Wer sich im alten Babylon als Augenarzt ausgab, konnte ein Vermögen verdienen, wie die mehr als 3600 Jahre alten Gesetzestafeln des Hammurabi berichten. Eine erfolgreiche Behandlung wurde mit 10 Schekeln belohnt. Ein Schekel hatte damals die Kaufkraft von 50 Kilogramm Mehl, 360 Fischen oder 2 Litern Dattelsirup. Allerdings waren die Konsequenzen bei einem Misserfolg durch ärztliche Kunstfehler drastisch: Dem Arzt wurden beide Hände abgehackt. Der Ruf einer etwas zwielichtigen Tätigkeit blieb der Augenheilkunde auch im Lauf der folgenden Jahrhunderte erhalten, da die Komplexität des menschlichen Auges und die mangelhaften Instrumente zu dessen Erforschung den wissenschaftlichen Fortschritt über lange Zeit behinderten. So waren die Anatomie und die Funktionsweise des Auges bis zum 18. Jahrhundert unklar, und erst das Mikroskop ermöglichte es, Details zu erkennen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse für Therapien zu nutzen. Zwar beschäftigten sich etwa die altindische Medizin und viele griechische Gelehrte wie Hippokrates mit der Anatomie und der Behandlung der Augen, doch ihre Erkenntnisse beruhten im Wesentlichen auf Untersuchungen an Tieraugen und waren kaum auf Menschen übertragbar. Der Star und seine Stecher Dieser unbefriedigende Wissensstand hinderte jedoch die praktizierenden Ärzte nicht daran, eines der am weitesten verbreiteten Augenleiden operativ zu behandeln, den grauen Star. Bereits um 140 n. Chr. wird von einem solchen chirurgischen Eingriff durch einen griechischen Arzt berichtet. Im Mittelalter entstanden dann umfangreiche theoretische Werke, die Beobachtungen und Erkenntnisse wie etwa die Pupillenreaktion bei Lichteinfall oder die Lichtaufnahme durch die Netzhaut beschrieben. Die praktischen Aufgaben wurden damals von spezialisierten Handwerkschirurgen ausgeübt, die auch als Starstecher und Okulisten bezeichnet wurden. So führte der im Mittelalter berühmte Dr. Eisenbarth die Operation des grauen Stars mit einem speziellen Messer durch, mit dem er die trübe Linse des Auges ins Augeninnere drückte. Die damalige Situation beschreibt der deutsche Okulist Georg Bartisch 1583 in seinem Buch Ophthalmodouleia: «Die Augen soll man hoch schätzen und sich den Star nicht auf dem Markt stechen lassen. Der Okulist soll fromm sein, Anatomie studiert haben, subtile Hände und Finger und auf beiden Händen hurtig sein, nicht geldgierig, nicht Trunkenbold, nicht ruhmredig; solcher Okulisten sind wenige zu finden.» Friedrich Rintelen, ehemaliger Leiter des Basler Augenspitals, gibt uns in seiner Abhandlung Die Ophthalmologie in Basel zur Zeit des Barocks Einblick in die Zustände im damaligen Basel. Auch hier waren die Starstecher bis ins 18. Jahrhundert am Werk, und die erfolgreichsten unter ihnen genossen ein hohes Ansehen. Für die medikamentöse Behandlung des grauen Stars empfiehlt der Stadtarzt von Basel, Bernhard Verzascha, gegen Ende des 17. Jahrhunderts folgendes Augenwasser: «Augentrostgeist, frische Baldrianwurzel, frische Schellkrautwurzel, frisch Eisenkraut und Rosmarin, Muskatnuss und Zimmet, frisch Rauten, Fenchel und Anis, frisch Augentrost; mische alles zusammen, vermache es, lass über Nacht stehen, destilliere es auf dem balneo Mariae und behalte es in einem wohlverwahrten Glas. Dieses Wasser kann man sowohl in- und auswendig gebrauchen.» Rintelen beschliesst seine Abhandlung mit der Schlussfolgerung, dass die Augenheilkunde im Basel des 17. und im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts ein sehr eigenartiges, aber für die barocke Kulturperiode typisches Gemisch war: «Ausgesprochen gute Leistung auf anatomischem und physiologischem Gebiet und wohl auch medizinisch-klinischem Erkennen, das die Herren der Fakultät lehrten und von ihren Dissertanten zum Ausdruck bringen liessen; wir dürfen annehmen, dass einige tüchtige Wundärzte und Starstecher am Werke waren. Und daneben blüht eine bedenklich primitive, pfuscherische therapeutische Praxis, würdig einer bissigen molièrschen Komödie.» Das