vergleichen, bis wir uns in Sachen genetischer Diagnose sicher sind, was zu neuen Erkenntnissen sowie zu einer höheren Genauigkeit und Qualität für unsere Patienten führen kann im Vergleich zu dem, was in normalen Labors verfügbar ist.» Einer der grössten Vorteile für das IOB ist die Menge an streng codierten Patientendaten, die die Ärzte mit den Genforschungsteams teilen können, um ihnen zu treffsichereren Vorhersagen zu verhelfen und Hypothesen über die Rolle spezifischer Gene und Genvarianten zu bestätigen. Die Ärzte haben auch die detailliertesten Erkenntnisse darüber, wie die Krankheit bei den Patientinnen und Patienten zum Ausdruck kommt und welche Behandlungen am vorteilhaftesten sein könnten.
In den meisten Instituten findet dieser Austausch, wenn überhaupt, selten in Echtzeit statt. Am IOB bieten die monatlichen Treffen hingegen ein Forum für einen regen Austausch von neuen Behandlungsideen, Patientenergebnissen und Behandlungsbedürfnissen der Patienten. «Diese persönlichen Gespräche sind sehr fruchtbar und erleichtern den Austausch von Fragen und Ergebnissen zwischen Forschern und Ärzten sehr», schliesst Janeschitz-Kriegl. «Es ist eine Win-win-Situation für Ärzte, Forscher und Patienten.» Zwischen zwei Tätigkeiten Im Zentrum aller gemeinsamen Projekte stehen klinische Studien, die in der Basler Augenklinik, aber auch in anderen Kliniken weltweit durchgeführt werden, wobei das IOB als Sponsor/Initiator fungiert. Aus regulatorischen Gründen hat das IOB keinen Zugang zu personalisierten Patientendaten. Die Studienergebnisse müssen von Mitarbeitenden des Universitätsspitals Basel, zu dem die Augenklinik gehört, gesammelt, verarbeitet und verschlüsselt an das IOB weitergeleitet werden. Möglich macht dies ein Team aus vier Studienkoordinatoren und einem Prüfarzt, die Doppelfunktionen wahrnehmen: «Wir sind beim IOB angestellt, das auch unsere Gehälter zahlt. Da wir unsere Büros in der Augenklinik haben und die Patientenkontakte hier stattfinden, arbeiten wir auch am Universitätsspital Basel mit, jedoch ohne Gehaltszahlung – und haben die gleichen Aufgaben wie alle Mitarbeitenden dort», erläutert Nils Schaerer. Dieses besondere Arrangement beschreibt er gerne wie folgt: «Es ist wie im Fussball. Wir sind bei einem Verein angestellt, werden aber für bestimmte Aufgaben und mit einer anderen Rolle an einen anderen Verein ausgeliehen. Es besteht immer Erklärungsbedarf, damit die Sache mit den zwei verschiedenen Tätigkeiten richtig verstanden wird.» Nils Schaerer und seine vier Kollegen übernehmen Aufgaben und Patientenkontakte im Rahmen der Studien, die den Mitarbeitenden des IOB nicht gestattet sind. Wenn sie ihr Büro verlassen, um in die Klinik zu gehen, ziehen sie den weissen Kittel an oder setzen sich – bildhaft gesprochen – den Augenklinik-Hut auf und legen ihre IOB-Identität ab.
Nicolas Feltgen auf dem Weg zu Patienten.
Linderung des Patientenleidens Patienten, die an Krankheiten wie Retinitis pigmentosa leiden, kommen seit mehreren Jahren alle sechs Monate zur regelmässigen Untersuchung in die Augenklinik Basel. Bei diesen Routineuntersuchungen wird ihr Gesichtsfeld getestet und es werden Bilder der Netzhaut gemacht. Die Ergebnisse werden dann analysiert und besprochen. Das Team der Studienkoordinatoren ist das Bindeglied zwischen Klinik und Forschungsinstitut. «Als Klinikpersonal empfangen wir die Patienten und informieren sie gemeinsam mit einem Arzt über die Studien. Zudem führen wir Sehtests durch, sammeln die genetischen Proben der Patienten und nehmen die Studienfragebögen von den Ärzten entgegen, die diese bei den Untersuchungen der Patienten von Hand ausfüllen», erläutert Nils Schaerer. Zurück im Büro übernehmen die Studienkoordinatoren je nach Projekt wieder ihre IOB-Rolle: Sie bereiten Studienanträge für die Ethikkommission vor, anonymisieren und transferieren Daten und Bilder zur Speicherung in einer Datenbank, optimieren Prozesse und beantworten Fragen von Gruppenleitern und Doktoranden oder unterstützen die Rekrutierung für neue Studien.
In ihrer Doppelfunktion als Teil des IOB und der Augenklinik spielen die Studienkoordinatoren eine wichtige Rolle und beteiligen sich aktiv an gemeinsamen Treffen der beiden Abteilungen. Bei diesen Treffen bringen sie ihr Fachwissen ein, sofern dies nötig ist. «Die wissenschaftlichen und klinischen Diskussionen überlassen wir den Spezialisten des IOB und der Augenklinik. Aber wir beteiligen uns gerne an der Diskussion, wenn es um die Studienplanung, regulatorische Aspekte oder Details des Humanforschungsgesetzes und der guten klinischen Praxis geht», legt Nils Schaerer dar.
mask bottom
mask right
mask left
Blick in die Zukunft Sorgfältige Zusammenarbeit. Forschung und Praxis auf Augenhöhe Text Michael Mildner. Fotos Laurids Jensen und Kostas Maros. Die Grundlagenforscher am Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel (IOB) und die Ärzte der Augenklinik des Universitätsspitals Basel verbindet nicht nur die geringe Entfernung zwischen den Standorten, sondern auch ihr gemeinsamer translationaler Ansatz. Er erlaubt, Forschungsergebnisse für die Entwicklung neuer, innovativer Therapien so schnell wie möglich in die klinische Praxis zu übertragen. Die intensive Zusammenarbeit der beiden Partner bietet denn auch einzigartige Perspektiven für Patienten und Wissenschaft.
Das alte Gebäude erfüllt noch immer seinen Zweck und gehört zu den stillen architektonischen Schätzen der Stadt.
Vielen Dank für das Lesen des Live Magazins
Bleiben Sie auf dem Laufenden, indem Sie unseren Newsletter abonnieren.
AbonnierenMit dem Absenden Ihrer E-Mail erklären Sie sich damit einverstanden, dass die Novartis AG Ihre E-Mail-Daten für den internen Gebrauch von Novartis, in Übereinstimmung mit unserer Datenschutzrichtlinie und mit geschützten technischen Mitteln erfasst und verarbeitet.