Basler Augenspital Als sich der Gründer des Basler Augenspitals, der Ostschweizer Arzt Dr. Heinrich Schiess-Gemuseus, 1861 in Basel niederliess, hatte sich der Wissensstand im Bereich der Augenheilkunde bereits wesentlich weiterentwickelt. Schiess seinerseits verfügte über ein umfangreiches ophthalmologisches Wissen, das er bei seinen Studien in Basel, Würzburg, München und Wien erlangt hatte. Er spezialisierte sich auf den Bereich Augenhistopathologie und veröffentlichte im Lauf seines Lebens rund 60 Studien über klinische und histopathologische Themen. Schiess war übrigens auch der Augenarzt von Friedrich Nietzsche und Dozent für Augenheilkunde in Basel. An der Basler Hochschule hatte der Medizinalprofessor C.G. Jung schon 1823 erste Vorlesungen über Augenerkrankungen gehalten, und Jung war es auch, der den Praktiker Schiess nach seiner Ankunft in Basel darin bestärkte, eine Klinik ausschliesslich für Augenkrankheiten in Basel zu eröffnen. Die Unterstützung für dieses Projekt war beim städtischen Spital und Kuratel allerdings so gering, dass es Schiess nur mithilfe der Bevölkerung gelang, genügend Geld und Boden für sein Vorhaben zu erwerben. 1864 gründete Schiess in einem kleinen Haus an der Missionsstrasse 45 die «Heilanstalt für arme Augenkranke in Basel» mit acht Betten. Die pflegerische Betreuung der Patienten übernahmen Schwestern des Berner Diakonissenhauses.
Die erste «Heilanstalt für arme Augenkranke in Basel» wurde 1864 an der Missionsstrasse 45 mit acht Betten eröffnet.
Der Bedarf an einer kompetenten Behandlung von Augenerkrankungen und die Möglichkeit eines stationären Aufenthalts waren nicht nur in der Stadt Basel, sondern auch in der Umgebung so gross, dass sich das Augenspital rasch weiterentwickelte. 1877 wurde der Hauptbau des heutigen Augenspitals an der Mittleren Strasse bezogen; die Klinik verfügte damals bereits über 48 Betten, einen fest angestellten Assistenten, eine Oberschwester und eine Verwalterin. 1900 wurde im Gartenareal die erste Poliklinik erstellt, und mit der Erfindung der Spaltlampe, die der schwedische Mediziner Allvar Gullstrand 1911 entwickelte, stand den Ärzten des Spitals nun auch ein modernes Untersuchungsgerät zur Verfügung. Die Spaltlampe kann präventiv bei einer Routineuntersuchung, aber auch zur Diagnosefindung bei bestehenden Beschwerden verwendet werden. Als Nachfolger von Heinrich Schiess übernahmen Carl Mellinger, Alfred Vogt und Anton Brückner zwischen 1896 und 1948 den Posten des Chefarztes im Augenspital. Während fast 30 Jahren, von 1948 bis 1974, leitete dann Friedrich Rintelen das Spital. In seiner Amtszeit entstanden von 1950 bis 1953 die heutige Augenklinik und das noch immer genutzte Bettenhaus. Gleichzeitig mit dem 500. Jubiläum der Universität Basel 1960 wurde auch der Neubau der Poliklinik fertiggestellt, in dem zurzeit mehr als 80000 Konsultationen jährlich stattfinden. Die Poliklinik ist das Zentrum für die ambulante augenärztliche Grundversorgung und für die Ausbildung der Ärzteschaft.
In Rintelens Amtszeit, insbesondere in die 1950er- und 1960er-Jahre, fällt auch die weitreichende Spezialisierung der Augenheilkunde, die schliesslich dazu führte, dass die vielfältigen Themenbereiche nicht mehr durch einen einzigen Chefarzt übernommen werden konnten. 1965 wurden deshalb zusätzlich neue Leiter für die Bereiche Poliklinik, Elektrodiagnostik und Sehschule angestellt. Integration und Innovation In den 1960er-Jahren entstand das erste Forschungslabor der Augenklinik, das von einem neu angestellten Grundlagenwissenschaftler geleitet wurde. Zu Beginn lag der Schwerpunkt auf der Erforschung von Problemen der Hornhaut-Physiologie; in den 1980er-Jahren wurde dieser Bereich aufgegeben und der Fokus lag nun auf der Glaskörper-Netzhautchirurgie. Unter Chefarzt Balder Gloor, der die Augenklinik von 1974 bis 1985 leitete, erlangte die Ophthalmochirurgie einen hohen Stellenwert, und mit dem 1980 in Betrieb genommenen neuen Operationstrakt stieg auch die Zahl der Operationen stark an.
In den 1950er-Jahren wurde das Bettenhaus umgebaut (Blick vom Garten aus).
Mit der Übernahme der Klinikleitung durch Josef Flammer, der von 1987 bis 2013 als Chefarzt tätig war, änderte sich die Forschungsarbeit erneut, diesmal in Richtung Physiologie und Pharmakologie des Auges mit Schwerpunkt Glaukom. Flammer führte mehrere Teams für die Grundlagenforschung, aber auch für die klinische Forschung ein und intensivierte den wissenschaftlichen Austausch. Dazu wurden die Kontakte mit nahegelegenen Instituten wie dem Biozentrum, aber auch mit internationalen Partnern ausgebaut, und 2006 wurde in der Klinik eine zusätzliche Abteilung für Diagnostik, Lehre und Forschung eröffnet. Mit der Integration in das Universitätsspital Basel (USB) eröffneten sich für die Augenklinik spannende neue Perspektiven im Bereich der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Inneren Medizin, der Neurologie und der Chirurgie. So ist das USB beispielsweise das Schweizer Zentrum für eine kürzlich zugelassene Gentherapie gegen die erbliche Netzhautdystrophie; eine seltene Krankheit, von der einer von 3000 Menschen in der Schweiz betroffen ist und die bereits im frühen Erwachsenenalter zur Erblindung führen kann. Das gentherapeutische Medikament wird mikrochirurgisch unter die Netzhaut appliziert, was neben den notwendigen Instrumenten auch beträchtliches Wissen und Können erfordert. Ein zwölfköpfiges Team der Augenklinik hat am 10. März 2021 die erste solche Operation in der Schweiz erfolgreich durchgeführt. Ein weiteres Beispiel für die Zukunftsorientierung der Augenklinik ist die Partnerschaft mit dem Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel (IOB), mit dem die Augenklinik seit 2017 eine enge Zusammenarbeit pflegt. Beide Partner stehen für eine einzigartige Innovationskette in der Augenheilkunde – von der Grundlagenforschung bis zur Patientenanwendung. Die Devise dieser translationalen Forschung lautet «From bench to bedside», also möglichst rasch vom Labor zur Patientin und zum Patienten. Damit Grundlagenforscher und Kliniker Hand in Hand an einem besseren Verständnis von Augenkrankheiten arbeiten können, wird seit der Gründung des IOB angestrebt, sie auch unter einem Dach unterzubringen. Heute liegt die Leitung der Augenklinik a.i. bei Nicolas Feltgen. Für die Patientinnen und Patienten steht eine Poliklinik zur Grundversorgung mit einem 24-Stunden-Notfalldienst zur Verfügung, zusätzlich bietet die Augenklinik sämtliche Spezialsprechstunden der Augenheilkunde an. Um weiterhin an vorderster Front der medizinischen Innovation tätig sein zu können, wird die Chirurgie der Augenklinik derzeit umfassend auf digitale Mikroskopie umgestellt. Dabei wird auch eine Live-Bildgebung der Netzhaut während der Operationen ermöglicht. Für Operationen kann die Klinik auf erfahrene Spezialisten und modernste Technik zurückgreifen, bei Bedarf steht neben dem ambulanten Bereich auch eine Station zur Verfügung.
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Blick in die Zukunft Lange Tradition. Starstecher, Spaltlampe und die Basler Augenklinik Text Michael Mildner. Die Geschichte der Augenheilkunde reicht mehr als 4000 Jahre zurück, als in den Hochkulturen des Nahen Ostens bereits Spezialisten für Augenbehandlungen tätig waren. Über die Okulisten und Starstecher des Mittelalters entwickelte sich die Ophthalmologie allerdings erst in den letzten Jahrhunderten zu einer wissenschaftlich fundierten, medizinischen Disziplin. Mit der Gründung des Augenspitals, der Vorläuferin der Augenklinik, durch Dr. Heinrich Schiess-Gemuseus im Jahr 1864 entstand in Basel die Basis für ein international renommiertes Behandlungs-, Lehr- und Forschungszentrum.
Innenhof der Basler Augenklinik um 1925.
Innenhof der Basler Augenklinik heute.
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